Landgericht Stuttgart Kinderpornografie: Gericht wirft 76-Jährigem Besitz vor
Vor dem Landgericht steht ein Mann aus Leonberg, der Unmengen solcher Dateien besitzt. Er ist noch dazu einschlägig vorbestraft.
Vor dem Landgericht steht ein Mann aus Leonberg, der Unmengen solcher Dateien besitzt. Er ist noch dazu einschlägig vorbestraft.
Es ist ein ungewöhnlicher Angeklagter, den die Justizbeamten an diesem Morgen in den Saal des Stuttgarter Landgerichts führen. Genau genommen rollen sie ihn, der Mann mit den grauen Haaren sitzt in einem Rollstuhl. In seine Nase führen Schläuche, ein mitgeführtes Gerät piepst um summt regelmäßig.
Der 76 Jahre alte Leonberger leidet unter Botulismus, wie der Gutachter Professor Hermann Ebel später erklären wird, einer Infektion durch vergiftete Lebensmittel, die zur Lähmung von Atem und Gliedmaßen führt. Er muss künstlich beatmet werden. „Durch meine Krankheit bin ich gesellschaftlich abgeschottet“, erklärte der 76-jährige Angeklagte den Richtern der 8. Großen Strafkammer am Landgericht Stuttgart auf die Frage, wie er seine Tage verbringe. Er berichtete von Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sowie Atemnot bei Anstrengung und Stress. Tatsächlich ging sein Atem heftiger, als die Oberstaatsanwältin Marina Schmitt die beiden Anklagevorwürfe verlas, die der Leonberger über seinen Rechtsanwalt Sammy Urcun kurz darauf in vollem Umfang einräumte.
Aufgrund einer Verdachtsmeldung der amerikanischen Behörde NCMEC (National Center for Missing Exploited Children) durchsuchte die Polizei im März vergangenen Jahres die Wohnung des Mannes in Leonberg und fand auf Handys und Laptops insgesamt knapp 160 000 kinderpornografische Bilder und 320 kinderpornografische Videos bei ihm.
Die halbstaatliche Behörde ist sehr oft Hinweisgeber, weil Plattformen wie Facebook dort Delikte auf ihren Seiten melden. „Auf diesen war der schwere sexuelle Missbrauch von Kindern im Alter von 0 bis acht Jahren zu sehen. Die Bilder sollten die sexuelle Begierde des Betrachters wecken“, erklärte die Oberstaatsanwältin.
Nach einer weiteren Verdachtsmeldung zwei Monate später durchsuchte die Polizei noch einmal die Wohnung des Leonbergers. Diesmal fanden die Beamten auf einem neu angeschafften PC 76 Fotos und acht Videos mit kinderpornografischem Inhalt. Die Anklage lautet auf Besitz und Besitzverschaffung von kinderpornografischen Inhalten. Der Mann sitzt in Haft.
Es ist nicht das erste Mal, dass der 76-Jährige mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Bereits im Jahr 2011 hatte ihn das Amtsgericht Stuttgart wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Besitzverschaffung von kinderpornografischen Bildern zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. 2019 hatte ihn das Amtsgericht Leonberg wegen des Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Bildern zu einer weiteren Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten verurteilt, die Bewährungszeit lief zur Tatzeit noch. Ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern wurde 2016 wegen mangelnden Tatverdachts eingestellt. Der Prozess wird fortgesetzt, das Urteil wird für 19. Februar erwartet.
NCMEC
Das National Center for Missing Exploited Children (NCMEC) ist eine halbstaatliche US-amerikanische Behörde, also ein nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder. Ursprünglich gegründet wurde dieses 1984 nach einigen Aufsehen erregenden Kindesentführungen in den USA. Finanziert wird es in erster Linie vom amerikanischen Justizministerium.
Sexualdelikte
Über die so genannte CyberTipline werden Berichte über die sexuelle Ausbeutung von Kindern bearbeitet. Netzbetreiber müssen dieser Institution verdächtige Fotos und Datenübertragungen melden. Das NCMEC leitet die Identifikationsnummer des Rechners an das Bundeskriminalamt weiter, von dort geht es zum Landeskriminalamt und zum zuständigen Polizeipräsidium