Landesmuseum Stuttgart Das schönste Museumsfoyer der Welt
Das Landesmuseum Württemberg ist angetreten, das klassische Museumsfoyer zu revolutionieren. Wir haben uns den frisch sanierten Schlosssaal angeschaut.
Das Landesmuseum Württemberg ist angetreten, das klassische Museumsfoyer zu revolutionieren. Wir haben uns den frisch sanierten Schlosssaal angeschaut.
Stuttgart - Das müsste man sich mal vorstellen, wenn die Menschen in hunderten von Jahren noch sagen würden: Damals, im September 2021, fand in Stuttgart eine Weltsensation statt. Man würde daran erinnern, dass es die wackeren Stuttgarter waren, die das Museum, das immer Festung oder Tempel gewesen war, plötzlich öffneten und zu einem genüsslichen und lebendigen Ort machten, zu dem fortan Jung und Alt pilgerten.
Es wird sich weisen, ob die sogenannte Dürnitz im Alten Schloss tatsächlich in die Geschichtsbücher eingehen wird. Der neue Eingangsbereich, den das Landesmuseum Württemberg am Samstag mit einem großen Bürgerfest eröffnen wird, ist aber tatsächlich spektakulär. Wenn man sich mit einer Tasse Kaffee auf eines der braunen Ledersofas plumpsen lässt und dem Treiben vor der Markthalle oder am Karlsplatz zuschaut, dann begreift man erst, wie unwirtlich und trostlos der Eintritt ins Alte Schloss über Jahre hinweg war. Da halfen die schönsten Ausstellungsstücke nicht – dieser Saal war düster und so ungemütlich, dass man lieber schnell in eine der Ausstellungen flüchtete.
Und nun: Licht, Luft und eine freundliche Atmosphäre, die Lust macht, zu verweilen. Denn die Architektin Pia Elser von Vermögen und Bau Baden-Württemberg hat die tausend Quadratmeter große Fläche kräftig entrümpelt und den Empfangstresen komplett ausrangiert. Die hohen Fenster sind nicht mehr verdunkelt, sondern lassen das Tageslicht nun großzügig hineinfluten – und ermöglichen vielfältige Blicke in die Stadt und den Schlosshof. Die Mauern mit den wuchtigen Steinen stammen zwar nicht mehr aus dem 14. Jahrhundert, sondern wurden nach der Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs rekonstruiert. Trotzdem spürt man nun wieder, dass man sich in einem Schloss befindet – und zugleich im Herzen der Stadt.
Dieses neue Foyer vermittelt Offenheit, womit zu hundert Prozent gelungen ist, wovon Cornelia Ewigleben träumte. Die einstige Direktorin des Landesmuseums wollte ein Foyer, das mehr ist, als nur ein Ort, an dem man Tickets kauft und die Jacken einschließt. Sie skizzierte die Vision einer Kulturlobby, eines „Open Space“, in dem jeder ein- und ausgehen und sich aufhalten kann – selbst wenn er gar nicht in eine Ausstellung gehen will. Deshalb gibt es jetzt kostenloses WLAN, gemütliche Sessel und Sitzgruppen, Tische zum Arbeiten (samt Steckdosen) – und sogar das Café Dürnitz, das neben Kaffee und Kuchen auch Snacks anbieten will.
Es hat gedauert, aber es hat sich gelohnt, die 27 Monate Bauzeit geduldig abzuwarten. Ob es die Kalksteinplatten am Boden sind, die gediegenen Möbel oder die großen Sitzstufen, auf denen künftig möglichst viele Gäste herumlümmeln sollen – alle Elemente orientieren sich farblich am Mauerwerk und sind elegant aufeinander abgestimmt. Zugegeben, die großen Lüftungseinbauten mit bronzefarbenem Gitter (das ein wenig an das Kettenhemd von Rittern erinnert), sind vielleicht etwas zu präsent geraten. Aber der Saal ist ideal strukturiert und die Akustik gut. Und die Mischung zwischen imposantem altem Gemäuer und moderner Anmutung wird diese Dürnitz zweifellose zu einem beliebten Ort in der Stadt machen.
Damit schließt sich der Kreis, denn als Dürnitz bezeichnete man einst einen großen Gemeinschaftsraum, in dem sich die Schlossbewohner gemeinsam aufhielten und speisten. Um Begegnung geht es auch der Direktorin Astrid Pellengahr, die auch nach dem Eröffnungsfestival weiterhin die Tanz- und Theaterszene zu Gastspielen einladen will, weshalb eigens eine versenkbare Bühne eingebaut wurde. All das hatte freilich seinen Preis: 7,95 Millionen kostete die Sanierung, für die hochwertige Ausstattung kamen weitere 2,2 Millionen dazu. Gut angelegtes Geld, meint die Kulturministerin Theresia Bauer. Denn das neue Foyer sei „ein Statement – auch kulturpolitischer Art“.
Wahrscheinlich wird die Dürnitz im Alten Schloss trotzdem nicht in die Weltgeschichte eingehen, denn der Ehrlichkeit halber muss erwähnt werden, dass die englischen Museen längst eine solche Willkommenskultur pflegen – bis hin zum Wassernapf für Vierbeiner. Im altehrwürdigen Victoria & Albert Museum in London dürfen die Kinder im Sommer sogar im Innenhof im Wasserbecken baden. Für die deutsche Museumslandschaft setzt das Württembergische Landesmuseum aber sehr wohl Maßstäbe, sodass man der Ministerin Bauer nur beipflichten kann, die es schlicht auf den Punkt brachte: „Ist gut geworden!“
Das Volk im Schloss
Feiern
Die Eröffnung des neuen Foyers im Alten Schloss wird groß gefeiert mit einem Fest am Samstag, das um 11 Uhr. Der Eintritt in sämtliche Ausstellungen ist frei, in der neuen Lounge findet Programm statt mit Musik, Tanz und Theater. Die Direktorin Astrid Pellengahr unterhält sich mit Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, es gibt Blicke hinter die Kulissen und Infos zum neuen Museumsfoyer.
Festival
Vom 18. bis 26. September findet im Alten Schloss das Festival „Bühne Frei“ statt mit vielen Kulturschaffenden und Gruppen. Der Eintritt ist frei, denn tatsächlich war es die Bevölkerung, die das Festival möglich gemacht hat. 70 000 Euro kamen bei einer Spendenkampagne des Landesmuseums zusammen. Das ist so viel, dass nach dem Festival noch bis Ende 2021 an mehreren Abenden Kurzstücke aufgeführt werden können.