Stuttgart - Wie klingt wohl das Lachen im Archiv? Hohl, würde man vielleicht im ersten Moment vermuten. Andererseits: Wie schön, dass im Archiv überhaupt einmal gelacht wird, und nicht nur geraschelt, gewispert und geraunt. Offenbar gilt auch für die heiligen Grüften des literarischen Erbes: Wie man hineinlacht, so lacht es heraus. Mit der Ausstellung „Lachen. Kabarett“ im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zeigt sich die dem Publikum zugewandte Seite des neuen Geistes, der nach dem Führungswechsel die Schillerhöhe umweht. Und wenn man das heitere Signal als Aufbruch deutet, soll unter der neuen Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, manches offener, leichter und lustiger werden.
„Die deutsche Literatur ist einäugig. Das lachende Auge fehlt“, ist auf einer Tafel von Erich Kästner zu lesen. Die mit der neuen Leiterin wieder an die Spitze des Literaturmuseums zurückgekehrte Heike Gfrereis versucht in der von ihr kuratierten Schau, den Blick für das Fehlende zu öffnen. Und so schaut man hier in ehrwürdige Gesichter, von Lachfalten verzerrt, schmunzelnd, prustend oder kurz davor wie der in einer Filmaufnahme sein berühmtes Reh-Gedicht rezitierende Joachim Ringelnatz. Das Ernsthaftigkeitsmonument Schiller steht in einer selbstgefertigten Zeichnung Kopf und der humorferne Übermensch wird auf das Brettl geholt, wie das Julius Bierbaum in seinem Roman „Stilpe“ formulierte, als Programm der das Unterste zuoberst und das Überste zuunterst kehrenden Kunstform des Kabaretts. Da – Dada – ist natürlich das Züricher Cabaret Voltaire nicht fern mit dem Hohepriester des Unsinns Hugo Ball.
Ein wenig Infantilisierung kann nicht schaden
Doch mit dem Lachen hat es seine Tücke. Von dem Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt stammt ein ernüchternder Satz: „Jeder, der sich mit dem Lachen in der Literatur gelegentlich beschäftigt und öffentliche Äußerungen darüber getan hat, kennt das seltsame Phänomen: es gibt nichts Trostloseres als Vorträge über das Lachen.“ Deshalb hat man sich in Marbach klug allem enthalten, was nach Vortrag klingen könnte.
Stattdessen steht im Eingangsbereich ein Klavier für die Diseuse und den Diseur unter den Besuchern bereit. Vitrinen und papierne Bückware sucht man vergeblich. Weiße Tapeziertische im Kontrast mit knallpinken Accessoires bestimmen das Bild, das eher an eine zum Spielen einladende Kita denn an ein Museum erinnert. Auf dem intellektuellen Hochplateau Marbachs kann ein wenig Infantilisierung nicht schaden. Hier kann man nun Paare bilden aus mit komischen Dichter-Posen bedruckten Karten. Ein aufgekratztes Männertrio um Hermann Hesse reitet auf dem Schaukelpferd ins Ungewisse; beschwingt und wohl ebenso beschwipst heben George Grosz und der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt das Bein – kulturelles Gedächtnis als Lachmemory.
Lachen unterläuft Hierarchien, stülpt Ordnungen um, setzt Regeln außer Kraft. Und dieses entgrenzende Prinzip spiegelt sich nicht nur in den Objekten, sondern im Konzept der Ausstellung. Berühren ist erlaubt. Der Besucher kann an Tageslichtprojektoren riesenhaft vergrößert imaginieren, was ihm beliebt , denn die meisten Exponate sind auf Klarsichtfolien gebannt. In den berühmten grünen Archivkästen liegt, nach Nuancen der Heiterkeit geordnet, Material bereit, aus dem man sich seine eigene Schau zusammenkramen darf: Historisches „Schisslaweng“, buntes Allerlei wie gemalte Smilies von Eduard Mörike oder das Hackebeil mit dem Christian Morgenstern das „Spiel- und Ernst-Zeug“ seiner Galgenlieder garniert hat.
Lachen kennt auch die Niedertracht
Spiel und Ernst liegen nahe beieinander. Kaum hatte Mascha Kaleko ihre ersten Kabarett-Gedichte veröffentlicht, Josephine Baker den babylonischen Berlinern mit Nacktheit und virtuosen Grimassen den Kopf verdreht, startet der auf dem Brettl verlachte Übermensch als Herrenmensch eine neue Karriere. Für das politische Kabarett brechen düstere Zeiten an. Sie münden in die Antwort des jüdischen Philosophen Hans Blumenberg auf die Frage nach dem kürzesten deutschen Witz: Auschwitz.
Lachen kennt auch die Niedertracht, wie etwa Theodor W. Adorno dieser Form „schmatzend einverstandenen Behagens“ insgesamt äußerst skeptisch gegenüberstand: „Vergnügtsein heißt Einverstanden sein“, schreibt der Kopf der Frankfurter Schule in der „Dialektik der Aufklärung“.
Wer das pervers findet, kann sich via Schnurtelefon vom Haupt einer anderen Frankfurter Schule erklären lassen, was pervers wirklich bedeutet: „Meine Verse sind recht teuer / per Vers bekomm‘ ich zwanzig Eier“, reimt Robert Gernhardt. Damit kann man unter humoristischen Gesichtspunkten immer noch einverstanden sein. Wohingegen die Schnurtelefonate mit dem bundesrepublikanischen Nachkriegsclown Heinz Erhardt eher den historischen Sinn stimulieren als die 135 Muskeln, die am höchst komplizierten Vorgang des Lachens beteiligt sind.
Weil die Marbacher Unternehmungen natürlich nie nur zum Spaß stattfinden, immer auch im Dienst der Wissenschaft stehen, endet der Parcours in einem Lachlabor, in dem der Besucher aufzeichnen kann, was ihn wann und wie lange zum Wiehern bringt. In Kooperation mit dem Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien wird das Ganze ausgewertet, sodass man am Ende der Ausstellung auf jeden Fall mehr über das Lachen weiß als zuvor.
Leben wir nun in komischen oder tragischen Zeiten? Und soll man darüber lachen oder weinen, dass gegenwärtig so viele ehemalige Entertainer und Komiker in höchsten politischen Ämtern zu finden sind? Manche Fragen bleiben offen. Kein Grund traurig zu sein. Allein der Gedanke, wie diese offene Mitmach-Schau am Ende eines langen Ausstellungstag aussehen mag, könnte zum Schmunzeln reizen.