Kundgebung in Nürtingen Ärzte kämpfen gegen die atomare Gefahr

Juliane Althoff (am Mikrofon) gibt nicht auf, gegen die von Atomwaffen und Atomkraftwerken ausgehende Bedrohung anzukämpfen. Foto: Horst Rudel
Juliane Althoff (am Mikrofon) gibt nicht auf, gegen die von Atomwaffen und Atomkraftwerken ausgehende Bedrohung anzukämpfen. Foto: Horst Rudel

Die Organisation IPPNW, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, wird nicht müde, vor der Bedrohung zu warnen, die noch immer allgegenwärtig ist. Bei einer Veranstaltung in Nürtingen hat sie auf sich aufmerksam gemacht.

Esslingen: Jürgen Veit (jüv)
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Nürtingen - Dann noch viel Spaß“, wünscht die Polizistin den Aktivisten von IPPNW, der Organisation Internationaler Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, nachdem sie deren Genehmigung für ihre Aktion überprüft hat. Der Wunsch ist sicher gut gemeint, doch mit Spaß hat die kleine Kundgebung am Samstagvormittag an der Kirchstraße in der Nürtinger Innenstadt nichts zu tun. Denn Juliane Althoff, eine Psychotherapeutin im Ruhestand, und ihre Mitstreiter haben sich dort getroffen, um auf das unbeschreibliche Leid und Verderben aufmerksam zu machen, das ein drohender Atomkrieg über die Menschheit bringen würde.

Viele Menschen sind „verdampft“

Als Mahnung berichten die Aktivisten von den Bombenabwürfen über Hiroshima am 6. August 1945 und drei Tage später über Nagasaki, bei denen mehr als 100 000 Menschen unmittelbar durch die wahnsinnige Hitze und die unvorstellbare Druckwelle zu Tode kamen. Von vielen habe man nicht einmal die Asche beerdigen können, „weil sie verdampft waren“, berichtet Juliane Althoff in ihrem Vortrag. Allein bis zum Jahresende 1945 starben weitere 130 000 Menschen an den Folgen des radioaktiven Fallouts. Wie viele Leben der Irrsinn bis heute gekostet hat, ist nicht bekannt.

Doch aus dem Horror vor 72 Jahren seien keine Lehren gezogen worden, moniert Juliane Althoff. „Wir leben nach wie vor in Zeiten starker atomarer Aufrüstung“, kritisiert sie. Immer mehr Staaten würden immer nationalistischer und es gebe nach wie vor Atomkraftwerke – die davon ausgehende Gefahr sei allgegenwärtig, sagt sie. Aber sie resigniert dennoch nicht: „Man muss hoffen wider besseren Wissens, man darf nicht aufgeben“, beschreibt sie ihre bescheidene Position im Kampf gegen die atomare Bedrohung.

Doch in der Organisation „International Physicians for the Prevention of Nuclear War“ hat sie überzeugte Mitstreiter wie Erwin Müller und Helmuth Speidel, zwei Nürtinger Ärzte im Ruhestand. Sie sind seit den 1980er-Jahren Mitglieder bei IPPNW, die 1980 bezeichnenderweise gemeinsam von einem sowjetischen Kardiologen und einem amerikanischen Kollegen gegründet wurde und der inzwischen weltweit 200 000 Mediziner angehören. „Es gibt keine Therapie gegen die verheerenden Folgen eines Atomschlags oder -unfalls“, sagt Helmuth Speidel. „Das wollen wir ins Bewusstsein der Menschen rücken.“

Mit Friedensnobelpreis ausgezeichnet

Für dieses Engagement hat die Organisation durchaus Anerkennung erfahren, denn 1985 wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Sehr zum Unmut des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) und des einstigen CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler, „die einen Brief an das zuständige Komitee schickten mit der Forderung, die Entscheidung zurückzunehmen“, merkt Erwin Müller an. Sie waren offenbar der Ansicht, der Einsatz der Ärzte schwäche den Verteidigungswillen.

Doch IPPNW hat damals und auch heute nicht aufgegeben, gegen die atomare Gefahr zu kämpfen. Und Juliane Althoff hofft, „dass auch die Generationen nach mir ohne diese Bedrohung weiterleben möchten“.




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