Kunstdrachen-Versteigerung Die unvollendete Mission der „Himmelsbilder“

Farbenfroh und fantasievoll: Werk aus der „Art Kite Collection“ Foto:  

Millionen erbrachte eine Versteigerung von Kunstdrachen beim Auktionshaus Nagel. Doch die versprochene Großspende für die Katastrophenhilfe lässt auf sich warten. Den angeblichen Empfänger gibt es so gar nicht. Dazu kommen weitere Merkwürdigkeiten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Es war ein schöner Coup für das hundertjährige Kunst-Auktionshaus Nagel in Stuttgart. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres gab es dort im Februar eine ganz besondere Versteigerung. Unter den Hammer kamen fast 150 Papierdrachen, die vor 35 Jahren von renommierten zeitgenössischen Künstlern gestaltet worden waren – darunter Gerhard Richter, Otto Herbert Hajek, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely.

 

Die „Art Kite Collection“, wie sie zuletzt hieß, hatte eine abenteuerliche Geschichte hinter sich. Initiator war der frühere Leiter des Goethe-Instituts im japanischen Osaka, der Jurist Paul Eubel. Er hatte 1987 die Idee zu den „Bildern für den Himmel“ – und gewann weltweit Künstlerinnen und Künstler dafür. Auf Drachenpapier gestalteten sie Kunstwerke, die dann auf die entsprechenden Rahmen gespannt wurden. Alle machten umsonst mit, der Erlös einer späteren Versteigerung, so hatte es Eubel versprochen, sollte der internationalen Katastrophenhilfe zugutekommen.

Die „Himmelsbilder“ galten als verschollen

Zunächst gingen die Drachen indes auf eine weltweite Tournee. Im Jahr 2000 landeten sie in Detmold, wo ein einstiger Hubschrauber-Hangar zum „Art Kite Museum“ umgebaut wurde. Doch die Schau fand zu wenig Resonanz und schloss 2005. Eubel nahm die Drachen mit nach Palermo, wo er inzwischen mit seiner Familie lebte; 2010 starb er dort. Danach galten die „Himmelsbilder“ als verschollen. Zehn Jahre später wandten sich seine inzwischen in Stuttgart lebenden Söhne, Nahuel (21) und Tilman (23), über einen Vermittler an das Auktionshaus Nagel. Die Drachen, stellte sich heraus, lagerten wohlbehalten in Überseecontainern in Köln. Nun machten sie sich auf den letzten gemeinsamen Weg gen Stuttgart.

Auf 20 Millionen Dollar hatte Eubel die Sammlung einst taxiert. Das war wohl zu optimistisch, doch bei der Auktion überstiegen die farbenfroh und fantasievoll gestalteten Werke die Einstiegspreise bei Weitem. Fast sechs Millionen kamen am Ende zusammen, zuzüglich knapp 30 Prozent Aufgeld und Steuern. Mit 1,1 Millionen Euro erzielte ein Drachen des Japaners Kazuo Shiraga den höchsten Preis. Etliche schwäbische Unternehmer hätten zugegriffen, hieß es danach, auch der frühere VW-Chef Matthias Müller sei zum Zug gekommen.

Spendenversprechen bewegt Künstler zur Teilnahme

So groß der Medienwirbel vor der Versteigerung war, so schnell ebbte er danach ab. Auskünfte erhält man seither nur noch sparsam oder gar nicht mehr. Dabei sind viele Fragen offen: Fließt der Erlös nun tatsächlich an die Katastrophenhilfe der Vereinten Nationen, wie es stets hieß? Waren die Söhne fraglos berechtigt, die ihrem Vater gleichsam als Treuhänder überlassenen Drachen zu Geld zu machen? Warum nahm trotz angeblich intensiver Recherchen niemand Kontakt zu der langjährigen japanischen Assistentin Eubels auf, die die Sammlung und ihre Geschichte am allerbesten kennt?

Mit sehr persönlichen Briefen hatte der als charismatisch geschilderte Jurist die Künstler von Weltrang zur Teilnahme bewegt. Aber auch die Aussicht, mit dem Erlös später „Hilfe aus der Luft in Katastrophenfällen“ zu fördern, war für sie wichtig. So schrieb es der frühere Präsident des Goethe-Instituts, Klaus von Bismarck, einst in einem Katalogvorwort. Doch was wurde aus dem Versprechen? „Die Frage nach der begünstigten Institution müssen Sie bitte den Einlieferern stellen“, schrieb der Nagel-Chef Uwe Jourdan auf Anfrage unserer Zeitung.

Doch von den Eubel-Söhnen waren in den vergangenen Wochen keine klaren Auskünfte zu erhalten. An wen soll das Geld gehen? Wann fließt es? Was für ein Betrag bleibt nach dem Abzug von nicht näher definierten Kosten? Fehlanzeige. Auch die Bitte, über den Vollzug informiert zu werden, blieb bisher ohne Resonanz. Zweifel weckt schon der von Paul Eubel bestimmte Empfänger, laut Jourdan die Katastrophenhilfe der UN. Im deutschen Kommunikationsbüro der Vereinten Nationen in Bonn fängt man damit wenig an. „Die ,UN-Katastrophenhilfe‘ gibt es in dieser Bezeichnung nicht“, teilt ein Sprecher mit. Vielleicht sei die UN-Flüchtlingshilfe gemeint? Doch auch dort weiß man von nichts. Im Zusammenhang mit Eubels Aktion habe man „weder eine Spendenankündigung noch eine Spende erhalten“, sagt der Deutschland-Direktor Peter Ruhenstroth-Bauer. Auch eine Millionenspende ohne namentliche Zuordnung, nach der man vorsorglich suchte, habe sich nicht gefunden. Wer am Ende profitieren soll, bleibt rätselhaft.

„UN-Katastrophenhilfe“ gibt es so gar nicht

„Eindeutig“ geklärt war für Nagel, dass die Eubel-Söhne über die Kunstdrachen verfügen durften; mehrere Anwälte hätten dies bestätigt. Auch Tilman Eubel verweist auf eine rechtliche Expertise. Um die weitergehende Frage nach dem Eigentümer vollständig zu beantworten, wäre laut dem Geschäftsführer Jourdan „zusätzlich eine Prüfung nach italienischem/internationalem Recht“ nötig gewesen; „dies betrachteten unsere Rechtsberater als unverhältnismäßig“. Mit allen Künstlern oder deren Rechtsnachfolgern habe sich das Auktionshaus in Verbindung gesetzt, soweit Kontaktdaten ermittelt werden konnten. Nur zwei hätten eine Rückgabe gewünscht: einer habe dies schon mit Eubel so vereinbart, „eine weitere wünschte einen selbstständigen Verkauf gezielt zugunsten der Opfer der Ahrtal-Flutkatastrophe“. Namen erfährt man nicht.

Die Assistentin des Initiators wundert sich

Keine Anfrage bekamen die Versteigerer nach den Worten Jourdans vom Sohn des japanischen Künstlers Minoru Onoda. Für dessen farbenfroh getupften Trapezdrachen wurden rund 80 000 Euro gezahlt, einer der höheren Erlöse. Der Nachfahre wollte den Drachen des 2008 verstorbenen Künstlers unbedingt zurückhaben, weil er sich um das Werk seines Vaters kümmert und sogar an ein Museum denkt. Er beteiligte sich an der Auktion, musste aber bald aufgeben; Grund: der ursprünglich vierstellig angesetzte Preis schoss rasch nach oben – in für ihn unerreichbare Höhen.

So jedenfalls berichtete es die einstige Assistentin Paul Eubels, die Japanerin Ikuko Matsumoto, gegenüber einem deutschen Bekannten. Onoda junior habe sich an sie gewandt, aber sie habe ihm leider nicht helfen können; nun wolle er unbedingt den neuen Besitzer ausfindig machen. Fast 15 Jahre hatte Matsumoto für Eubel gearbeitet, oft bis in die Nacht und an Wochenenden. In den Katalogen wurde sie dafür pflichtgemäß erwähnt, doch das Gros der Anerkennung heimste ihr Chef ein. Erst spät erfuhr die Japanerin von der Versteigerung bei Nagel – und wunderte sich, dass niemand Kontakt zu ihr aufgenommen hat. Dabei hatte die zuständige Mitarbeiterin des Auktionshauses nach eigenen Angaben aufwendige Recherchen angestellt; je mehr man wisse, umso förderlicher sei das für den Verkauf. Niemand sei auf die Idee gekommen, sich bei Matsumoto zu melden, sagt Tilman Eubel.

Bislang kein rechtliches Nachspiel

Nach der Versteigerung schrieb sie an Nagel, um Näheres zu erfahren. Als Mitorganisatorin sei sie an der Verwendung des Erlöses interessiert, zudem erkundigten sich immer wieder Künstler bei ihr danach. Doch eine Antwort erhielt sie laut ihrem deutschen Bekannten nie. Nagel-Chef Jourdan ließ die Frage unbeantwortet, warum man Matsumoto nicht vorab kontaktiert habe und nun nicht auf ihre Anfragen reagiere.

Für das Auktionshaus scheint das Kapitel „Art Kite Collection“ abgeschlossen zu sein. Ein Nachspiel ist bis jetzt offenbar nicht zu erwarten. Rechtliche Auseinandersetzungen mit Künstlern, sagt der Geschäftsführer, seien weder anhängig noch angekündigt.

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