Kunstfestival „Unter Beobachtung“ in Schorndorf Manchen ist das Fegefeuer ein Paradies

Theresa Kaiser ist in Schorndorf als Paradies-Spezialistin unterwegs.Foto:Gottfried Stoppel Foto:  
Theresa Kaiser ist in Schorndorf als Paradies-Spezialistin unterwegs. Foto:Gottfried Stoppel

Die Berliner Künstlerin Kirsten Johannsen lädt in Schorndorf dazu ein, sich im heimischen Wohnzimmer den eigenen Garten Eden zu bauen. Paradies-Spezialistinnen helfen dabei.

Rems-Murr: Isabelle Butschek (ibu)

Schorndorf - Es ist grau. Es nieselt. Es ist kalt. Wenn nicht an diesem Vormittag, wann dann sollte man sich ins Paradies wünschen? Als Wegbegleiterinnen in Richtung Garten Eden stehen Eva Schwanitz und Theresa Kaiser in der Schorndorfer Innenstadt parat: im gleichen blauen Regenmantel, mit Seidenschälchen und großem grünen Regenschirm: „Wir sollen aussehen wie Stewardessen. Aber viele denken wohl, dass wir von den Zeugen Jehovas sind“, sagt Eva Schwanitz und lacht.

Kunstprojekt ist Teil des regionsweiten Festivals „Unter Beobachtung“

Nein, mit diesen Vorstellungen von Paradies hat das Kunstprojekt der Berlinerin Kirsten Johannsen nichts zu tun. Oder nur insofern, dass es um den Garten Eden geht, um den Sehnsuchts- und Rückzugsort der Extraklasse. Das Projekt ist eines von 21 Kunstwerken, die für das regionsweite Kunstfestival „Unter Beobachtung. Kunst des Rückzugs“ entwickelt wurden. Kirsten Johannsen lädt noch bis zum 18. Oktober jeden dazu ein, sich Gedanken über seinen Traum-Rückzugsort zu machen und sich sein persönliches Paradies selbst zu schaffen.

Wäre das auf Hawaii? Oder doch eher so weit weg wie möglich, im Weltall, auf dem Mond? Soll es mit dem Schiff an ferne Küsten gehen oder sehnt man sich nach einem Leben in Pracht und Luxus? Kirsten Johannsen hat sich sieben verschiedene Paradies-Varianten überlegt. Diese sind auf einer eigenen Homepage beschrieben und für die Umsetzung im heimischen Wohnzimmer ausgearbeitet.

Sieben verschiedene Paradies-Varianten zum Nachbauen

Dabei helfen detailreiche Anleitungen: Es gibt große Fotos zum Ausdrucken, Rezepte für passendes Essen, Musikdateien, Duftideen. „Ich finde es toll, dass sie jeden Sinn anspricht“, sagt Theresa Kaiser. Und manche Ideen seien einfach witzig: Zum Beispiel der von Bergerac im 17. Jahrhundert entworfene Gürtel, an dem mit Morgentau gefüllte Fläschen befestigt werden sollten. Durch die Wärme der Sonnenstrahlen angeheizt, sollte dieser Gürtel Reisende schwebend zum Mond bringen. Kirsten Johannsen schlägt vor, diesen Fluggürtel nachzuschneidern.

Solche und andere Details sollen die Paradies-Spezialistinnen Theresa Kaiser und Eva Schwanitz den Passanten erklären. Das Kunstprojekt findet die 64-jährige Theresa Kaiser super, „sonst würde ich nicht mitmachen.“ Welches Paradies sie wählen würde? „Hawaii. In der Sonne und Wärme liegen, Früchte essen“, sagt die Stuttgarterin.

Manchmal ist das Paradies das Fegefeuer

Ihre Mitstreiterin Eva Schwanitz hingehen hat die Variante purgatory, Fegefeuer angesprochen: „Das Paradies gibt es nicht umsonst, da muss man sich schon anstrengen“, sagt die pensionierte Kunstlehrerin. Kirsten Johannsen schlägt für den Weg in diese Art des Paradieses reinigende Übungen, Fesselungstechniken, Fasten und als passenden Soundtrack den „Tanz der Feierbüßer“ vor. „Mir gefällt das Spielerische an diesem Kunstprojekt“, findet Eva Schwanitz.

Unter Beobachtung
Das Kunstfestival der Kulturregion Stuttgart beschäftigt sich bis zum 18. Oktober mit den Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, mit der ständigen Verfügbarkeit und Strategien des Rückzugs. Für 21 teilnehmende Kommunen wurden Kunstwerke unter dem Titel „Unter Beobachtung. Kunst des Rückzugs“ entwickelt.

Die Paradies-Spezialistinnen sind noch bis 17. Oktober dienstags und samstags von 10 bis 14 Uhr in der Schorndorfer Innenstadt unterwegs. Am Dienstag, 6. Oktober, findet um 18.30 Uhr zudem der Workshop „Einführung in den Paradiesbau“ mit der Künstlerin Kirsten Johannsen statt (Anmeldung an post@kulturforum-schorndorf.de).

Regionsweites Kunstfestival

Backnang
Der Künstler Dirk Schlichting hat auf einer großen Brache an der Murr einen Bau aus Sichtbeton errichtet, der an eine Forschungsstation oder einen Bunker erinnert. Er spielt mit der Neugier der Betrachter, erweckt den Eindruck, die Installation „Station-P“ sei belebt. Tatsächlich wird jeden Tag von 19.20 Uhr bis 19.30 Uhr live aus dem Innenraum übertragen. Dann ist zu sehen wie der Künstler seinen Alltag verbringt.

Waiblingen
Im Foyer der Galerie Stihl hat Marion Eichmann die Installation „Ich sehe was, was du nicht siehst“ aus Papier geschaffen. Wo verläuft die Grenze zwischen heimeliger Wohlfühlatmosphäre und unheilvoller Überwachung?Die Künstlerin lädt dazu ein, die Umgebung mit neuem, wachen Blick zu betrachten.

Das ganze Programm der Kulturregion Stuttgart findet man hier.




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