Landtagswahl Baden-Württemberg Warum junge Menschen bei der Landtagswahl kandidieren

Nicht nur die Fridays for Future sind ein Indikator: Die Jugend im Kreis Ludwigsburg ist wesentlich politischer, als es viele ältere wahrhaben wollen. Foto: factum/Simon Granville

Bei der Landtagswahl treten in den drei Ludwigsburger Wahlkreisen – Ludwigsburg, Bietigheim und Vaihingen – auffällig viele neue und junge Kandidaten an. Dass sie sich aufstellen lassen haben, hat ganz unterschiedliche Gründe. Vier Beispiele.

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Kreis Ludwigsburg - Viele neue Gesichter. So lassen sich die Wahllisten in den drei Wahlkreisen im Kreis Ludwigsburg in einem Satz zusammenfassen. Mit Konrad Epple (CDU), Markus Rösler (Grüne) und vielleicht noch Stefanie Knecht (FDP) treten im Grunde nur drei Kandidaten an, die man als etabliert bezeichnen könnte. Beim Blick auf das Alter der Kandidaten fällt auf: Es drängt offenbar viele junge in die Politik. Vier Beispiele.

 

Politische Erfahrung ist keine Frage des Alters

Colin Sauerzapf ist erst 23 Jahre alt – und weiß trotzdem schon ziemlich gut, was es bedeutet, Politik zu machen. Der Physikstudent, der im Wahlkreis Ludwigsburg für die SPD antritt, sagt: „Wissen darüber, wie Verwaltungen funktionieren und arbeiten, bringe ich mit.“ Womit er vielen Normalbürgern einiges voraus haben dürfte. Angeeignet hat er sich das bei seiner Arbeit im Remsecker Gemeinderat, wo er seit 2019 in der Fraktion der Sozialdemokraten tätig ist.

Dem Juso-Kreisvorsitzenden ist wohl bewusst, dass ihm einige ältere Wähler die nötige Lebenserfahrung absprechen. „Den Angriff, dass ich zu jung bin, muss ich mir natürlich gefallen lassen“, sagt Sauerzapf. „Allerdings funktioniert dieses Argument nur manchmal.“ Es sei schade, dass viele bei Politikern „immer an 60 aufwärts denken“. Ein 60-Jähriger wisse aber nicht, wie es heutzutage in einer Universität aussehe, auch wenn er selbst studiert habe, argumentiert Sauerzapf.

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Auch beim Thema Schule oder dem Wohnungsmarkt sei es wichtig, die Sicht der jungen Generation einzubringen. Denn die kommt für Sauerzapf in der Landespolitik viel zu kurz. „Der Landtag bildet mit einem Altersdurchschnitt von 56 Jahren nicht die Gesellschaft ab“, sagt er. Deshalb sei es gut, wenn mehr Junge, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen, sich einbringen könnten.

Der Weg in die Politik ist nicht immer vorgezeichnet

Das Ziel, die Gesellschaft besser abzubilden, verfolgt auch Tayfun Tok. Er hat sich in einer Kampfkandidatur gegen Daniel Renkonen – immerhin seit 2011 für die Grünen im Landtag – im Wahlkreis Bietigheim durchgesetzt. In gewisser Weise bedeutete das einen Generationenwechsel, denn Tok ist 17 Jahre jünger als Renkonen. „Mit 34 fühle ich mich schon jung“, sagt Tok und lacht. Seine politische Heimat bei den Grünen fand er relativ früh, nach den Anschlägen auf das World Trade Center trat er in die Partei ein. Er arbeitete für die grüne Bundesabgeordnete Ingrid Hönlinger aus Ludwigsburg, zwei Jahre lang auch im Wahlkreis des Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, mit dem er die Leidenschaft für den VfB Stuttgart teilt, ebenso die Herkunft. Der Enkel türkischer Gastarbeiter sagt von sich, dass sein Weg in die Politik nicht vorgezeichnet gewesen sei.

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Tok machte als erster in seiner Familie Abitur, wollte eigentlich Lehrer werden, entschied sich dann aber doch dagegen und bildete sich zum Betriebswirt weiter. „Es lief nicht immer alles glatt“, sagt das Scheidungskind Tok. Gerade deshalb könne er ein Vorbild für andere junge Menschen mit Migrationshintergrund sein. „Ich möchte denen sagen: ‚Schaut her, wenn ich das schaffen kann, dann ihr auch.’“ Die Gesellschaft könne kein Interesse daran haben, junge Migranten zu verlieren. „Wir müssen dafür sorgen, dass sie den Blick nach Stuttgart und Berlin richten – und nicht nach Ankara.“

Keine Heimat bei den Altparteien gefunden

Gerade in andere Länder will die relativ junge Bürgerbewegung Volt den Blick richten. Für die pro-europäische Partei tritt die erst 20-jährige Hanna Antony in Bietigheim an. „Man kann nicht immer nur meckern, und dann nichts machen“, sagt die Psychologiestudentin, die sich auch im Wahlkreis Konstanz, ihrem Studienort, engagiert.

Der europäische Ansatz von Volt sagte der jungen Frau aus Tamm („In der Politik ist alles unter 40 jung!“) zu, weil ihrer Meinung nach nur so die großen Probleme gelöst werden können. „Es bringt ja nichts, wenn Baden-Württemberg bis 2035 beim CO2-Ausstoß die Nettonull erreicht, aber drumherum überhaupt nichts vorangeht.“

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Aufstellen lassen hat sie sich auch, weil Volt – genauso wie die Altparteien – ein Frauenproblem hat: Es gibt viel zu wenige in der Politik. Zur Politik kam Antony während der Flüchtlingskrise – obwohl sie vor fünfeinhalb Jahren noch nicht wählen durfte. Gemeinsam mit ihrer Mutter besuchte sie eine Infoveranstaltung zu einem Asylheim und ist seitdem in der Initiative „Tamm aktiv für Flüchtlinge“ tätig. Für die Wahl am 14. März hat Hanna Antony ein Wunschergebnis für ihre Partei. Die Ein-Prozent-Hürde peilt sie an. „Dann würden wir unter die Parteienfinanzierung fallen – und momentan fehlt uns einfach die Kohle“, sagt Antony.

Ernste Themen augenzwinkernd angeprangert

Dennis Rickert hat im vergangenen Juni den Ortsverband der Partei „Die Partei“ in Ludwigsburg gegründet und kandidiert nun für die als Spaßpartei verschriene Gruppierung bei der Landtagswahl im Wahlkreis Bietigheim.

Nur Blödelei sei das Engagement aber nicht, sagt der 25-Jährige, der ausgebildeter Verwaltungsfachwirt der Polizei ist. Bei seiner Arbeit als Polizist habe er viele Symptome – Obdachlosigkeit, Verzweiflung – eines krankenden Systems kennengelernt. „Irgendwann wurde mir das zu viel“, sagt Rickert. Jetzt studiert er Bildungswissenschaft und Politik.

Sich anderswo zu engagieren kam für den 25-Jährigen nicht in Frage, weil „die anderen Parteien alle eine Ideologie verfolgen“. Das bezieht er vor allem auf den Lobbyismus, Rickert spricht von „Korruption“, und das fast schon zwanghafte Festklammern am System eines freien Marktes. Bewegungen wie Fridays for Future begrüßt er hingegen ausdrücklich.

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Das Image seiner Partei kann Rickert nicht verstehen. Man müsse sich nur die Plakate von Winfried Kretschmann anschauen (Slogan: Sie kennen mich.). „Wir werden als Spaßpartei bezeichnet, aber eigentlich sind es die Grünen“, sagt Rickert dazu – und verzieht keine Miene.

Seine Partei biete durchaus Lösungen an – auch wenn diese immer mit einem Augenzwinkern daher kämen. „Der Vorschlag eines Existenzmaximums hört sich lustig an, ist aber eine gute Idee.“ Die Politik-Verdrossenheit zeige, wie weit sich Politik von den Menschen entfernt habe. Satire sei ein adäquates Mittel, sie zurückzuholen. Rickert fühlt sich darin von der Zustimmung unter Erstwählern bei vergangenen Wahlen bestätigt.

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