Kritik von Hebammen In Baden-Württemberg gibt es mehr Geburten per Kaiserschnitt

Geht es nach den Zahlen, wird die Geburt auf dem OP-Tisch immer beliebter: Die Kaiserschnittrate in Baden-Württemberg ist gestiegen. Foto:  

Per Skalpell geplant und minutenschnell kommt heute schon jedes dritte Kind im Land zur Welt. Während Ärzte den Trend gelassen sehen, sehen Hebammen in der Aufklärung von Schwangeren ein Defizit.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Hauptsache, das Kind kommt gesund zur Welt – so wünschen es sich wohl die meisten werdenden Eltern. Doch es bleibt die Frage, auf welchem Weg dies wohl am besten gelingen kann: per Kaiserschnitt oder mit einer natürlichen Geburt? Geht es nach den Zahlen, wird die Geburt auf dem OP-Tisch hierzulande immer beliebter: Die Kaiserschnittrate in Baden-Württemberg ist wieder gestiegen, vermeldet die Techniker-Krankenkasse.

 

So wurden im Jahr 2022 fast 28 Prozent der Babys auf dem OP-Tisch entbunden. 2019 hatte die Kaiserschnittrate noch bei 26,8 Prozent gelegen und blieb in den folgenden zwei Jahren sogar leicht unter dieser Quote. Der Trend ist auch in anderen Bundesländern zu beobachten: So lag die bundesweite Sectiorate 2022 bei 29,7 Prozent.

Nicht nur die Betroffenen fragen sich, ob das nötig oder sogar auch schädlich für Mutter und Kind ist. Eine klare Antwort darauf gibt es nicht: „Das Ziel ist es stets, für Mutter und Kind die beste Versorgung zu gewährleisten“, sagt Ulrich Karck, Ärztlicher Leiter der Frauenklinik am Klinikum Stuttgart.

Das bedeutet, rasch zu erkennen, wann ein Kaiserschnitt medizinisch unausweichlich wird: etwa wenn das Kind quer liegt oder die Gebärmutter einzureißen droht. Gleiches gilt, wenn die Plazenta vor dem Muttermund liegt und so den Geburtskanal verlegt, oder sich vorzeitig löst – was zu starken Blutungen führen kann – oder aufgrund einer Mutterkuchenschwäche schlecht durchblutet wird. „In solchen Fällen ist die Sauerstoffversorgung des Kindes im Bauch gefährdet“, sagt Karck.

Die Politik hat den Verbesserungsbedarf bereits erkannt

Auch mache den Ärzten eine weitere Entwicklung zu schaffen: „Viele Frauen sind deutlich übergewichtiger als noch vor 30 Jahren, ein wachsender Anteil ist auch adipös“, sagt Karck. Dementsprechend werden auch die Kinder kräftiger. Gleichzeitig passt sich die Beckenstruktur der Frauen dieser Entwicklung nicht an, weshalb der Geburtskanal für die Kinder zu eng wird. „Der Kaiserschnitt kann da eine Option sein, den Geburtsvorgang sowohl der Mutter als auch dem Kind zu erleichtern“, so Karck.

So gesehen warnt Karck davor, stets nur auf die Kaiserschnittrate zu achten. Wichtiger sei es doch, dass die Frauen selbst bestimmen können, wie sie ihr Kind zur Welt bringen wollen: „Es braucht eine frauenorientierte Geburtshilfe“, sagt der Gynäkologe. „Eine, die darauf schaut, was die Frauen für sich selber als richtig empfinden.“

Ein Grundsatz, den auch der Hebammenverband Baden-Württemberg unterstützen kann. „Nur, dass viele Frauen nicht ausreichend über den Umgang und das Erleben einer Geburt informiert sind“, kritisiert die Zweite Verbandsvorsitzende Luisa Seibert. Oft führen Geburtsängste dazu, dass werdende Mütter eine Geburt per Kaiserschnitt einer vaginalen vorziehen würden. Dabei haben Studien gezeigt, dass eine enge Betreuung durch eine Hebamme entscheidend dazu beiträgt, wie eine Geburt verläuft – und ob es zu einem Kaiserschnitt kommen muss.

Der Bedarf wurde seitens der Politik erkannt: Bereits 2016 beschloss die Bundesregierung das nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“, um unter anderem natürliche Geburten zu fördern. Im Jahr 2020 folgte die S3-Leitlinie zum Kaiserschnitt der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Darin heißt es, dass eine Sectiorate über 15 Prozent keinen günstigen Einfluss auf die mütterliche und neonatale Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit habe und daher gut begründet sein sollte.

„Es gibt durchaus Krankenhäuser, die es geschafft haben, die Zahl der Kaiserschnitte zu senken“, sagt Seibert. Aber der Wandel – sowohl im Bewusstsein der Ärzte als auch bei werdenden Eltern – brauche Zeit. Und er braucht Geld: Kaiserschnitte sind für Kliniken besser zu planen als vaginale Geburten. Sie werden zügiger abgewickelt und binden weniger Personal. Zudem kann sich nicht jede Klinik einen Hebammenkreißsaal leisten, in dem die Schwangeren ausschließlich von Geburtshelferinnen betreut werden, wie im Klinikum Stuttgart.

Wie die Landesregierungen in anderen Bundesländern hat auch das Land Baden-Württemberg nun begonnen, den Ausbau von hebammengeführten Kreißsälen zu fördern: Seit Sommer 2023 steht hierfür eine halbe Million Euro bereit. Nun haben neun Krankenhäuser damit begonnen, die entsprechenden Strukturen auf- und auszubauen: die Unikliniken Ulm und Freiburg, das Marienhospital in Stuttgart sowie Kliniken in Herrenberg und Schwetzingen. Weitere Hebammenkreißsäle sind in Göppingen, Biberach, Offenburg-Kehl und Waldshut geplant.

Unterstützung von Schwangeren sollte nicht erst im Kreißsaal beginnen

„Hebammenkreißsäle bieten die Möglichkeit einer interventionsarmen Geburt, während zugleich eine medizinische Betreuung im Hintergrund vorhanden ist. Die Selbstbestimmung und Wahlfreiheit der Frauen stehen dabei im Vordergrund“, erklärte Gesundheitsminister Manne Lucha dazu am Freitag.

Geht es nach der Hebamme Luisa Seibert, sollte die Unterstützung von Schwangeren durch Geburtshelfer nicht erst im Kreißsaal beginnen: „Doch hierzulande ist die Schwangerenbetreuung meist in der Hand von Gynäkologen.“ Hebammen werden vonseiten der Ärzte selten eingebunden.

Seibert rät daher werdenden Müttern dazu, parallel zur gynäkologischen Betreuung auch eine Begleitung durch eine Geburtshelferin einzufordern. „Jede Hebamme ist dafür ausgebildet, Ängste, Sorgen und Probleme anzusprechen und Lösungen zu finden, die individuell zu der Schwangeren passen.“

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