Kunsthalle Mannheim Anselm Kiefer: tonnen- und bedeutungsschwer

Wie der Turmbau zu Babel: Anselm Kiefers „Der fruchtbare Halbmond“ von 2010 Foto: Anselm Kiefer

Im internationalen Kunstranking steht Anselm Kiefer auf Platz acht. In der Kunsthalle Mannheim zeigt der gefeierte Künstler seine Werke, die riesengroßen und tonnenschwer sind.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Mannheim - Es heißt gern, zeitgenössische Kunst sei kompliziert. Man könne sie nur mit Vorbildung oder anstrengender Lektüre verstehen. Von Anselm Kiefer gibt es dagegen Arbeiten, die erzählen ihre Geschichten so glasklar, dass man Schutz suchen will. So steht in der Kunsthalle Mannheim derzeit ein rostiger Container, in dem große Bleifahnen hängen. Sie sind zwar nur mit Erbsen gespickt, die Fantasie aber sieht ein Meer aus Gewehrkugeln und spült Bilder vom Krieg hervor, in dem sich Soldaten hinterm Metall verschanzen und versuchen, ihre Haut, ihr kleines Leben zu retten.

 

Für die Hängung war Spezialwerkzeug nötig

Anselm Kiefer weiß, wie man existenzielle Gefühle zum Ausdruck bringt. Eine seiner Strategien kann man nun aufs Schönste in der Kunsthalle Mannheim ablesen: Monumentalität. Als die Sonderausstellung zu seinem Werk eingerichtet wurde, mussten externe Firmen mit Spezialwerkzeug anrücken, um die oft tonnenschweren Arbeiten zu montieren. Wände wurden herausgenommen, damit die riesigen Formate und auch eine mehr als zwanzig Meter lange Installation aus Eisenvitrinen Platz fanden. Im Atrium der Kunsthalle hängt „Sephirot“ und nimmt mit seinen knapp zehn Metern Höhe fast die komplette Wand in Beschlag. Das graubraune Hochformat ist so mächtig wie eine reale Landschaft.

Nein, klein und bescheiden sind die Arbeiten von Anselm Kiefer wahrlich nicht. Neben der starken sinnlichen Wirkung, die durch die schiere Größe erzeugt wird, spiegeln diese monumentalen Werke auch sehr deutlich das Selbstbewusstsein der Kunst wider, die sich nicht mehr in einen wohnzimmertauglichen Rahmen stecken lassen will, sondern lautstark ihren Platz in der Gesellschaft beansprucht. Anselm Kiefer, der 2008 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen bekam, gilt als einer der erfolgreichsten Künstler – in einem internationalen Ranking belegte er im vergangenen Jahr sogar Platz acht.

Mit dem Hitlergruß Aufsehen erregt

Die Zeiten, als Kiefer mit Provokationen auf sich aufmerksam machte, sind lange vorbei. Er wurde zwar erst kurz vor Kriegsende in Donaueschingen geboren, aber Zweiter Weltkrieg und Nationalsozialismus wurden für ihn – wie für viele Künstler seiner Generation – zum zentralen Thema. Kiefer studierte an den Kunstakademien von Freiburg und Karlsruhe und begann seine Karriere mit einem Skandal: Er reiste durch Europa und fotografierte sich an verschiedensten Ort beim Hitlergruß.

Bald wurden Kiefers wichtigsten Materialien Blei und Asche. So hängt vor dem riesigen Bild „Die große Fracht“ (1981/1996) ein Flugzeug aus Blei. Die Leinwand ist mit nichts als grauer Farbe und dünnen weißen Streifen versehen – und doch meint man, winterliche Felder zu sehen, über denen der Krieg tobt. Die Inspiration für das Bild lieferte ein Gedicht von Ingeborg Bachmann. Gedichte, sagt Kiefer, gäben ihm Orientierung „wie Bojen im Meer“.

Die Anspielungen auf Religion und Kosmologie erschließen sich nicht immer

Die deutsche Vergangenheit und Geistesgeschichte sind wichtige Grundlagen seiner Arbeit, in den vergangenen Jahren hat Kiefer sich aber auch verstärkt mit der jüdischen und christlichen Religion befasst, mit Mythen, Alchemie und Kosmologie – wobei diese Zusammenhänge für den Künstler wichtiger sind als für die Rezipienten. Dass sich „Sephirot“ etwa auf die lurianische Kabbala bezieht, lässt sich nachlesen, wirkt aber wie eine von außen auf das Werk aufgepfropfte Behauptung.

Letztlich existiert bei Anselm Kiefer eine Kluft zwischen dem komplexen theoretischen oder mythischen Anspruch und den Werken selbst, die doch so unmittelbar wirken und die Materialien selbst zum Sprechen bringen. So liegt in einem Saal eine riesige verdörrte Palme und ruft Themen wie Zerstörung und Vergänglichkeit auf, während sie für Kiefer ein Symbol für die Passion und das Martyrium Christi ist.

Sonnenblumen symbolisieren den Neubeginn

Kiefers Materialien sind stark symbolisch aufgeladen. Das Blei steht für bleierne Schwere einerseits, aber auch für Transformation. Immer wieder setzt Kiefer auch vertrocknete Samen und Sonnenblumen ein, die auf einen Neubeginn hoffen lassen. Für das gedruckte Papier scheint er, der passionierte Leser, noch eine Zukunft zu sehen. „Der verlorene Buchstabe“ nennt sich eine Installation, für die Kiefer eine alte Druckmaschine aufgetrieben hat. Bleibücher und Bleilettern liegen am Boden verstreut und künden vom Niedergang. Die Sonnenblumen aber, die aus der Presse wachsen, sind ein Zeichen der Hoffnung, dass das gedruckte Wort trotz Digitalisierung überdauern wird.

Kiefers Werk ist nicht frei von Pathos

Die Mannheimer Ausstellung zeigt Werke aus der Sammlung von Hans Grothe. Der Duisburger Bauunternehmer, der 2019 gestorben ist, besaß die größte Kiefer-Sammlung weltweit, die er der Kunsthalle Mannheim schon vor mehreren Jahren als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte. In der von Sebastian Baden kuratierten Ausstellung finden sich Gemälde von starker sinnlicher Kraft – wie „Lilith“ (1987), das einen Blick auf eine menschenleere Großstadt wirft, die, wer weiß, von einem Feuer heimgesucht wurde. Die Schau macht aber auch deutlich, warum Kiefer oft Kitsch vorgeworfen wird.

Die getrockneten Tulpen auf Bleigrund sind allzu dekorativ – auch wenn mit dem Titel „Mutatuli“ (1991) von lateinisch „mutilare“, verstümmeln, tieferer Sinn anklingt. Gerade dort, wo Kiefer große existenzielle Themen aufruft wie Tod und Stille oder Himmel und Erde, läuft er immer wieder Gefahr, allzu pathetisch zu werden. Und auch wenn etwa seine Version des Turmbaus zu Babel die Betrachter nachgerade körperlich anspricht, indem ihnen die Steine des Bauwerkes fast vor die Füße rollen, ist das gigantische Format eben auch riskant, weil es verführt, Botschaften allzu laut und plakativ vorzutragen.

Anselm Kiefer und die Mannheimer Ausstellung

Person
Anselm Kiefer, 1945 in Donaueschingen geboren, hat an der Kunstakademie Karlsruhe studiert und viele Jahre im Odenwald gelebt. 1993 zog er nach Barjac, heute lebt er in Paris. Er war mehrfach bei der Documenta Kassel und 1980 bei der Biennale von Venedig vertreten.

Ausstellung
Die Werkschau zu Anselm Kiefer ist bis 22. August in der Kunsthalle Mannheim zu sehen, Anmeldung über die Homepage www.kuma.art.

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