Kultur Misswirtschaft bei den Philharmonikern

Das Orchester in seiner ganzen Pracht, doch hinter den Kulissen gibt es erhebliche Probleme. Foto: Stuttgarter Philharmoniker
Das Orchester in seiner ganzen Pracht, doch hinter den Kulissen gibt es erhebliche Probleme. Foto: Stuttgarter Philharmoniker

Die Stuttgarter Philharmoniker erzeugen Missklänge: Das Orchester verzeichnet Mehrausgaben von 360 000 Euro. Das Problem: die Stadt hatte das nicht genehmigt. Nun hat der Intendant ein Problem.

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Stuttgart - Die Stuttgarter Philharmoniker haben nach Ansicht von Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Seit 2014 sei das Budget um rund 360 000 Euro überzogen worden, bestätigte sie Informationen der Stuttgarter Zeitung. Die Kulturverwaltung macht den Intendanten Michael Stille für die ungenehmigten Ausgaben verantwortlich.

In der Sitzung des Verwaltungsrats der Philharmoniker am 16. Februar wurden „überproportional hohe Reisekosten“ als Begründung angeführt. Es sei auch viel Geld für die Verpflichtung von Chören ausgegeben worden. Gastspiele in Baden-Württemberg seien meist kostendeckend, erläuterte der Verantwortliche; problematisch seien solche mit Übernachtung.

Der Intendant muss sich mit schlechteren Konditionen zufrieden geben

Das hat Konsequenzen. Eisenmann bestätigte, dass der seit 2001 im Dienst der Philharmoniker arbeitende Stille einen kaufmännischen Geschäftsführer zur Seite bekommt und sich nach dem Wegfall eines Aufgabengebiets mit deutlich schlechteren Konditionen zufrieden geben muss. Berücksichtige man eine unbesetzte halbe Stelle, erfolge die Änderung aufkommensneutral, erklärt die Bürgermeisterin. Es sei mit dem Verwaltungsrat besprochen, dass nicht am Personal gespart werde. Dies würde nur die künstlerische Qualität gefährden. Sie ist der Meinung, die Philharmoniker seien finanziell ausreichend ausgestattet.

Über die Zwangsmaßnahmen wird der Gemeinderat Ende April befinden. Die Zustimmung gilt als sicher, nachdem der Verwaltungsrat und das Land, das 37,5 Prozent der Ausgaben trägt, sowie der Beteiligte selbst zugestimmt haben. Stille wollte sich auf StZ-Anfrage ebenso wenig äußern wie das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie Vertreter des Orchestervorstands. Sie verwiesen auf die Stadt als Trägerin der Philharmoniker.

Der Freundeskreis des Orchesters kann nicht helfen

Stephan Schorn, Vizechef des Freundeskreises des Orchesters, zeigte sich überrascht von der Schieflage. Zur Minderung des Defizits könne der Verein nichts beitragen, die Spenden beliefen sich auf 25 000 Euro im Jahr und seien auf die Unterstützung beim Kauf von Instrumenten oder Zuschüssen für einen Empfang beschränkt.

Die Mehrkosten von 360 000 Euro müssen von der Stadt getragen werden, denn die Philharmoniker sind eine Abteilung des Kulturamts. 2017 müsse die Balance zwischen künstlerischer Weiterentwicklung und finanzieller Situation erreicht werden. Ob dies gelinge, könne noch nicht gesagt werden, so Eisenmann in der Verwaltungsratssitzung. Mitglieder des Orchestervorstands äußerten die Befürchtung, es werde am falschen Ort gespart und der Klangkörper mache sich unglaubwürdig, wenn nach der derzeitigen Planung 2017 mindestens zehn Konzerte weniger gespielt würden und damit das Orchester drei Monate nicht beschäftigt wäre. Künstlerisch stünde es dann schlechter da als noch 2014.

Ob der Dirigent seinen Vertrag verlängert, ist unklar

Sorgen machen sich Mitglieder auch darüber, wie der seit Herbst 2015 tätige Dirigent Dan Ettinger auf diese Situation reagieren wird. Er sei eingebunden und einverstanden, sagte Eisenmann. Das wird man in der nächsten Sitzung vor der Sommerpause sehen. Dann geht es nicht nur um die Jahresfinanzplanung, sondern auch um die Vertragsverlängerung des Israeli.

Der Verwaltungsrat war sich einig, beim Land nicht um die vertraglich vereinbarte hälftige Unterstützung zu bitten. Hintergrund ist die Rüge des Landesrechnungshofs, der 2012 empfahl, aus der gemeinsamen Förderung der Philharmoniker auszusteigen, weil es sich um ein reines Stadtorchester handele. Um eine ausgewogene Lastenverteilung zwischen Land und Stadt zu erhalten, sollte im Gegenzug die Landeshauptstadt nicht mehr für eine andere Kultureinrichtung aufkommen müssen. Die Prüfer hatten die „geringe Auslastung und verhältnismäßig geringe Anzahl an Auftritten außerhalb Stuttgarts“ moniert. Das habe sich deutlich verbessert, heißt es heute.

Die Stadt kalkuliert mit einem jährlichen Verlust von 5,5 Millionen Euro

In den Büchern der Philharmoniker stehen Einnahmen von rund 4,2 Millionen Euro durch Zuschüsse sowie rund 900 000 Euro durch Ticketverkäufe. Die Aufwendungen betragen dagegen 9,4 Millionen Euro; der größte Posten sind die Personalkosten von acht Millionen Euro. Die Stadt kalkuliert mit einem jährlichen Verlust von 5,5 Millionen Euro.

Die Ausgaben im Sachmittelbereich uferten erstmals 2014 aus. Das Defizit betrug 106 300 Euro und stieg bis Ende 2015 auf 234 900 Euro an. Das sei sogar noch weniger als erwartet gewesen, weil die Neubesetzung freier Musikerstellen etwas gedauert habe. Im Frühjahr 2015 sei das Problem dann sichtbar geworden, sagt Susanne Eisenmann. Wegen der langen Vorlaufzeiten von Verträgen habe der Verlust für das laufende Jahr auf 120 000 Euro beschränkt werden können. „Was Sie jetzt sehen, ist die Spur nach der Vollbremsung“, sagt die Bürgermeisterin.

Die Verantwortung für eine „sachgerechte Mittelbewirtschaftung“ liege allein beim Intendanten, nicht bei der Leitung des Kulturamts. Zur Frage, warum die Wirtschaftspläne Referats- und Amtsleitung passieren konnten, erklärt die Chefin, darin seien die zusätzlichen Ausgaben nicht enthalten gewesen. „Als wir es gemerkt haben, schritten wir ein.“ Als Konsequenz darauf sei angeordnet worden, künftig im gesamten Haus die Ausgaben auch unterjährig zu überprüfen.




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