Kultur in Corona-Zeiten Stuttgarter Künstler ohne die große Bühne

Andrew Bogard ist Bariton an der Staatsoper Stuttgart. Durch die Corona-Krise stand er seit mehr als einem Jahr nicht mehr auf der Bühne.  Foto: Alwin Maigler 4 Bilder
Andrew Bogard ist Bariton an der Staatsoper Stuttgart. Durch die Corona-Krise stand er seit mehr als einem Jahr nicht mehr auf der Bühne. Foto: Alwin Maigler

Seit fast einem Jahr steht die Kunst- und Kulturszene in Stuttgart zu großen Teilen still. Die Corona-Krise und der Lockdown haben vor allem die Künstler im Kessel getroffen. Wir haben mit Opernsänger Andrew Bogard, Romantica-Resident HÄNSN, Sängerin Tabea Booz und Musiker Julian Knoth von "Die Nerven“ gesprochen.

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Stuttgart – Das letzte Konzert, der letzte Gig im Club oder die letzte große Performance auf Stuttgarts Bühnen – das alles ist für Künstler inzwischen bald ein Jahr her. Die Corona-Krise und der damit verbundene Lockdown haben Konzert-Locations, Clubs oder Opernhäuser im Kessel und auf der ganzen Welt leer gefegt. Ob Sub- oder Hochkultur, der Stillstand ist allgegenwärtig. Und vor allem wurde das Leben derjenigen, die normalerweise auf Stuttgarts Bühnen stehen, ausgebremst. Fast ein Jahr Corona-Krise bedeutet für die Künstler im Kessel, dass auch sie schon fast ein Jahr ihrem Beruf und ihrer Leidenschaft nicht mehr nachgehen können. Doch was tun, wenn dein Leben plötzlich auf den Kopf gestellt wird? Vier Stuttgarter Artists erzählen uns von ihrem Jahr abseits der Bühne.

Andrew Bogard, Bassbariton bei der Staatsoper Stuttgart

Andrew ist Teil des Ensembles der Staatsoper Stuttgart. Das letzte Mal stand der gebürtige US-Amerikaner für „La Bohème“ auf der Bühne – das war am 11. Januar 2020. Dann kam die Pandemie und hat den Spielbetrieb stillgelegt. „Ich habe das große Glück, dass ich fest bei der Staatsoper angestellt bin. So bin ich während der Pandemie durch Kurzarbeit abgesichert und werde weiterhin bezahlt“, erzählt Andrew. Bei seinen freischaffenden Kollegen ist die Situation wesentlich angespannter. Durch die vielen abgesagten Aufführungen haben sie einen Großteil ihres Einkommens verloren. „Auch wenn ich abgesichert bin, bin ich – wie so ziemlich jeder von uns – ziemlich über mein Performance-Level besorgt, da ich so lange nicht mehr auftreten konnte“, erzählt er. "Man kann es mit Profi-Sportlern vergleichen, die lange nicht mehr trainiert haben. Irgendwann fängt man dann schon an zu zweifeln. Unsere Stimmen sind unsere Instrumente, deshalb singe ich daheim weiterhin jeden Tag, um mein Stimmvolumen zu erhalten. Aber das ist natürlich niemals so effektiv wie andauernde Proben oder Auftritte“, so Andrew.

Nach über einem Jahr Zwangspause freut sich Andrew am meisten darauf, sobald wie möglich wieder auf der Bühne der Stuttgarter Staatsoper stehen zu können. „Ich werde es zukünftig noch viel mehr schätzen, mit meinen Kollegen vor unserem Publikum auftreten zu dürfen", so der Opernsänger. 

Julian Knoth, Sänger bei „Die Nerven“ und Solokünstler

Auch Julian Knoth, bekannt als Mitglied der Stuttgarter Band „Die Nerven“, hat seit fast einem Jahr keine Bühne mehr betreten. „Für ‚Die Nerven‘ hatten wir für 2020 schon vor Corona eine kreative Pause eingeplant und ich wollte mich auf meine Soloprojekte konzentrieren und damit dann natürlich auch live auftreten“, erzählt uns Julian. Eines dieser Projekte ist das „Peter Muffin Trio“, mit dem er Mitte Februar 2020 den letzten Auftritt im Komma in Esslingen hatte. Seitdem liegen alle Gigs auf Eis. „Vor allem fehlt mir natürlich der direkte Austausch mit dem Publikum und das Feedback, das man auf der Bühne bekommt“, so Julian. Die Pause nutzte er für andere kreative Projekte wie Theatermusik oder ein neues Peter Muffin-Album, das er in seinem Studio daheim aufgenommen hat und Anfang Februar veröffentlichen wird. „Bei all der kreativen Freude fehlt mir das Spielen vor Publikum aber natürlich extrem“, so Julian. „Ich kann es kaum erwarten, wieder ein Konzert zu besuchen, auch wenn das vermutlich noch einige Zeit dauern wird.“

Aber werden die Leute „nach Corona“ überhaupt wieder so unbeschwert auf Konzerte gehen? „Ich hoffe sehr, dass wir uns auch an diese neue Situation dann ganz schnell wieder gewöhnen können."

Tabea Booz, Sängerin und Songwriter

Zuletzt stand die Sängerin Tabea Booz im Rahmen der „Renascent Pulse of Time“-Reihe im Jazzclub Kiste vor einem größeren Publikum auf der Bühne – das war im Dezember 2019. Kurz zuvor ging die Tour mit Tabeas Band zu Ende. „Auch für 2020 war eigentlich eine Tour geplant, ich bin sogar Anfang März noch nach Berlin zum Songwriting gefahren. Doch dann kam der Lockdown und mir war recht schnell klar, dass das mit einer Tour erstmal nichts wird“, so Tabea. „Die Zwangspause habe ich aber trotzdem für meine Musik genutzt. Meine Band konnte beispielsweise nicht mit Milky Chance auf große Europatour gehen, wir hatten also Zeit und sind – selbstverständlich mit Abstand – wieder im Studio gelandet“, so die Stuttgarter Sängerin. In den ersten Wochen des Lockdowns hat Tabea zwei Songs produziert, die sie im Herbst 2020 veröffentlichte. Generell habe sie im Corona-Jahr trotz aller Herausforderungen niemals ihren Optimismus verloren und dabei viel Ruhe und Zeit für sich selbst gefunden.

Doch was bringt die Zukunft? „Kleine Clubkonzerte wird es wohl weiterhin erstmal nicht geben, aber ich freue mich trotzdem auf alles, was 2021 kommen wird“, so Tabea. „Ich wünsche mir vor allem, dass das Stuttgarter Publikum zu unseren Konzerten kommt, wenn es wieder losgeht und dass der Drang nach Live-Musik weiterhin groß ist.“ sagt sie. „Außerdem würde ich mir mehr Unterstützung seitens der Politik wünschen, die bei all den Hilfspaketen auch an die vielen kleine Künstler denken sollte.“

HÄNSN, DJ-Kollektiv „Weview“ und Resident in der Romantica

Ein Jahr ohne Party? Als DJ fast unvorstellbar. Doch so geht es Yannik Hansen aka „HÄNSN“, der als Teil des Stuttgarter DJ-Kollektivs „Weview“ normalerweise in der Romantica auflegt. Nach dem letzten Ging im Dezember 2019 kam auch schon bald der Lockdown. Seit dem 13. März 2020 sind die Clubs im Kessel geschlossen und in dem Elektro-Club an der Hauptstätter Straße herrscht Stille. „Ich war 2020 glaub nur einmal noch als Gast in der Romantica. Aber auflegen konnte ich 2020 dort gar nicht mehr. Ein Jahr ohne Romanica, das ist echt traurig“, sagt Yannick. „Am meisten vermisse ich das Gefühl, mit den Leuten zu feiern, die laute Musik, die Menschenmasse im Club. Dieser Ausgleich fehlt mir total“, so der Stuttgarter DJ. Er hofft, dass die Clubs und das Nachtleben in Stuttgart weiterhin mit Hilfen gesichert werden. „Der Live Music Fonds des Pop-Büros hat zum Beispiel vielen geholfen. Einige Künstler haben einen solchen Support leider nicht – für sie muss eine Perspektive geschaffen werden.“

Die Romantica ruft seit ihrer Schließung regelmäßig zur Spendenaktion auf, damit man dort auch nach der Pandemie noch feiern kann. Yannik und seine „Weview“-Crew haben hierfür ein Showcase erstellt, das es auf SoundCloud zu hören gibt und mit dem sie ihren Club supporten wollen.
 




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