Kunstausstellung in Berlin Wie ein Tsunami im Mondlicht

Von Elke Linda Buchholz 

Eine großartige Ausstellung im Berliner Gropius-Bau zeigt den japanischen Holzschnittmeister und Maler Katsushika Hokusai.

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Berlin - Gewaltig baut sich die Woge auf, schäumt mit Wellenkämmen wie Raubtierkrallen empor und wird im nächsten Augenblick die schlanken Ruderboote in die Tiefe reißen, die schon jetzt in den aufgepeitschten Wassermassen kaum noch auszumachen sind. Dass im Hintergrund die Silhouette des Fuji aufragt, bemerkt man erst auf den zweiten Blick: als Pointe eines virtuosen Bildregisseurs, der sein Publikum immer wieder zu verblüffen verstand.

"Die große Welle von Kanagawa" aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji" ist das berühmteste Werk des damals über 70-jährigen Holzschnittmeisters Katsushika Hokusai. Nach den jüngsten Tsunami- und Erdbebenkatastrophen Japans sieht man das großformatige Blatt anders. Aber: Es bleibt ein atemberaubendes Bild, dramatisch und anmutig zugleich. Kein Wunder, dass Maler wie Manet, Monet, Degas und van Gogh sich für die japanischen Farbholzschnitte begeisterten, die im 19. Jahrhundert nach der Öffnung des jahrhundertelang abgeschotteten Japan in den Westen gelangten. Claude Monet trug über zweihundert Blätter zusammen, Claude Debussy ließ sich von Hokusais "Großer Welle" zu seiner Komposition "La Mer" inspirieren.

Bis heute fasziniert die Fremdheit dieses Stils

Diese Kunst war neu, aufregend und anders als alles, was die westliche Malerei bis dato hervorgebracht hatte. Die eigenartig eckigen Bewegungen der Figuren, die ornamentale Spannung der asymmetrischen Landschaftsformationen, die gewagten Ausschnitte, Perspektiven und abrupten Sprünge zwischen Nah- und Fernsicht: Bis heute fasziniert die Fremdheit dieses Stils.

Chronologisch rollt die großartige Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau das Schaffen des 1760 geborenen Meisters in über vierhundert Werken auf. Seine einzelnen Stilperioden sind, zumal für westlich ungeübte Augen, kaum abzugrenzen. Vielmehr überrascht Hokusai, der im Laufe seines über neunzigjährigen Lebens mehrfach seinen Künstlernamen wechselte, mit immenser Wandlungsfähigkeit.

Experimente mit Schraffuren und Schatten

Die Großstadt Edo, das heutige Tokio, bot den idealen Absatzmarkt für Hokusais unerschöpfliche Kreativität. Schon als junger Maler beherrschte er das ganze traditionelle Repertoire, von eleganten Kurtisanenbildern im großen Rollbildformat bis zu quicklebendigen Massenszenen im Grafikmedium. Er experimentierte mit Schraffuren und Schatten, mit der Eleganz der Linie und mit der westlichen Zentralperspektive. Er entwarf Ausschneidebögen für Kinder, Spielkarten und Landkarten aus der Vogelschauansicht. Als Buchillustrator machte er den Text zur Nebensache. Der für Hokusai charakteristische Bildwitz springt über, selbst wenn man mit den literarischen Stoffen nicht vertraut ist.

Als "vom Malen besessen" hat er sich selbst bezeichnet, und genau diesen Eindruck vermittelt die Vielfalt seiner mal minutiös ausgeführten, mal mit breitem Pinsel improvisierten Werke. Die effektvollen grafischen Darstellungen von Explosionen und Zweikämpfen nehmen die Stilmittel moderner Comics vorweg.

Hokusai-Mangas

Auch den Begriff "Manga" hat Hokusai geprägt; wörtlich heißt er "ohne Absicht entstandene Bilder". Die "Hokusai-Manga" entstanden als gedruckte Skizzenbücher und Vorlagensammlung für die unzähligen Schüler Hokusais in ganz Japan. Über fünfzig Bände mit Hunderten, oft winzigen Skizzen blättert die Ausstellung auf. Ob Haushaltsgegenstände oder Schwertkampftechniken, Fischarten oder botanisch exakte Pflanzenstudien, Grimassen, Theatermasken oder Architekturformen: Hokusais Skizzen konservieren den Motivfundus einer ganzen Kultur. "Seit meinem sechsten Lebensjahr habe ich Dinge aus meiner Umgebung abgezeichnet. Erst mit 73 Jahren habe ich ein wenig von der Anatomie der Tiere und vom Leben der Pflanzen begriffen. Wenn ich hundert Jahre alt bin, werden sich die einzelnen Striche und Punkte ganz von allein mit Leben füllen", schrieb der Meister bescheiden.

Künftig wird man nach Japan reisen müssen, um sein Werk in solcher Breite studieren zu können. In Hokusais Heimatort Sumida, einem Stadtbezirk Tokios, entsteht derzeit gerade ein neues Museum für den Maler und Holzschnittmeister Hokusai. Dort werden viele der jetzt zum ersten Mal außerhalb Japans gezeigten Exponate ihren Platz finden.