Lärm auf dem Stuttgarter Volksfest Bürgerinitiative verzichtet auf Klage

Von Jörg Nauke 

Im seit Jahren schwelenden Streit zwischen den Wasen-Veranstaltern und den Anwohnern wegen des Lärms hat der Bürgermeister Michael Föll zunächst einmal einen Kompromiss erreicht.

Zwischen Disco und startendem Flugzeug bewegt sich der Lärmpegel in den Wasenzelten laut einem Gutachter. Foto: Martin Stollberg
Zwischen Disco und startendem Flugzeug bewegt sich der Lärmpegel in den Wasenzelten laut einem Gutachter. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Höher, schneller, weiter“. So laute das Motto beim 170. Cannstatter Volksfest, hat der Veranstalter In Stuttgart in seiner umfangreichen Pressemitteilung getextet. Dass das Wasenspektakel auch leiser werden müsse, weil bereits mit einer Verpflichtungsklage gedroht wurde, bei der ein Gericht die Stadt zu einschneidenden Maßnahmen zwingen könnte, blieb in der Jubelarie allerdings unerwähnt. Wasenbürgermeister Michael Föll (CDU) hat allerdings in der seit fünf Jahren währenden Debatte über die den Anwohnern im Veielbrunnengebiet sauer aufstoßende Ballermann-Musik und das elektronisch verstärkte Gebrüll von Fahrgeschäft-Animateuren einen Burgfrieden mit den Anwohnern erreicht. Die Bürgerinitiative Veielbrunnen lässt jedenfalls die juristische Keule vorerst im Sack. Man werde noch einmal genau schauen, ob eine Besserung eintrete und dann nach dem Volksfest gemeinsam mit der Stadt die zur Beruhigung des Quartiers getroffenen Maßnahmen bewerten und die gemessenen Werte prüfen, so die Sprecherin der Bürger, Regine Herdecker.

Die Geduld der Anwohner wird bekanntlich seit Jahren extrem strapaziert – durch Festgäste, die im Wohngebiet einen kostenlosen Parkplatz oder eine Toilette suchen sowie durch Festwirte, denen es in ihren Zelten gar nicht laut genug sein kann und eben durch die lauten Fahrgeschäfte. 2011 war zum ersten Mal eine Klage angekündigt wurden, in der Folge waren aber einige Maßnahmen in Gang gekommen. So wurden Limiter eingeführt, die das übermäßige Hochfahren der Lautsprecheranlagen beschränken. Der Schallpegel konnte so um drei Dezibel reduziert werden – allerdings war er davor um fünf Dezibel gestiegen. Die jüngeren Festgäste, und sie bilden längst die Mehrheit, beklagten sich daraufhin. Die Veranstalter reagierten prompt mit der Ankündigung, die Bässe um drei Dezibel (db/C) zu erhöhen, „damit die Musik nicht mehr so pomadig daherkommt“, so Föll. An der Lautstärke ändere sich nichts, behauptet er, räumt aber ein, dass Prognosen in diesem Bereich schwierig seien. Er kündigte auch an, nun die Schausteller zu überwachen. Als „schwarze Schafe“ enttarnten Fahrgeschäftsbesitzern habe man den Einbau eines Limiter verordnet. Föll sagt eine ergebnisoffene Bewertung nach dem Volksfest zu.

Junges Publikum beschwert sich über zu leise Musik

Die Bürgerinitiative habe sich mit wenig abspeisen lassen, lautet das Fazit von Rechtsanwalt Roland Kugler, der am Donnerstag von den Anwohnern informiert worden war, dass man seine Dienste vorerst nicht benötige. Föll hatte zugesagt, den Schallpegel nicht mehr drei, sondern nur noch einen Meter über dem Zeltdach messen zu lassen, und zwar dauerhaft. Er dürfe nicht über 80 db (A) liegen. Zur Erinnerung: Im Bezirksbeirat Cannstatt war über eine Absenkung auf 75 Dezibel diskutiert worden, was Wasenchef Andreas Kroll zur Aussage veranlasste, damit sei „der Erfolg des Wasens in Frage gestellt“. Schon ohne Musik würde dieser Wert im Zelt erreicht. Bei der offiziellen Messstelle beim Stadtarchiv im Wohnquartier dürften auf jeden Fall nur 55 db/A ankommen, sagt Föll. Wie die Festwirte diese Marke erreichen, sei deren Sache. Ziel sei jedenfalls, die bisher schon erreichte Reduktion von drei Dezibel um weitere zwei zu erhöhen.

Entscheidend sei für die Anwohner nicht der Wert überm Zelt oder in der Nachbarschaft, sagt Kugler. Wollten die Nachbarn vor Gericht Verwertbares, dann müssten sie wissen und nachweisen können, wie laut es nachts vor ihren Fenstern sei. Vor dieser Erhebung habe sich Föll erneut erfolgreich gedrückt. Der Anwalt betonte, ein Gutachter habe beim Gespräch im Rathaus gesagt, der Lärmpegel im Zelt bewege sich „zwischen Disco und startendem Flugzeug“. Er wundere sich deshalb, dass die Mitarbeiter dennoch keinen Ohrschutz tragen. Föll sagt dazu, die Einhaltung der Arbeitsstättenverordnung obliege den Festwirten. Sie hätten die Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern. Der Bürgermeister habe mit seinen Angeboten zur Verkehrsberuhigung gut Wetter gemacht, so Kugler. Das sei taktisch geschickt gewesen. Die Stadt riegelt das Quartier ab – allerdings nur an den Wochenenden. Der städtische Vollzugsdienst und ein privater Sicherheitsdienst stehen an den Schranken. Außerdem wurden die Volksfest-Arbeitgeber verpflichtet, ihren Mitarbeitern kostengünstige Parkplätze auf dem Wasen anzubieten. Die Straßenreinigung wird intensiviert und beim Bahnhof eine öffentliche Toilette aufgestellt.