Landfrauen im Kreis Esslingen Mehr als nur Marmelade kochen

Doris Hoinkis ist Vorsitzende des Kreisverbands Esslingen der Landfrauen – und eine Verfechterin der politischen Bildungsarbeit. Foto: Ines Rudel

Viele Leute denken bei den Landfrauen an kochende und backende Bäuerinnen. Dabei ist das Selbstverständnis laut der Esslinger Kreisverbandsvorsitzenden ein zutiefst politisches – und zwar schon seit den Anfängen vor einem dreiviertel Jahrhundert.

Eins kann Doris Hoinkis gar nicht leiden: Wenn die Landfrauen aufs Kochen und Backen reduziert werden. Ihr Verband sei politisch – und einer der größten Bildungsträger im Land, betont die Vorsitzende des Kreisverbandes Esslingen der Landfrauen. Seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert bieten die Landfrauen Schulungen, Kurse und Ausbildungen an. Die Angebote seien nach wie vor gefragt, Nachwuchs für den Verband allerdings finde sich nicht mehr so leicht.

 

Dabei seien die Landfrauen stets am Puls der Zeit, betont Hoinkis, die nicht nur den Ortsverein Ostfildern-Scharnhausen und den Kreisverband Esslingen führt, sondern auch Mitglied im Präsidium des Landesverbandes der Landfrauen ist. „Wir waren zum Beispiel beim Thema Datenverarbeitung ganz vorn dabei“, erzählt die 70-Jährige stolz. Man habe sehr früh Schulungen und Kurse angeboten, als das Thema aufkam. Auch in der Coronapandemie habe man es schnell verstanden, auf digitale Angebote umzusatteln – und heute habe jede Ortsvorsitzende standardmäßig ihren eigenen Laptop für die Verbandsarbeit. „Beim Begriff Landfrau denken viele Leute direkt an eine kochende und backende Bäuerin, aber so war es eigentlich nie“, sagt Hoinkis.

Bildung der Frauen auf dem Land im Mittelpunkt

Schon in den Anfängen vor mehr als 75 Jahren sei es vor allem um die Bildung der Frauen auf dem Land gegangen – damals seien beispielsweise Schulungen angeboten worden, die die Frauen befähigen sollten, die Buchhaltung eines landwirtschaftlichen Betriebes zu führen. Heute seien längst nicht mehr nur Bauersfrauen Mitglieder in den Ortsvereinen, sondern auch Bewohnerinnen der Städte – und sogar einige Männer. Aber nach wie vor gehe es vor allem um Weiterbildung in Gemeinschaft, auch wenn der Spaß nicht zu kurz kommen dürfe. „Mein Anspruch ist, dass die Angebote nett sein und Spaß machen müssen, aber dass auch etwas vermittelt wird“, sagt Hoinkis. „Ich will nicht nur Kaffeekränzchen, sondern auch inhaltlich etwas rüberbringen.“

Hoinkis selbst ist im Jahr 2000 über eine Sportgruppe zu den Landfrauen gekommen. „Eine Freundin hat mich damals gefragt: Was willst du denn bei den Landfrauen?“, erinnert sich die 70-Jährige und grinst. Tatsächlich habe sie selbst sich damals fast gewundert, schließlich sei sie nie ein „Vereinsmeier“ gewesen und habe nicht in einem bäuerlichen Betrieb, sondern beim Daimler gearbeitet. Aber bei den Landfrauen sei es anders gewesen als in anderen Vereinen, vor allem das Miteinander und die Bildung in der Gemeinschaft gefalle ihr. Hinzu komme der politische Aspekt: „Mein Verständnis von den Landfrauen ist ein sehr politisches“, sagt Hoinkis. So sei etwa das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon immer groß gewesen bei den Landfrauen, aber auch gesellschaftspolitische Probleme wie etwa Altersarmut spielten inzwischen eine große Rolle. Dazu bringe sich der Landfrauen-Verband auch auf verschiedenen politischen Ebenen ein.

Mitgliederkampagne gegen Nachwuchsmangel

Allerdings werde es zunehmend immer schwieriger, Frauen zu finden, die sich in den Ortsvereinen und im Verband engagieren wollen. „Ich merke, dass die Leute sich nicht mehr längerfristig binden wollen“, erzählt Doris Hoinkis. Deshalb versuche man jetzt, neue Wege zu gehen. Mit einer Mitgliederkampagne wolle man nun verstärkt Werbung für die Landfrauen und ihre Themen machen. Zudem versuche man, die Strukturen im Verband zu modernisieren. „Die Ämter müssen so gestaltet sein, dass die Leute sie auch machen können“, sagt Doris Hoinkis. „Ich kämpfe dafür, dass man das Amt nicht mit ins Grab nehmen muss.“

Stattdessen müsse es möglich sein, ein Amt auch wieder abzugeben oder es im Team auszufüllen. Für Hoinkis kann man von dem Engagement nur profitieren: „Die Landfrauen sind stark und wenn man zusammen etwas anpackt, kann man auch etwas erreichen.“ Sie jedenfalls wolle weiter für die Vernetzung der Landfrauen kämpfen. Denn sie ist überzeugt: „Wir haben mit der Bildung in Gemeinschaft etwas Besonderes, das anders ist als in anderen Vereinen.“

Landfrauenverbände im Landkreis Esslingen

Esslingen
Der Landfrauenverein Esslingen wurde im Jahr 1947 von Marie-Luise Gräfin Leutrum gegründet. Laut der Vorsitzenden Doris Hoinkis hat der heutige Kreisverband Esslingen der Landfrauen rund 1160 Mitglieder in 16 Ortsgruppen.

Nürtingen
Im Landkreis Esslingen gibt es neben dem Kreisverband Esslingen auch den Kreisverband Nürtingen der Landfrauen – die Verbände orientieren sich an den Grenzen der Altkreise vor der Kreisreform im Jahr 1973. Der Kreisverband Nürtingen wurde im Jahr 1967 gegründet und hat aktuell rund 1400 Mitglieder in 16 Ortsvereinen.

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