Kunststaatssekretärin Olschowski zur Corona-Krise „Unsere Kultur muss stark bleiben“

Besorgt, aber nicht in Panik: Kunststaatssekretärin Petra Olschowski (Die Grünen) Foto: Sabine Arndt/MWK

Bereitet Corona der Kultur im Südwesten den Garaus? Petra Olschowski, Staatssekretärin im Kunstministerium von Baden-Württemberg, will den Künstlern jedenfalls rasch und unbürokratisch helfen – denkt mit ihrer „Initiative Kulturelle Bildung“ aber auch schon an die Zeit danach.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Seit rund zwei Wochen haben die Theater, Museen und Konzertsäle im Südwesten geschlossen. Viele Einrichtungen und Künstler fürchten um den Bestand. Petra Olschowski, die Kunststaatssekretärin des Landes Baden-Württemberg, sieht die Politik in der Pflicht.

 

Frau Olschowski, welche Sorgen müssen wir uns in Corona-Zeiten um unsere Kulturszene machen?

Wir stecken als Gesellschaft in einer Situation, die wir zuvor so nicht gekannt haben und auf die wir überhaupt nicht vorbereitet waren. Das betrifft besonders auch die Kultur, weil sie vor allem im öffentlichen Raum stattfindet, in dem sich Menschen begegnen und miteinander austauschen. Just diese direkte Begegnung ist gerade gefährlich und darum weitgehend untersagt; die Kultur ist damit plötzlich ganz auf den privaten Raum begrenzt. Dort im Privaten ist sie zwar immer noch erlebbar und als Literatur, Film oder Musik wirksam wie eh und je. Und trotzdem bleibt ein großes Defizit – eben das gemeinsame Erleben in der Öffentlichkeit.

Geht uns also womöglich auf Dauer etwas verloren?

Nein, das glaube ich nicht, auch wenn vieles von der Dauer der Corona-Maßnahmen abhängen wird. Aber wir haben in Baden-Württemberg eine unglaublich starke Kulturlandschaft. Die entsprechenden Häuser und Einrichtungen bleiben ja erhalten, schon in einiger Zeit können sie hoffentlich wieder spielen und Veranstaltungen anbieten.

Aber der Bestand dieser Landschaft wird auch von zusätzlichen öffentlichen Mitteln abhängen!

Sicher. Deswegen bin ich sehr froh, dass vom Soforthilfeprogramm Corona, das die Landesregierung am Sonntag beschlossen hat, auch die Kulturschaffenden unmittelbar profitieren werden. Damit haben nicht nur die großen Institutionen unsere Unterstützung, sondern auch die vielen freien Künstler und Kulturschaffenden und die kleinen Unternehmen der Kreativszene. Denn auch wenn ich vorhin gesagt habe, dass ich daran glaube, dass die Kulturlandschaft diese Krise übersteht, muss man sehen: Viele kämpfen im Moment um ihre Existenz und brauchen unsere Hilfe.

Ist sichergestellt, dass diese Unterstützung unkompliziert und kurzfristig zur Verfügung steht?

Die Antragsformulare über einen einmaligen, nicht rückzahlbaren Finanzzuschuss können jetzt über den Link auf der Webseite unseres Ministeriums heruntergeladen und ausgefüllt werden. Die örtliche Industrie- und Handelskammer oder die Handwerkskammer prüft den Antrag, die L-Bank bewilligt ihn und zahlt die Finanzhilfe direkt an den Antragsteller aus.

Ihnen lag das Thema „Digitalisierung der Kultur“ stets am Herzen. Viele Kultureinrichtungen bauen ihre digitalen Angebote für das Publikum gerade massiv aus. Hat die Corona-Krise also auch ihr Gutes?

Es freut mich, dass jetzt gerade überall so viele spannende digitale Angebote entwickelt werden. Aber unser Ziel war immer, über das Digitale die Leute an die Kulturorte selbst zu bringen und ihnen dort die Chance des direkten, authentischen Erlebnisses zu ermöglichen. Das Digitale ist ein Zugang zur Kultur, auch eine Sprache der Kultur, aber eigentlich kein Ersatz. Deswegen kann ich den aktuellen Umständen nicht wirklich etwas Gutes abgewinnen, auch wenn sich einige unserer Programme jetzt zum Glück bewähren.

Diese Corona-Krise überdeckt auch gerade Ihr eigenes politisches Programm: Eigentlich wollten Sie in diesen Wochen das Thema „Kulturelle Bildung“ in Baden-Württemberg mit Verve vorantreiben. Auch damit müssen Sie jetzt in die Warteschleife, oder?

Tatsächlich hätte ich mir den Start für unsere Initiative anders vorgestellt, aber man kann sich die allgemeine Lage eben nicht aussuchen. Fakt bleibt, dass der Landtag die Mittel im Kunsthaushalt für 2020 um 33,5 Millionen Euro auf rund 530 Millionen Euro gesteigert hat, gerade auch, um im Bereich kulturelle Bildung einen besonderen Schwerpunkt zu setzen.

Warum ist ihnen dieses Thema so wichtig?

Es geht hier für unsere Kultur um langfristige, strategische Fragen. Wie kann sich unser Kulturangebot noch mehr öffnen für unsere ganze Gesellschaft und wie können die Themen und Methoden besser transportiert werden? Wie werden sie interessanter für die junge Generation, die mit den digitalen Medien aufgewachsen ist? Wie passt eine fünfstündige Wagner-Oper noch in die heutige Zeit? Oder eine „Große Landesausstellung“? Wie können sich unsere Kultureinrichtungen in ihren Programmen, aber vor allem auch in ihren Teams wirkungsvoll öffnen für eine diverse, zunehmend migrantisch geprägte Gesellschaft? Wo kommen die Themen dieser Menschen überhaupt vor? Wie wird künstliche Intelligenz unsere Kultur verändern? All das sind Fragen, die für die Zukunft der Kultur eine Rolle spielen.

Ihre „Offensive kulturelle Bildung und Teilhabe“ ist also weniger ein Schulungsprogramm für die Menschen, sondern mehr für die Kulturszene selbst?

Es geht ganz sicher nicht darum, mehr Menschen als bisher die Geburtsdaten berühmter Maler einzutrichtern. Vielmehr sollen sie die Chance haben, zu erleben, wie in Kunst und Kultur ihre Themen, ihre Fragen, ihre Erfahrungen erlebbar und verhandelt werden. Ein Kompetenzzentrum, das wir noch in diesem Jahr einrichten wollen, soll den Kultureinrichtungen unseres Landes Anregung und Unterstützung geben.

Das klingt nach langen Grundsatzdebatten.

Das soll so konkret und praktisch wie möglich geschehen. Und so werden wir, ganz praktisch, als ersten Schritt noch in diesem Jahr in all unseren Museen Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren freien Eintritt in die Sammlungen ermöglichen. Ein anderes Projekt namens „Freiräume“ wird vor allem in den ländlichen Räumen Ausschau halten nach Leerständen und ungenutzten Orten, die sich für eine kulturelle Nutzung eignen und hier Initiativen unterstützen. Auch so findet man ein neues Publikum.

Hand aufs Herz: Haben Theater, Museen, Kulturzentren wirklich ein großes Interesse, sich so stark zu verändern? Mit dem Bestandspublikum läuft es doch ganz kommod, und so kann es sicher zehn, 15 Jahre noch weitergehen.

Ich erlebe unsere Kulturszene ganz anders. Gerade haben wir unseren „Dialogprozess“ im Land mit den Kulturschaffenden beendet – mit mehr als 1200 Beteiligten. Das Interesse praktisch aller, sich noch stärker zu öffnen für die Gesellschaft, deren Entwicklung mit den Mitteln der Künste produktiv mitzugestalten, war und ist riesig. Kulturpolitik ist eben immer auch Gesellschaftspolitik. Gerade die Angriffe der Rechten in jüngerer Zeit gegen eine offene, kritische Kulturszene haben das Bewusstsein dafür bei allen geschärft.

Trotz dieser großen Perspektive gibt es aber noch ganz praktische Probleme. Killt die Corona-Krise auch die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses?

Zweifellos hat uns die Pandemie auch auf dem Weg zu einer politischen Entscheidung in der Sanierungsdebatte voll erwischt. Das Verfahren der Bürgerbeteiligung haben wir bekanntlich unterbrechen müssen, und ob sich unsere anfängliche Hoffnung, die Anhörung bereits Ende Mai nachholen zu können, erfüllt, ist gerade sehr offen. Andererseits: Jedes Jahr weiterer Verzögerung kostet wiederum Geld. Das Ziel bleibt darum, noch in diesem Jahr die nötigen Entscheidungen in Land und Stadt zu treffen.

Trotz bevorstehender Wahlkämpfe in der Stadt Stuttgart und im Land Baden-Württemberg?

Es war in Baden-Württemberg immer guter Brauch, die Kultur aus den Wahlkämpfen raus zu halten und gemeinschaftlich in der Sache zu diskutieren und zu entscheiden. Im Moment sehen wir doch, wie wichtig die Kultur für uns ist. Sie lehrt uns, was wir jetzt brauchen: Sensibilität für uns selbst und den anderen, Empathie, gut Zuhören, genau Hinschauen, auch eine gewisse Form von Disziplin. Und nicht zuletzt: Kreativität und Zuversicht.

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