Kultur-Talk Anke Engelke packt in neuer Sendung aus

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Erst hieß die Sendung „Helge hat Zeit“ und wurde vom Entertainer Helge Schneider moderiert. Nun heißt es „Anke hat Zeit“ – und das ist auch gut so. Frau Engelke macht nämlich auch Spaß.

Diese Frau hat viele Talente: Anke Engelke beim Eurovision Songcontest Foto: dpa
Diese Frau hat viele Talente: Anke Engelke beim Eurovision Songcontest Foto: dpa

Köln - Sie schlendert ins Studio, sie singt, wie sie wahrscheinlich auch Zuhause beim Kochen singen würde, sie fragt locker in die Runde: „Was wollen wir machen heute?“ Und schon ist aus dem sesselvollen Studio ein WG-Wohnzimmer geworden, das Publikum und die Gäste zu Mitbewohnern – und der Mensch vor dem Fernseher darf Mäuschen spielen. Anke Engelke ist in ihrer neuen Sendung „Anke hat Zeit“, die sich am Samstagabend neunzig Minuten lang im späten WDR-Programm breitgemacht hat, im doppelten Sinn angekommen: In einem Senderaum, der all ihren Talenten den entsprechenden Platz schenkt. Grimassengymnastik beispielsweise lässt sich am besten auf dem weichen Sofa vollführen, spontane Quatscheinlagen an dem Quasi-Küchentisch in der anderen Ecke aus dem Hut zaubern. Anke Engelke scheint aber nicht nur daheim zu sein, sondern ganz bei sich, dieser Frau, die immer eine Wundertüte ist.

Vorher hieß die Sendung „Helge hat Zeit“. Die war gut, weil ganz Helge Schneider. Aber eine One-Man-Show. Jetzt sitzt der, der die Sendung nach zwei Ausgaben hingeworfen hat und eigentlich keine Zeit mehr hat, als Solo-Nummer an der Orgel, scherzt mit Engelke, die sich kurz zu ihm setzt, um gleich darauf ihr Ding zu starten. Sie streift wie in Pantoffeln durch ihr neues Domizil und endlich reißt sie die Tüte auf, die sie ihren Mitbewohnern und den Mäusen vor dem Bildschirm aus dem Kultur-Supermarkt mitgebracht hat. Köstlicher Kunstknabberspaß: Sie plaudert mit der Schauspielerin Caroline Peters wie mit einer Freundin übers Theater, mit der Musikerin Lianne La Havas über die Liebe, mit dem Bratschisten Nils Mönkemeyer über Trinkspiele (ja, Trinkspiele), sie rezitiert einen Text von Katja Brunner, die mit erst 22 Jahren den Mühlheimer Dramatiker-Preis gewonnen hat, sie streitet sich mit der Sängerin Sophie Hunger wie mit einer WG-Zicke ungefiltert über die Definition von Pop und lässt sich von dem Philosophen Markus Gabriel den neuen Realismus erklären. Dabei schweigt sie, mal guckt sie völlig bescheuert, wenn sie nichts von dem versteht, was ihr Gegenüber da so vom Stapel lässt und dann spricht sie zwischendurch plötzlich Fantasiekoreanisch. Sie lässt es laufen, ihr Mundwerk, ihr extravagantes Mienenspiel – aber auch ihr Stocken und ihr Scheitern. Das alles ist lustig, ernst, banal, tief schürfend, quatschig, intelligent, blöd, gaga und oft gleichzeitig genial.

Ziemlich verspult – auch ohne Promillepegel

Im Gegensatz zur polternd daherkommenden Show ihrer Kollegin Ina Müller wirkt Engelkes Heimspiel wie leise gedreht, langsam und auch ganz ohne verstärkenden Promillepegel ziemlich verspult – und im Gegensatz zu sämtlichen anderen Talksendungen sehr persönlich und alles andere als gekünstelt. Als die rotzige Theaterautorin Katja Brunner zum Beispiel wissen will, warum Engelke Angst hatte, ihr Stück über Missbrauch zu lesen, antwortet die WG-Chefin: „Weil ich Kinder habe.“Anke Engelke kann im Kinderfernsehen („Die Sendung mit dem blauen Elefanten“) den Kleinen herrlich detailgenau vormachen, wie sie am besten mit dem Finger die Nase ganz hochkommen, wie sie am besten popeln. Sie kann politisch ambitioniert moderieren (ESC). Sie kann grandios scheitern, wie sie das 2004 bei Sat 1 als Late-Night-Talkerin bewiesen hat. Höhen und Tiefen – sie kann viel aushalten. Auch wie jetzt in der Sendung eine blöde Anmache von der Seite oder einfach nur die Stille.

Dass in Frau Wundertüte viel mehr steckt als ein „Ladykracher“, zeigte sich am Samstagabend in einem der vielen kleinen, feinen Momente: Die Sängerin Sophie Hunger stänkerte in ihrer verschrobenen Art, Engelke sei viel weniger schlagfertig, als man denke, „heute Mittag warst Du schneller, da hast du mir Angst gemacht“. Anke Engelke guckte ihr daraufhin seelenruhig in die Augen und sagte sanft: „Ich wollte dir deine Angst nehmen.“

Erst im Herbst heißt es zwar wieder „Anke hat Zeit“, aber Hauptsache, der WDR lässt Engelke weiterhin Sendezeit abwohnen. Auch wenn die Sendung aus jedem Rahmen fällt. Oder gerade deshalb.