Krönung von König Charles III. London leuchtet für einen Tag

Es war ein sehr nasser Krönungssamstag. Die Engländer ließen sich das Feiern aber nicht vermiesen. Foto: IMAGO/ ZUMA Wire/IMAGO/Vuk Valcic

Ist ganz London im Krönungsfieber? Nicht ganz. Die einen feiern den Kitsch und Pomp des Königshauses, dann gibt es die der Monarchie müden Menschen und die lautstarken Kritiker. Und dennoch: Die Krönung könnte dem Tourismus der Stadt sehr guttun.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Die Briten wissen, wie man feiert. Wie man üppig mit Deko glänzt, die perfekten Snacks und Picknickdecken auspackt. Luftlinie gerade mal ein paar hundert Meter von den glamourösen Fernsehbildern der Parade und der Winke-Szenerie auf dem Balkon entfernt, ist die Londoner Innenstadt eine andere. Komplette Straßenzüge sind für Autos gesperrt, die Karawane mit aufblasbaren Kronen, Regencapes mit Union Jacks und vielen Fähnchen zieht weiter. Es gibt für viele Tausende Schaulustige kein Durchkommen. Ganz vorne steht nur, wer sich um 6 Uhr in der Früh in Position gebracht hat.

 

Der Hyde Park erinnert an Rock am Ring

Der Hyde Park, wo das durchkomponierte Krönungsspektakel auf einer Leinwand übertragen wird, ähnelt dem Festivalgelände von einem sehr matschnassen Tag bei Rock am Ring. Es gibt Dixie-Klos und Essensstände. Nur, dass niemand Gummistiefel trägt, und die Hauptattraktion keine amerikanische, breitbeinige Rockband, sondern ein 74-jähriger Mann mit sehr schwerer Krone ist.

Die Welt schaut nach London. In London schaut man derweil in den Himmel. Es ist ein sehr feuchter Krönungssamstag. Und was machen die Engländerinnen und Engländer? Sie feiern weiter. Auf dem Klappstuhl mit Regenschirm und Pimm’s, einem Drink mit Gin: Cheers to the King!

London ist nicht mehr das, was es einmal war

Für einen Tag scheinen die vielen Sorgen fast vergessen, die das Land und die Metropole plagen. London ist nicht mehr das, was es einmal war. Brexit, Covid, Krieg, Inflation. Und dann stirbt auch noch die Queen, die Frau, die immer da war, das Scharnier eines sehr wackligen Konstrukts. London ist nicht England. Und die Lage ist kompliziert. Den Londonern ist vieles peinlich; der Brexit, die Krönung zum Teil auch. Nur kalt lässt dieses Bohei rund um den Krönungstag von Charles III. niemanden.

Refat Naz Dhar schaut sich am Flughafen Heathrow die Krönungsdevotionalien an. In ihrer Hand wendet sie eine Münze mit dem Konterfei des Königs. Ihre Stimme wird brüchig, wenn sie über ihn spricht. Sie kann es nicht glauben, dass Charles nun auf dem Geldstück geprägt ist, dass er nun das Oberhaupt ihres Landes ist: Sie sei stolze Britin, „born and raised“. Ihr pakistanischer Vater kam hierher, weil England nach dem Krieg Arbeitskräfte brauchte. „Ich bin mit der Queen aufgewachsen. Sie war eine Konstante in meinem Leben. Sie war überall, auf Geldscheinen und auf Briefmarken“, erzählt die 45-Jährige.

Doch heute hat sie einen anderen Blick auf die Monarchie, auch auf die Kolonialisierungsgeschichte, die an der Schule nicht gelehrt wurde. „Schauen wir uns nicht die Vergangenheit an. Doch es ist zutiefst beunruhigend, dass der König bei den höchsten Lebenshaltungskosten, die Großbritannien je erlebt hat, eine lächerliche Menge an Vermögen erbt, aber keine Erbschaftssteuer zahlt wie jeder andere britische Bürger“, sagt Naz Dhar. Sie findet, dass es nicht darum geht, ob man für oder gegen die Monarchie ist, sondern die Realität in Großbritannien sieht, wo es derzeit mehr Tafelläden als McDonalds-Filialen gibt.

Die eingefleischten Fans kampieren an der Mall

Eunice Hardstone ist derweil mittendrin im royalen Taumel. An ihren Ohren baumelt Schmuck mit Union Jack, auf dem Kopf trägt die Dame einen Strohhut mit Band in blau-weiß-rot. Eunice ist aus einer kleinen Stadt in East Dorset nach London gereist. Seit Dienstag hat sie mit vier Freundinnen, alle um die 70 Jahre, – wortwörtlich – ihre Zelte aufgeschlagen, um an der Mall am Buckingham Palast ganz vorne dabei zu sein. Sie war jung, als vor 70 Jahren die Queen auf den Thron kam, dies sei ihre letzte Chance eine Krönung live mitzuerleben.

Alle Hartgesottenen in den ersten Reihen in der Nähe des Buckingham Palastes sind Fans der Royals, unterstützen ihren neuen König. Zwischen den Neugierigen und Exzentrikern stolziert ein Paar umher, das mit sehr zusammengekniffenen Augen und etwas Fantasie wie Harry und Meghan aussieht. Eine Engländerin nennt die Look-A-Likes „pathetic“, „erbärmlich“, die meisten sind amüsiert.

Der Krönungstag fällt ins Wasser

Simone Kunisch, 46 Jahre alt, ist verrückt nach London. Seit der ersten Klassenfahrt auf die Insel schätzt sie, dass sie um die hundert Mal hier war. Irgendwann habe sie aufgehört zu zählen. Dieses Mal ist sie für über eine Woche aus der Nähe von Kassel angereist. Kunisch sitzt bei der Tea Time im Theatre Royal, wo gerade „Frozen“ gespielt wird. Und Andrew Lloyd Weber spaziert am Tisch vorbei. Kunisch war schon zu einigen royalen Ereignissen wie etwa zur Hochzeit von Harry, zum Thronjubiläum der Queen und auch zur Beerdigung in London. Ihr Eindruck dieses Mal: „In Sachen Dekoration übertrumpfen sie sich jeden Tag etwas mehr.“ Doch der Krönungstag selbst fällt im Einkaufszentrum Battersea Power Station ins Wasser und einige Bildschirme funktionieren nicht.

London, diese knapp Zehn-Millionen-Metropole ist eine Stadt der Gegensätze

London leuchtet in weiß, blau, rot. Überall wehen die Union Jacks; in der Regent Street, im Covent Garden, in Chinatown. Der Rubel rollt. Beziehungsweise das Pfund: königliche Devotionalien allerorten. Drei Millionen Tassen, Becher und Gedenkteller sollen mit Krönungsmotiven produziert worden sein. Und noch mehr Keksdosen. Das berühmte „Mind the gap“ in der Londoner U-Bahn wird von Charles gesprochen, Kate und William trinken ein Pint in einem Pub im Soho, um all den Dienstleistenden an diesem langen Feier-Wochenende ihre Wertschätzung zu zeigen.

London, diese Metropole mit gut neun Millionen Einwohnern, ist eine Stadt der Gegensätze: hier das prunkvolle Großereignis mit güldener Kutsche und Apfelschimmeln, dort die Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre wöchentliche Rate für eine Kellerabsteige bezahlen sollen. Das Leben und vor allem schöne Leben ist für viele schlichtweg unerschwinglich. Das Gesundheitssystem vor dem Kollaps.

Im Londoner East End ist die Krönung weit weg von der gentrifizierten Realität

Im Londoner East End – zwischen Vintage-Shops, Street Art und Bagel-Bäckereien – ist die Krönung sehr weit weg von der gentrifizierten Realität. Der Stadtteil Spitalfields steht sinnbildlich für den Boom der Stadt. Viele Exilanten spülte es an den Rand von London, bevor es von den jungen Kreativen entdeckt wurde. Es gibt noch wenige Spuren davon, wie der Osten noch vor zwei Jahrzehnten war. So wie es Monica Ali in ihrem Bestseller „Brick Lane“ beschrieben hatte. Alle Einwanderer kamen hier in London an: die Bengalen, Juden, Inder. Was früher Höllenloch und schlimmes Elendsviertel war, ist heute ein moderner, unbezahlbarer Kiez mit vielen Hipstern aus aller Welt. Nur die Krönung scheint hier niemanden zu interessieren. „Wir sind der Monarchie müde“, sagt Kunaal Singh, der durch die Brick Lane spaziert.

Ben wiederum ist nicht müde, sondern wütend, auch wenn er klitschnass an Hyde Park Corner steht. Trotz seines ernsten Anliegens hat er ein sehr lustiges Plakat gebastelt: „We weren’t heard“ – „wir wurden nicht gehört“ – steht darauf, zwei riesige Ohren, die auf Charles‘ Lauscher anspielen, sind seitlich angeklebt. „Ich finde nicht, dass dieses Amt vererbbar sein sollte“, sagt der Mittzwanziger. Diese Krönung habe nichts mit einem modernen Land zu tun.

Folgt nach dem Rausch der Kater danach?

In London wird derweil auch am Sonntag mit Straßenfesten weitergefeiert. Meist zu wohltätigen Zwecken, mit Coronation-Quiche, Scones und wieder Pimms. Abends dann schauen alle nach Windsor, wo Katie Perry und Lionel Richie für den König singen. Die Briten wissen auch, wie man lange feiert. Doch es wird wohl wie immer sein: Nach dem Rausch folgt der Kater. Nur vermutlich ist der in London vergnüglicher als anderswo.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu London