Plötzlich war der Busfahrer weg Rotes Kreuz versorgt gestrandete Senioren bei Gerlingen

Heimweg: Die gestrandete Reisegruppe verlässt den Bus. Foto: 7aktuell

Plötzlich war der Fahrer weg – offenbar telefonisch gefeuert. Und eine Seniorengruppe aus Sachsen-Anhalt hing viele Stunden auf dem Autobahnparkplatz Gerlinger Höhe fest, bis sie schließlich mit Taxis zum Stuttgarter Hauptbahnhof gebracht wurden.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Erst fünf Tage „Genfer Seenzauber“, dann eine Horrornacht im Reisebus. Was eine Seniorenreisegruppe von Donnerstag auf Freitag auf dem Autobahnparkplatz Gerlinger Höhe erlebt hat, war der völlig missratene Abschluss einer Busreise in die Französische Schweiz. Und es dürfte niemanden wundern, wenn die Aktion im Nachgang noch zivilrechtliche Folgen für einige der Verantwortlichen hätte. Doch was genau war passiert?

 

Die Reisenden aus Magdeburg und Stendal (Sachsen-Anhalt) befanden sich auf der Fahrt in Richtung Heimat. Sie waren bereits seit 8.30 Uhr unterwegs. Die Probleme begannen schon tagsüber. Unterwegs habe es der Fahrer laut Aussagen der Passiere nicht für notwendig gehalten, Verpflegungsstopps einzulegen. Einzig Toilettenpausen habe es auf Parkplätzen mit WC gegeben. Ein solcher ist auch der Autobahnparkplatz Gerlinger Höhe an der A 81 in Fahrtrichtung Heilbronn unmittelbar nach dem Engelbergtunnel. Und dort spitzte sich gegen Abend die Angelegenheit zu, bis sie ihren unrühmlichen Höhepunkt fand: Der Busfahrer hatte das Ende seiner erlaubten Lenkzeit erreicht, eine Weiterfahrt war also nicht mehr möglich. Von unterwegs hatte er bereits einen befreundeten Busfahrerkollegen kontaktiert, der mit dem Auto zum Parkplatz kam. Dieser Kollege hätte den mit den Senioren besetzten Bus zurück nach Magdeburg und Stendal fahren sollen. Nur: Der Chef des vom Reiseveranstalter beauftragten Busunternehmens wollte das nicht zulassen. Laut Aussagen der Insassen soll er den Fahrer mit der vollen Lenkzeit vielmehr angewiesen haben, ohne Registrierkarte illegal weiterzufahren. Das habe dieser wiederum verweigert.

Dann, so berichten die Passagiere übereinstimmend, sei die Sache völlig eskaliert. Der Chef habe den Fahrer über das Telefon gefeuert. Dessen Reaktion: Er packte seine eigenen Getränke, die er im Bus verkaufen durfte, ins Auto seines Kollegen, stieg anschließend selbst ein und verschwand spurlos. Die zum Teil gehbehinderten Fahrgäste blieben mitsamt dem Bus zurück.

Der georderte Ersatzfahrer kam nie auf dem Parkplatz an

Die Reisegruppe informierte die Polizei. Die ersten Einsatzkräfte erschienen um 18 Uhr auf dem Parkplatz – und waren einigermaßen erstaunt über das Szenario, das sich ihnen dort offenbarte. Doch das war erst der Anfang. „Um 19 Uhr wurden wir vom Busunternehmen kontaktiert, dass ein Ersatzfahrer unterwegs sei“, sagt Yvonne Schächtele, Sprecherin des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, auf Nachfrage. Nur sei dieser nie am Parkplatz angekommen, sodass die Beamten gegen 22 Uhr erneut von den Senioren herbeigerufen wurden.

Da es im Bus weder zu trinken noch sonstige Verpflegung gab, alarmierte die Polizei das Rote Kreuz. Die Helfer versorgten die entkräfteten Reisenden mit Snacks und Getränken. Erst nach Mitternacht organisierte das Reiseunternehmen Großraumtaxis, welche die Insassen zum Hauptbahnhof nach Stuttgart brachten. Von dort sollten sie die restliche Rückreise mit der Bahn antreten. Gegen 2.30 Uhr war auch die letzte Person aus der Busgruppe dort angekommen. Danach setzte die Polizei den Bus um, damit er auf dem Parkplatz nicht im Weg steht. Zum Glück hatte der Fahrer – zu ihm hatte die Polizei nach aktuellem Stand keinen Kontakt – den Schlüssel nicht mitgenommen.

Polizei wertet den Fahrtenschreiber des Busses aus

Das Busunternehmen mit Sitz im niedersächsischen Hasbergen gibt auf Nachfrage keinen Kommentar zu den Vorkommnissen ab und verweist auf den Reiseveranstalter, an den man sich bitte wenden möge. Die Firma, die im hessischen Eschborn sitzt, antwortet auf die Anfrage unserer Zeitung. „Über die Begleitumstände der unplanmäßig zu Ende gegangenen Rückreise, die in unserem Auftrag von einem Busunternehmen durchgeführt wurde, sind wir absolut fassungslos und schockiert“, lässt man via Kommunikationsagentur ausrichten.

Auf dem Parkplatz habe es tatsächlich einen Fahrerwechsel geben sollen. Warum dieser nicht wie geplant stattgefunden habe, wisse man nicht. Die genauen Umstände werde man noch im Detail klären. „Wir können uns bei unseren Kunden nur in aller Form für die katastrophalen Umstände der Heimreise entschuldigen“, heißt es weiter. Man werde selbstverständlich für alle entstanden Kosten aufkommen und den vollen Reisepreis erstatten.

Und wie geht’s jetzt weiter? „Der Fahrtenschreiber wird ausgewertet“, sagt Yvonne Schächtele, „bislang haben wir aber keine Hinweise auf Ordnungswidrigkeiten oder Straftaten.“ Und die Senioren? Für sie dürfte die Reise zwar zu Ende, die ganze Angelegenheit aber noch lange nicht erledigt sein.

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