Kunstmuseum Stuttgart ist „Museum des Jahres“ So reagieren Kunst und Politik auf die große Nachricht

An der Fassade des Kunstmuseums Stuttgart wird schon bald „Museum des Jahres“ stehen. Foto: Lichtgut//Achim Zweygarth

Nach den Coronajahren ist die Freude doppelt groß: Kunstkritiker und Kuratoren aus der gesamten Republik sind sich einig, dass das Kunstmuseum Stuttgart preiswürdig ist.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Die Freude ist unübersehbar: „Das ist der Lebenswerk-Oscar“, sagt Ulrike Groos begeistert. Sie ist die Direktor des Kunstmuseums Stuttgart, das eine der höchsten Würdigungen erhalten wird, die Museen bekommen können: Das Kunstmuseum ist Museum des Jahres 2021. Die nicht dotierte Auszeichnung wird vom Kunstkritikerverband AICA vergeben und würdigt Ausstellungshäuser, die sich nicht nur „herrschenden Trends“ und „Art-Entertainment“ verschreiben, wie es der Verband formuliert, sondern noch am Sammeln, Bewahren und Erschließen von Kunst festhalte.

 

Spagat zwischen regionaler und internationaler Kunst

Das Kunstmuseum Stuttgart wurde ausgewählt, weil hier „die unmittelbare Gegenwartskunst wie auch die Klassische Moderne“ zu ihrem Recht kommen. Außerdem wurde hervorgehoben, dass es dem künstlerischen Schaffen vor Ort genauso eine Bühne gebe wie dem globalen Kunstgeschehen. „Das ist großartig“, sagt Ulrike Groos und freut sich, dass das Kunstmuseum Stuttgart bei der Auszeichnung in einer Reihe mit anderen mittleren und größeren Häusern der Republik stehe. In den vergangenen Jahren wurden das Bauhaus-Museum Dessau und das Folkwang-Museum in Essen ausgezeichnet, aber auch das Kunstmuseum Ravensburg erhielt 2015 den Titel Kunstmuseum des Jahres.

Überrascht hat die Direktorin, dass ihr Programm nicht nur im Südwesten, sondern offenbar auch überregional sehr genau wahrgenommen wird und Wertschätzung erfährt. Groos sieht die Auszeichnung auch als Würdigung ihres Lebenswerks, denn sie bezieht sich nicht nur auf das Programm des vergangenen Jahres, sondern auf die Schwerpunkte und die inhaltliche Ausrichtung des Museums im Gesamten. So wurde in der Begründung etwa die Ausstellung „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“ im Jahr 2015 hervorgehoben, bei der man „gekonnt die herkömmlichen Grenzen der Kunstsparten“ überwunden habe. Gelobt wurde auch, wie Sammlungsbestände immer neu präsentiert würden – seien es Werkgruppen von Otto Dix und Willi Baumeister, aber auch von den Künstlerinnen Josephine Meckseper oder Nevin Aladağ.

Auch die nächste Ausstellung wurde hervorgehoben

Die Nachricht des AICA erreichte Ulrike Groos mitten in den Aufbauarbeiten zur neuen Ausstellung. Am Wochenende startet die Sonderschau zu Gertrud Goldschmidt, genannt Gego – und sie ist der beste Beleg für das, was die Juroren als das Besondere an der Arbeit des Kunstmuseums hervorgehoben haben. Gego studierte vor dem Zweiten Weltkrieg in Stuttgart Architektur an der Technischen Hochschule bei Paul Bonatz. Als Jüdin musste sie das nationalsozialistische Deutschland verlassen – und wurde in Lateinamerika eine der bekanntesten Künstlerinnen. Ihre eigenwilligen Installationen wurden in Deutschland erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt. Das Kunstmuseum war eines der ersten, das sie zeigte.

Auch Oberbürgermeister Nopper ist erfreut

Die Gego-Ausstellung wurde ebenso hervorgehoben wie die Videoschau von Candice Breitz im Jahr 2016, aber auch die Provenienzforschung und die Beschäftigung mit der NS-Geschichte der Sammlung fielen der Jury positiv auf. Gerade nach den durchaus schwierigen Coronajahren gebe die Auszeichnung nun neuen „Schwung für die nächsten Projekte“, sagt Ulrike Groos, aber zeige auch der Politik, „dass wir eine gute Arbeit machen“.

Die Botschaft ist bereits angekommen. „Seit mehr als zehn Jahren macht Ulrike Groos als Direktorin einen herausragend guten Job für unsere Stadt“, sagt denn auch der Oberbürgermeister Frank Nopper. Groos habe das Kunstmuseum als städtisches Museum in die Riege der Häuser gebracht, die international beachtet würden. „Es war eine richtige Entscheidung meines Vorvorgängers Wolfgang Schuster, das Gebäude in so zentraler Lage am Schlossplatz zu errichten, mitten im Herzen unserer Stadt. Auch die Lage eines Museums ist mitentscheidend für seinen Erfolg.“

Fabian Mayer, den Ersten Bürgermeister, freut besonders, „dass das Museum mit seinen Ausstellungen ein breites Publikum anspricht – nicht nur ein reines Kunstpublikum.“ Stuttgart ist und bleibe „kulturell bundesweit an der Spitze!“, so Mayer. Zuspruch kam auch aus dem Kulturamt. Das Kunstmuseum arbeite „mit hohem Anspruch und großer Akzeptanz daran, die große Bandbreite der Möglichkeiten auch Wirklichkeit werden zu lassen“, meinte der Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner. Wenn das auch eine „berufskritische Mehrheit“ erreiche, sei das eine „weitere berechtige Bestätigung“.

Für Sponsoren ist es ein Signal, dass ihr Geld gut investiert ist

Ulrike Groos ist überzeugt, dass der Titel Museum des Jahres auch hilfreich sein könnte im Hinblick auf Sponsoren. „Es ist auch wichtig für unsere Geldgeber, dass sie das, was sie unterstützen, bestätigt sehen“, sagt sie. Und damit auch die Bevölkerung von der Auszeichnung erfährt, wird an der Glasfassade des Kubus schon bald ein Hinweis angebracht werden.

Kunstbetrieb würdigen

Verband
AICA ist ein Internationaler Kunstkritikerverband mit Sitz in Paris. In der deutschen Sektion sind zwar auch Journalisten Mitglied, aber ebenso Kuratoren, Ausstellungsmacher und Mitarbeitende von Hochschulen und Museen.

Mehr Preise
Neben dem Titel „Museum des Jahres“ vergibt AICA auch die Auszeichnung „Ausstellung des Jahres“. Sie geht an eine Ausstellung des britischen Turner-Preisträgers Lawrence Abu Hamdan im Kunstverein Nürnberg. „Die besondere Ausstellung“ war für die Jury die Retrospektive des philippinischen Avantgardekünstlers David Medalla im Bonner Kunstverein.

Weitere Themen