Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt. Zunehmend sind darunter auch Menschen, die ab den 1960er Jahren als Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen sind. Diese Gruppe älterer Menschen trägt ein hohes Risiko für chronische Erkrankungen und frühe Pflegebedürftigkeit. Der Grund sind Arbeits- und Lebensbedingungen, die oft physisch belastend oder gefährdend sind, aber auch psychisch nachhaltige Belastungen wie prekäre Arbeitsverhältnisse oder die Erfahrung von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Traumatisierung.
Doch dank einer kultursensiblen Praxis stellen alte Menschen mit Migrationserfahrung keine besondere Herausforderung für die stationäre Versorgung und Pflege dar. „Wir haben Bewohner mit Migrationshintergrund, und der Bedarf war durchaus da, sich mit der Situation auseinanderzusetzen“, sagt Silvio Schuster, Pflegekoordinator bei den städtischen Pflegeheimen in Esslingen. Angesichts steigender Zahlen an Pflegebedürftigen unter den Einwanderern der ersten Generation und der daraus folgenden Erkenntnis, dass sich die Pflege für künftige Anforderungen rüsten muss, hatten die städtischen Pflegeheime eine Konzeption für kultursensible Pflege entwickelt.
Guter Übergang von der Theorie in die Praxis
Dieser Begriff umschreibt die Fähigkeit, eigene kulturelle Prägungen, Werte und Normen kritisch zu hinterfragen und gleichzeitig Respekt, Verständnis, Toleranz und Akzeptanz für die Prägungen und damit das Verhalten von Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen zu entwickeln. Dies bedeutet auch, Empathie, Zugewandtheit und Einfühlungsvermögen für Denkstrukturen, emotionale Reaktionen und Handlungsmuster von Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund zu entwickeln.
Die Übersetzung der konzeptionellen Grundlagen in die Praxis habe „nicht so viele Schwierigkeiten wie anfangs gedacht“ bereitet, sagt Schuster. Allerdings sei das Phänomen aufgetaucht, dass in den in der Regel multikulturellen Pflegeteams aufgrund unterschiedlicher Prägungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „ein unterschiedliches Verständnis von Pflege“ zu beobachten gewesen sei. „Ein verbindliches Konzept hat sich dabei als wichtig erwiesen“, erläutert der Esslinger Pflegekoordinator. Hinzu kämen regelmäßige Schulungen sowie Gespräche in den Teams zu Widersprüchen und kulturellen Unterschieden. „Integration ist eben immer eine beidseitige Sache, auch für die Mitarbeitenden.“
Weltanschaulich ungebunden
Auch zu den einzelnen Menschen und den individuellen Besonderheiten gibt es Teambesprechungen. „Wir sind weltanschaulich ungebunden und können überall Rat einholen, zum Beispiel von den Religionsgemeinschaften“, sagt Schuster. Auch wenn etwa ein muslimischer Gottesdienst gewünscht würde, wäre dies kein Problem. Zudem sei bei Bewohnern mit Migrationserfahrung und unterschiedlichen kulturellen Hintergründen die enge Einbindung von Angehörigen häufig sehr wichtig. So gebe es auch kaum Probleme mit dem Essen, mit religiösen Vorschriften oder Ansprüchen an die Versorgung. „Wir können natürlich nicht alle Wünsche erfüllen“, aber das gelte gleichermaßen für alle Bewohner.
Besonderes Augenmerk müsse auf die Kommunikation gelegt werden. Sprache, und besonders die Muttersprache, erfülle viele identitätsstiftende und stabilisierende Funktionen. Bei älteren Migranten mit demenzieller Erkrankung sei jedoch zuweilen der Verlust der in Deutschland erworbenen Zweitsprache zu beobachten. Dies verlange von Pflegenden eine besondere Sensibilität und auch Kommunikationsfähigkeit, sagt Silvio Schuster. „In der Versorgung und der Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund ist die große Herausforderung die Sprache. Kommunikation ist das A und O, verbal und nonverbal. Deshalb müssen wir lernen, zuzuhören und Kommunikationswege zu finden“, stellt der Pflegekoordinator fest. Daher sei es auch von großem Vorteil, dass in der Pflege Menschen mit vielen verschiedenen sprachlichen und kulturellen Hintergründen arbeiteten. „Wenn wir uns um eine Bewohnerin aus Eritrea kümmern oder um einen Menschen, der aus Griechenland stammt, finden wir immer auch Mitarbeitende, die die Sprache sprechen“, sagt Schuster.
Letztlich sei aber nicht in erster Linie wichtig, ob jemand eine Einwanderungsgeschichte hat. Vielmehr sei ein individueller Blick auf die Menschen und ein entsprechender Umgang mit ihnen geboten, unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund oder einer eventuellen Migrationserfahrung. „Wir müssen in der Versorgung und der Pflege alter Menschen sensibel sein und auf den Bedarf schauen. Es ist immer ein Kompromiss, Migrationshintergrund oder nicht.“
Einwanderung, Gesundheit und Pflege
Belastungen
Viele Einwanderer der ersten Generation sind geprägt von physisch belastenden Arbeits- und Lebensbedingungen. Hinzu kommen psychische Belastungen wie die Erfahrung von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Traumatisierung. In Summe bedeutet dies ein hohes Risiko für frühe Pflegebedürftigkeit.
Barrieren
Ältere Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind oft sozialer Ungleichheit ausgesetzt, haben häufiger ein hohes Armutsrisiko und ein eher niedriges formales Bildungsniveau. Das geht etwa aus Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung hervor. Danach verfügen besonders ältere Frauen aus Einwandererfamilien öfter über nur rudimentäre Deutschkenntnisse. Altersarmut und mangelnde Bildung führen zu eingeschränkten Teilhabemöglichkeiten und zu Barrieren beim Zugang zu Angeboten der Prävention, der Gesundheitsförderung und der familiären oder stationären Pflege.