Landesnarrentreffen Neckarweihingen wird zur Fastnachts-Hochburg
Die Erste Fasnetzunft Neckarweihingen hatte 2024 die Ehre, das Landesnarrentreffen ausrichten zu dürfen. 87 Gruppen und Tausende von Besuchern waren mit von der Partie.
Die Erste Fasnetzunft Neckarweihingen hatte 2024 die Ehre, das Landesnarrentreffen ausrichten zu dürfen. 87 Gruppen und Tausende von Besuchern waren mit von der Partie.
Zur rechten Zeit war die Sonne rausgekommen. Gerade rechtzeitig nämlich, um all die Farben zum Leuchten zu bringen, die am Sonntag die Straßen des Ludwigsburger Stadtteils Neckarweihingen in ein buntes Kostümmeer verwandelten. Dazu flotte Guggenmusik, gängige Melodien zum Mitsingen, Trommel-, Rätschen- und Schellenklang – einige tausend Zuschauer säumten die Gassen beim großen Umzug des 41. Landesnarrentreffens. Unter dem Motto „Fasching, Fasnet, Karneval – gemeinsam feiern wir überall“ sorgten 87 Gruppen aus ganz Württemberg für mehrere Stunden ausgelassener Stimmung.
Als Gastgeber eröffneten natürlich die Neckarweihinger Mistelhexen – sie feiern übrigens auch ihr 40-jähriges Bestehen – den Umzug: eine eindrucksvolle Gruppe von Hexen unterschiedlicher Generationen, mit grünem Kleid, roter Schürze, rotem Kopftuch und mit einem dreifachen „Mistel – Hexen!“. Ihnen folgte die Guggenmusik der Wefzga aus Bietigheim, bevor dann die Steinheimer Hexen mit ihren Besen und wilden Sprüngen durch die Gassen fegten. Aber nicht nur die Gloschdr-Hex, auch viele andere Vertreterinnen der Hexenzunft wischten übers und ins Publikum, teils drohten sie, teils umarmten sie – und immer wieder flogen die von den Kindern ersehnten Süßigkeiten.
Ein wahres Festival der Masken zeigte sich: Neben Hexen in allen Abstufungen, von grauslich bis freundlich und knorrig, liefen auch gutmütige ältere Männermasken mit, aber auch Hästräger in Gestalt von Ziegen, Schafen oder mit grimmigen Eberköpfen. Stolz auf ihre Masken war die Ellwanger Hexenzunft, denn „wir haben auch richtige Haare dran,“ die blond oder braun hinter dem Häs hinabwallten. Und wo Hexen ihr Unwesen treiben, ist auch ein Teufel nicht weit. Gleich in der Mehrzahl tauchten die unheimlichen schwarz-roten Riedteufel auf, die zu der Bad Schussenrieder Narrenzunft gehören. Sie sind eindrucksvolle Vertreter der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, wie auch ihre Kollegen aus Spaichingen.
Eher faschingsmäßig rheinisch, aber auch genauso voll guter Stimmung und dem Publikum sehr zugewandt, präsentierten sich große Stuttgarter Vereine wie etwa das Stuttgarter Rössle oder aber die Gesellschaft Zigeunerinsel, deren Spielmannszug für Schwung und mitreißende Rhythmen sorgte. Auch einige gekrönte Faschingshäupter erwiesen ihre Huld gegenüber den zahlreich erschienenen Untertanen, so zum Beispiel das Deborah die Erste und Robin der Erste von der Ditzinger Gesellschaft Titzo. Von ihrem Festwagen ließen sie viel Süßes in die Zuschauerreihen regnen.
Etliche Faschingsvereine führen ihren Ursprung auf wahre Geschichten zurück, die sich in ihrem Auftritt widerspiegeln. So die Röhlinger Sechta-Narren: Die 30 Narren starke Truppe von der Ostalb erinnerte mit Köhler-Kostümen an einen ausbeuterischen Gutsherrn, dessen Anwesen nach seinem Tod von den Unterdrückten zerstört wurde, etwa so um 1800 herum.
Besonders hübsch in grün mit strahlend blauer Kopfbedeckung traten die Hofener Scillamännle auf; sie stellten die dort im Wald über dem Neckar zeitig erscheinenden Blausterne dar. Ganz angemessen auch ihre Parole: „Blüh – auf! Blüh – auf!“ In Gelb und Blau zeigte sich die Freie Narrenzunft aus Kornwestheim: Sie symbolisierten Ähren auf dem Feld, unterstrichen mit „Korn-Fetz“.
Die rührigen Narren sind jetzt in der Hochsaison, „ständig unterwegs, ständig unter Strom“, wie einer von ihnen sagt. Manchmal Freitag, Samstag, Sonntag. Aber die Gemeinschaft sei großartig: „Wir sind eine große Familie.“
Für Musik war gesorgt: Etliche Musikzüge marschierten mit, und spielten Lieder zum Schunkeln, Klatschen und Mitsingen. Wie die „Lotosblume“ der Flippers oder „Sarà perché ti amo“ von Ricchi e Poveri. Etliche Tanzgarden zeigten Eleganz und Grazie, mit forschen Schritten trotzten sie der Kälte und verbreiteten gute Laune. Besonderen Beifall gab es für die Kinder-Garden. „Mir macht das Spaß, hier so im Umzug mitzulaufen,“ so Emilia, eine der Älteren von der Kükengarde von Blau-Weiß Sindelfingen.
Nicht zu übersehen und zu überhören: Schellen tragende Gruppen und Narren mit großen, lauten Ratschen. Dazwischen dann wieder kostümierte Musiker oder Garden, eine Gruppe Musketiere, die geradewegs dem berühmten Roman von Alexandre Dumas entsprungen zu sein scheint, Gardesoldaten aus den Kasernen des Alten Fritz oder freundliche Herren in Uniformen, die der Kleidung historischer Postmeister nachempfunden waren. Oder Narren im wilden Löwenhäs – natürlich aus Leonberg. Eine Gruppe aus Neuhausen kommt im Schaffell, eine Erinnerung an einen obrigkeitskritischen Schäfer, der seine Tiere dem Magistrat „grad zum Bossa“ durch den Ort getrieben hat. So geschehen vor etwa 200 Jahren. Die Wurzeln der Fasnet reichen eben tief.