Kultur am Kelterberg in Stuttgart-Vaihingen Auch das Grau hat seine Berechtigung

Eigentlich ist Grau nicht ihre Lieblingsfarbe, doch Stuttgart im Februar regte Veronika Idler zu dieser Stadtansicht an. Foto: Sabine Schwieder
Eigentlich ist Grau nicht ihre Lieblingsfarbe, doch Stuttgart im Februar regte Veronika Idler zu dieser Stadtansicht an. Foto: Sabine Schwieder

Die Dozentin Veronika Idler zeigt in Kursen des Kunstvereins Kultur am Kelterberg, wie man Eitempera selbst herstellt.

Filder-Zeitung: Sabine Schwieder (ssc)
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Vaihingen/S-Nord - Veronika Idlers Bilder entstehen aus einem Impuls heraus, und so wie ihr Leben gelegentlich eine unerwartete Wendung nimmt, so wenig hält sie davon, vor dem Malen ein Konzept zu erstellen. Die Dozentin des Kunstvereins Kultur am Kelterberg lässt sich gerne überraschen. Vom Leben, von den Farben, von ihren eigenen Arbeiten. Da sie zugleich überzeugt davon ist, dass auch weniger begabte Menschen nur ihre Wahrnehmung schulen müssen, um malen zu können, gibt sie am Kelterberg Wochenendkurse für Erwachsene. Dort bringt sie ihren Schülern unter anderem bei, wie man aus einfachen Zutaten wie Ei, Öl, Harz und Pigmenten leuchtende Eitempera herstellen kann.

Die Farben haben es der in Waiblingen geborenen Künstlerin schon früh angetan. Sie wuchs in einem kleinen Ort im Remstal in einer Familie mit fünf Kindern auf. Nach der Schule machte sie zunächst eine kaufmännische Ausbildung, fühlte sich aber bald sehr unglücklich damit. Nach einem Kunststudium, erst in Nürtingen, dann an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart, das sie 2001 abschloss, versuchte sie, künftig nur noch von ihrer Kunst zu leben. „Ich hatte die Illusion, das mit einem asketischen Leben verwirklichen zu können“, gesteht sie. Seit 2007 arbeitet sie am Kelterberg als Dozentin, bei der Volkshochschule Echterdingen betreut sie eine feste Malgruppe, im Stuttgarter Norden gibt sie Malkurse für Kinder.

Idler ist während ihrer Arbeit umgeben von Musikern, Schauspielern und Tänzern

Veronika Idler ist oft umgezogen, zurzeit ist sie wieder einmal auf der Suche nach einer Wohnung. Seit etwa sechs Jahren aber arbeitet sie kontinuierlich in ihrem Atelier an der Löwentorstraße auf dem Bosch-Areal. Umgeben von anderen Künstlern, Musikern, Schauspielern der Spielstätte Nord und Tänzern der Gauthier Dance Company. Eine anregende Atmosphäre, die Idler zu recht unterschiedlichen Bildern inspiriert. „Es passiert mir öfter, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht“, sagt sie freimütig, „und in jeder Umbruchphase ändern sich auch meine Bilder.“

Zu Beginn ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigte sie sich viel mit dem Thema Raum. Sie erfand Räume, bei denen die Perspektive nicht stimmte, die sich immer wieder wandelten. Unter den später entstandenen Bildern sind sowohl abstrakte Farbflächen als auch detailreich gezeichnete Porträts. Auch übermalte Fotografien sind darunter. Gelegentlich sogar düstere, mit Spachtel bearbeitete Gemälde. Ihre eigentliche Sprache aber ist die Farbe. „Ich mag die vielen Nuancen, für die es gar keine Worte gibt“, sagt sie. So entsteht Schicht auf Schicht die Farbe, die für sie nicht einfach nur schön ist, sondern auch etwas mit der Seele macht.

Surreale Bilder: das Stadtleben in Fensterscheiben gespiegelt

Viele ihrer Ideen entstehen spontan. Irgendwann fiel ihr auf, wie laut die Stadt ist, und plötzlich malte sie Autos. „Obwohl mich Autos eigentlich nicht interessieren“, sagt sie, immer noch erstaunt darüber. Eine Weile lang malte sie also das Stadtleben, gespiegelt in Fensterscheiben. Plötzlich wirkten Veronika Idlers Bilder surreal. Andere wiederum sind gestisch: in großen Bewegungen auf die Leinwand gebracht.

Doch bei ihrem jüngsten Werk schienen ihr die großen Gesten nicht möglich. „Stadtfarben im Februar“ heißt die graue Ansicht von Stuttgart. „Es war ein Impuls, eigentlich ist Grau nicht meine Farbe“, sagt Idler. Beim Malen aber entdeckte sie, dass diese Farbe die übrigen besonders zum Leuchten bringt. „Das Grau hat wohl seine Berechtigung“, überlegt sie, „es gibt im Leben ja nicht nur Sonnenschein, und nach dem Winter schätzt man das Farbige wieder mehr.“




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