Lachtrainerin Carmen Goglin Wie Lachyoga ihr bei Depressionen half – und sie zum Internetstar machte

„Das Lachen ist eine angeborene Fähigkeit, für die man nur sich selbst braucht“, sagt Carmen Goglin, „man kann dabei gar nichts falsch machen.“ Foto: /Andreas Reiner

Die Wissenschaft ist sich einig: Lachen ist gesund. Es gibt sogar Menschen, die damit Geld verdienen, etwa Lachtrainerin Carmen Goglin. Sie begeistert in den sozialen Medien mit Lachvideos Hunderttausende – und das, obwohl sie ihr Lachen lange verloren hatte.

Digital Desk: Lotta Wellnitz (loz)

Ein in die Jahre gekommenes Hochhaus mit grauer Fassade am Stadtrand von Reutlingen. Laut den Klingelschildern am Eingang wohnen hier mehr als 100 Parteien. In fünf Blöcken reiht sich Name unter Name. Im letzten steht Goglin. „Hallo“, ertönt es aus der Sprechanlage. „14. Stock.“ Die Tür des telefonzellengroßen Aufzugs öffnet sich mit einem seltsamen Zischen. Carmen Goglin wartet schon und führt die Besucherin in ihre Wohnung mit Blick auf die Schwäbische Alb.

 

„Kaffee oder Wasser?“, fragt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Auf dem Küchentisch liegen schon vier Bücher bereit, voll mit gelben, blauen, grünen Klebezetteln. Auf einem steht „Lachen ohne Grund“, auf einem anderen „Warum Lachyoga?“ Ja – warum?

In einem ihrer Online-Kurse erklärt Carmen Goglin in die Laptopkamera: „Eine wichtige Lachübung ist die Lachkurbel. Am besten, ihr macht einfach mit.“ Dann hebt sie den Arm und ballt die Hand zur Faust: „Stellt euch vor ihr habt in eurem Kopf eine imaginäre Kurbel. Je schneller ihr dreht, umso schneller lacht ihr auch.“ Erst langsam „hahaha“, dann schneller „hahahaha“, dann noch schneller „hahahahaha“. Dabei macht sie mit der Faust kleine flinke Kreisbewegungen. Nach 15 Sekunden stoppt sie. Ende der Aufnahme.

Was die 57-Jährige aus Reutlingen da macht, mag auf den ersten Blick eher unfreiwillig komisch wirken. Doch die Lachkurbel ist eine Übung aus dem Lachyoga und Carmen Goglin zertifizierte Lachtrainerin. Als solche bringt sie Menschen bei, einfach so zu lachen – ohne Grund, ohne Witz, ohne Reiz von außen. Darum geht es im Lachyoga. Ein Mix aus Klatsch-, Dehn-, Atemübungen sowie pantomimischen Bewegungen sollen beim Lachen helfen und so das Wohlbefinden verbessern. Denn Lachen, auch das geplante, stärkt das Immunsystem, unterdrückt das Stresshormon Adrenalin und setzt Glückshormone frei.

Carmens langer Weg zur Kult-Lachtrainerin

Carmen Goglin weiß das. Sie gründete 2013 die Reutlinger Lachschule, gibt aktuell jede Woche einen Online-Lachkurs und lädt Videos von Lachübungen auf ihrem Instagram- und Youtube-Kanal hoch. Teilweise schauen sich das Hunderttausende an. Die gebürtige Sächsin, die seit 20 Jahren in Reutlingen lebt, hat es im Netz zu großer Bekanntheit gebracht. Es gab dabei auch Zeiten, in denen sie kaum mehr lachen konnte.

Lachtrainerin, das macht sie in ihrer Freizeit. Ihr eigentlicher, ihr „ernster Job“, wie sie sagt, ist Interimsmanagerin. Als solche wird sie an Unternehmen vermittelt, um sie für eine gewisse Zeit bei der Personalarbeit zu unterstützen. Aktuell kümmert sie sich um die Lohn- und Gehaltsbuchhaltung einer Firma im Raum Freiburg. Von Montag bis Donnerstag schläft sie im Hotel. An diesem Freitag arbeitet sie von zu Hause aus.

Die Lachtrainerin und ihr Herzensthema

Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern entdeckte die Form des Yogas, als es ihr sehr schlecht ging. Vor zwölf Jahren litt sie unter Depressionen, war kraftlos, innerlich leer, konnte nur noch das Nötigste machen. Schwer vorstellbar, wenn man sie heute mit ihrer gewinnenden Art und ihrem ansteckenden Lachen kennenlernt. Damals machte sie drei Jahre lang eine Psychotherapie. Das half ihr, die alte Carmen war sie danach trotzdem nicht mehr. „Mir war mein Lachen abhandengekommen“, sagt sie. Als sie das sagt, verschwindet es auch heute für einen Moment aus ihrem Gesicht. Dann beginnt sie über Lachyoga zu sprechen, ihre Gesichtszüge entspannen sich, die Mundwinkel gehen nach oben.

Damals habe ihre Tochter sie mit zu einem Lachyoga-Wochenende geschleppt. Die Mutter war sofort begeistert, die Tochter weniger. „Sie fand dort alle ziemlich bescheuert“, erzählt Carmen Goglin und lacht herzlich. Das tut sie an diesem Mittag bei fast allem, was sie erzählt. „Lachyoga hat mich ein Stück weit zu mir selbst zurückgebracht und mich aus der Depression begleitet.“ Denn man könne nicht gleichzeitig grübeln und lachen. „Wenn man lacht, ist man im Hier und Jetzt, man entspannt automatisch.“ Carmen Goglin betont aber auch, dass Lachyoga alleine keine Depression heilen kann.

Ausbildung zur Lachtrainerin bei Lachyoga-Guru

Ein Jahr nach dem Wochenende ließ sich Carmen Goglin bei dem indischen Arzt Madan Kataria zur Lachyoga-Leiterin ausbilden. Er ist in der Szene der Guru schlechthin, erfand 1995 die Technik. Seitdem hat sie eine Mission: das Lachen in die Welt zu tragen. Ihrer Meinung nach wird heute nämlich viel zu selten gelacht. Und das Leben werde immer ernster. „Und je älter wir werden, desto schlimmer wird es. Im Schwabenland sowieso.“

Nach einem schallendem Gelächter sagt sie dann, dass Lachen eine angeborene Fähigkeit ist, für die man nur sich selbst braucht und bei der man gar nichts falsch machen kann. Zwar kommt das Lachen beim Lachyoga nicht wirklich von innen. „Aber auch ein Fake-Lachen hat positive Effekte für Körper und Geist. Denn unser Gehirn kann nicht unterscheiden, ob wir natürlich oder künstlich lachen.“

Der Weg ins Internet – und zur Bekanntheit

Vor vier Jahren tat Carmen Goglin etwas, das für die Lachyoga-Szene untypisch ist. Etwas, das auch heute nicht jedem ihrer Kollegen passt: Sie brachte die Technik ins Internet und lud Videos von Lachübungen wie der Lachkurbel auf ihrem Youtube-Kanal hoch. Anfangs folgten ihr dort 80 Menschen, heute sind es 27 000. Auf Instagram hat sie mittlerweile mehr als 90 000 Abonnenten.

Das liegt hauptsächlich am Rapper Finch, bürgerlich Nils Wehowsky. Der 32-Jährige ist vor allem in den sozialen Medien bekannt. Der machte sich über ein Lachvideo von Carmen Goglin lustig. Daraufhin explodierten ihre Aufrufzahlen. Plötzlich luden sie große Radio- und Fernsehsender ein, Zeitungen und Online-Magazine wollten mit ihr sprechen.

Seitdem lachte sie schon in der RTL-Fernsehshow „Fünf gegen Jauch“ mit Talkmaster Günther Jauch oder in der SWR-3-Radiosendung „Gottschalk & Zöller“ mit Thomas Gottschalk. Beide Promis, verrät die Trainerin, konnten mit ihrer speziellen Form des Yogas wenig anfangen. Beide seien halt „Kopfmenschen“, sagt sie. „Und Kopfmenschen tun sich mit der Technik eher schwer.“

Hasswelle im Netz trifft die Lachtrainerin hart

Mit der ungewollten Aufmerksamkeit brach auch eine riesige Hasswelle über die Frohnatur herein. In den sozialen Medien machten sich Hunderte über sie lustig, manche wurden richtig beleidigend. Kommentare wie „Ist die aus der Klapse ausgebrochen?“ oder „Lösch dich“ trafen sie hart. Carmen Goglin zweifelte plötzlich an dem, was sie tat. Doch sie machte weiter, fand wieder zu sich und ihrer Mission: das Lachen in die Welt tragen. Und genau diese steht ihr ja dank des Rappers Finch ein kleines Stück weiter offen.

Mittlerweile ist der Hass weniger geworden, aufgehört hat er nicht. Aber Carmen Goglin hat gelernt, damit umzugehen: „Am Anfang lachen sie über mich und meine Videos. Dann lachen sie mit mir. Und wer es dann verstanden hat, gewinnt ein bisschen Freiheit für sich.“ Außerdem bekommt sie viele positive Rückmeldungen. Sie wird auf der Straße erkannt, macht Selfies mit Fans, verkauft sogar eigene Fanartikel wie Pullis oder T-Shirts.

Die oft jungen Anhänger teilen Carmen Goglins Videos in den sozialen Netzwerken. Manche wollen, dass sie mit ihnen lacht oder ihre Freunde zum Geburtstag grüßt. Inzwischen nutzt sie auch eine Plattform, auf der man Videobotschaften von Promis wie Roberto Blanco oder Ex-Fußballer Thorsten Legat kaufen kann. Ein Video von Carmen Goglin kostet 49 Euro. „Soll ich mal zeigen, wie das aussieht?“, fragt sie und greift zum Handy. Sie setzt ihre Lesebrille auf. „Ah, hier habe ich zwei Anfragen. Eine muss ich dringend machen, da habe ich nur noch fünf Stunden Zeit. Der hier will, dass ich die Lachzigarette mache.“ So heißt eine Übung im Lachyoga.

Sie schaltet auf Kamera, und auf ihrem Handybildschirm erscheint ihr fröhliches Gesicht. „So nehme ich dann ein kurzes Video auf, schicke es ab und kriege Geld.“ Oft macht sie solche Videos für Geburtstage oder Hochzeiten. Die Leute mögen das. „Ich bekomme auch immer fünf Sterne“, sagt sie und strahlt.

Buch „Oma geht viral“ wird kommen

Warum Menschen für ein Video von ihr 49 Euro bezahlen, versteht sie nicht wirklich. Muss sie ja auch nicht. Carmen Goglin freut sich, dass sie ihre Mission verbreiten und mit ihrem Hobby sogar Geld verdienen kann. „Besser geht’s doch nicht, oder?“, sagt sie und lacht. Auch wenn ihr Start in die Instagram-Welt der Hasskommentare, Schönheitsfilter und verzerrten Körperideale schmerzhaft war: Heute ist sie froh, dass alles so passiert ist.

So froh, dass sie über ihren Weg gerade ein Buch schreibt. Heißen wird es wahrscheinlich „Oma geht viral“. Carmen Goglin hat nämlich schon vier Enkel – und ist als Einzige in ihrer Familie auf Instagram unterwegs.

Weitere Themen