Die geplante Umleitung des Verkehrs auf der B14 im kommenden Jahr durch die schmale Esslinger Straße wirft bereits jetzt ihre Schatten voraus. Für den Neubau des Mobility-Hubs und des Hauses für Film und Medien an Stelle des bisherigen Breuninger-Parkhauses muss die Rampe zum Charlottenplatz für voraussichtlich zwei Jahre gesperrt werden. Die erwarteten rund 4000 Autos am Tag sollen dann durchs Bohnenviertel rollen. Dafür muss die Kreuzigungsgruppe vor der Leonhardskirche weichen.
Die Verwaltung hat diese nunmehr bereits quasi über Nacht abgebaut, lediglich der Sockel ist noch mit einem weißen Sichtschutz abgesperrt. Sehr zum Ärger der Gemeinde: „Wir hätten diese gerne bis Weihnachten noch vor Ort gehabt“, sagt Eberhard Schwarz, der geschäftsführende Pfarrer der Evangelischen Kirche in der Stuttgart Innenstadt.
Mehr als 500 Jahre altes Kunstwerk wird wieder aufgestellt
Zwar habe man im Vorfeld über den geplanten Abbau im Laufe des Dezembers Bescheid gewusst, allerdings nicht über den genauen Tag. „Insofern waren wir über die Vorgehensweise durchaus überrascht“, gesteht der Geistliche. Zum einen hätte man die identitätsstiftende Skulptur gerne in der adventlichen Zeit noch an Ort und Stelle gehabt, zum anderen „gerne als Kirchengemeinde öffentlich Abschied genommen“, betont Schwarz.
Schließlich handelt es sich bei der Kreuzigungsgruppe um ein außergewöhnliches sakrales Kunstwerk. Bereits seit 1501 – mehr als ein halbes Jahrtausend – steht die knapp 5,50 Meter hohe Sandsteinskulptur auf dem Kirchhof der Leonhardskirche. Schon immer fungierte eines der Hauptwerke des Bildhauers Hans Seyfer als „Anlaufstelle für Menschen in schwierigen Lebenslagen“, weiß Pfarrer Schwarz. Unter anderem sammelten sich hier die Tagelöhner auf Arbeitssuche nach dem Zweiten Weltkrieg. Zudem finden auch immer wieder kleinere Feiern und auch Führungen statt.
Herausforderung während der Vesperkirche
„Wir haben inzwischen die Aussprache mit der Stadt gesucht, und alle Beteiligten sind an einer engen Zusammenarbeit interessiert“, freut sich Schwarz. Die Kreuzigungsgruppe selbst wurde fachmännisch abgebaut und auf dem Hauptfriedhof zwischengelagert. Auch die Zusage über den fachgerechten Wiederaufbau nach dem Ende der B 14-Umleitung habe die Gemeinde erhalten. Zudem wolle man auch noch einmal den Dialog mit der Stadtverwaltung hinsichtlich der Neugestaltung des Leonhardsplatzes, „denn das geplante Haus für Film und Medien rückt doch sehr nahe an die Kirche heran“, hat sich Schwarz informiert.
Bis dahin wird dieser Platz aber zum Teil als Umleitungsstrecke benötigt. Wie genau der Verkehr dann direkt an der Kirche vorbeiführt, ist sich auch der Geistliche nicht sicher, „aber es wird sicher eine große Herausforderung für beide Seiten“. Deshalb will die Gemeinde während der gesamten Bauzeit den Dialog mit der Verwaltung suchen und die örtlichen Belange geltend machen. Insbesondere müsse man enge Absprachen hinsichtlich der Gottesdienste und Veranstaltungen treffen. Im Blick hat Pfarrer Schwarz dabei natürlich vor allem die Vesperkirche, die in diesem Jahr zum 30. Mal, von 14. Januar bis 2. März, als Anlauf- und Essensangebot für hilfsbedürftige Menschen in der Leonhardskirche stattfindet.
Die Kreuzigungsgruppe
Das Kunstwerk
Die Kreuzigungsgruppe ist eines der Hauptwerke des schwäbischen Bildhauers Hans Seyfer. Die knapp 5,50 Meter hohe Sandsteinskulptur besteht aus einem Felshügel, auf dem sich das Kreuz mit dem leidenden Jesus erhebt. Am Fuß des Kreuzes kniet Maria Magdalena, zu beiden Seiten stehen die Mutter Maria und der Lieblingsjünger Johannes.
Die Geschichte
Die Skulptur wurde 1501 auf dem Kirchhof der Leonhardskirche als Stiftung des vermögenden Stuttgarter Tuchhändlers und Bürgermeisters Jakob Walther, genannt Kühhorn und seiner Frau Klara Mager aufgestellt. Im Jahr 1891 wurde eine erste Kopie des Werks angefertigt, um das Original vor der Witterung zu schützen. Die Originalfiguren sind seit 1905 in der Hospitalkirche aufgestellt. Nach schweren Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde die nachgebaute Skulptur zunächst wiederhergestellt und nach starker Verwitterung im Jahr 1976 abermals durch eine vom Bildhauer Günter Schönfeld angefertigte Kopie ersetzt.