Landtagswahl: der Wahlkreis Stuttgart I Geht es nur um die Höhe des Sieges?

Von Jörg Nauke 

Wir beschreiben die Ausgangslage in allen vier Stuttgarter Wahlkreisen und stellen die Kandidaten der sechs aussichtsreichsten Parteien vor. Dieses Mal: Wahlkreis Stuttgart I

Mit Winfried Kretschmann im Rücken hoffen die Grünen in der Landeshauptstadt auf ein ähnlich überragendes Wahlergebnis wie bei der Wahl 2011. Foto: dpa
Mit Winfried Kretschmann im Rücken hoffen die Grünen in der Landeshauptstadt auf ein ähnlich überragendes Wahlergebnis wie bei der Wahl 2011. Foto: dpa

Stuttgart - Von allen 70 Kandidaten, die die Grünen in Baden-Württemberg aufgestellt haben, dürfte Muhterem Aras, die Steuerberaterin mit anatolischen Wurzeln und der Heimat Stuttgarter Westen, während der Kampagne den niedrigsten Blutdruck haben. Auf Anhieb hatte sie 2011 im Innenstadtwahlkreis Stuttgart I das beste grüne Ergebnis im Land geholt. In konkreten Zahlen bedeutete das 42,5 Prozent oder 30 115 Stimmen. Das Statistische Amt hat das Aras-Ergebnis „wahlhistorisch beispielhaft“ genannt wegen des Zuwachses von 18,6 Prozentpunkten gegenüber 2006, wegen der höchsten Zuwächse von allen Wahlkreisen und wegen des auch heute beruhigend wirkenden Rekordabstandes zur CDU von 15,6 Prozentpunkten.

Derzeit spricht nichts dafür, dass ihr die weithin unbekannte Nachfolgerin von Andrea Krueger, die Bildungsexpertin Donate Kluxen-Pyta, den Sieg streitig machen könnte. Im Gegenteil: die Grünen liegen landesweit in der jüngsten Umfrage sogar vor der CDU, die keine Großstadtpartei mehr ist, auch wenn sie bei der Gemeinderatswahl 2014 Boden gut gemacht hat, und eher für Ergebnisse unter dem Landesschnitt steht. 2011 lag die Stuttgarter Union mit 31,5 Prozent um 7,5 Punkte darunter.

Stimmenhochburg der Grünen

Im Wahlkreis I holten die Grünen in zwei Wahlbezirken sogar die absolute Mehrheit. Er ist seit deren ersten Auftritt 1980 die Stimmenhochburg der Grünen – obwohl das erste (Zweit)-Mandat damals auf den Fildern errungen wurde. Ein urbanes Klientel wohnt in der Innenstadt, viele Alleinerziehende, Migranten und Studenten. 2011 kam neben den Sachthemen wie Bildung, Wohnungsmangel und Verkehr Stuttgart 21 und der unverhältnismäßige Polizeieinsatz als Streitthemen hinzu.

Den Verantwortlichen die rote Karte zu zeigen, war extrem ausgeprägt. In Mitte stieg die Beteiligung um 19,2 Punkte, wovon vor allem die Grünen profitierten. Unerwartet deutlich verlor dagegen die CDU, die 1976 dort einmal nur knapp die absolute Mehrheit verpasste und mit Ausnahme von 2001 – damals holte der Mietervereinsvorsitzende Rolf Gaßmann das Direktmandat für die SPD – an der Spitze lag. Der Verlust von 4,9 Prozentpunkten gegenüber 2006 und damit nur noch ein Stimmenanteil von 26,9 Prozent bedeuteten das schlechteste Ergebnis bei Landtagswahlen seit 1956.

Abwärtstrend der SPD

Bei der SPD setzte sich der langfristige Abwärtstrend fort, für sie bedeutete 2011 ein neuer Tiefpunkt seit 1952. Die überdurchschnittlichen Verluste in Stuttgart im Vergleich zum Land (minus 2,1 Punkte) und im Regierungsbezirk (minus 2,8 Punkte) nahmen den Genossen die Chance auf Zweitmandate. Mit ausschlaggebend für das desaströse Ergebnis im Wahlreis I von 17,5 Prozent war der Streit um S 21, der keine Partei so spaltete wie die SPD.

Ironie der Geschichte: Mit dem heutigen Kreisvorsitzenden Dejan Perc vertrat sogar ein Projektgegner die Genossen. Er kann für sich in Anspruch nehmen, mit minus 7,4 Prozentpunkten Verlust gegenüber 2006 den höchsten Verlust der SPD in allen 70 Wahlkreisen eingefahren zu haben. Ihn ersetzt dieses Mal ein neues Gesicht: Die Rechtsanwältin Stefanie Brum, die sich bestens in der Kultur- und Kreativwirtschaft auskennt.

FDP auf ihrem Tiefststand

Wie die SPD hat auch die FDP vor fünf Jahren einen neuen Tiefststand erreicht. Mit 6,1 Prozent halbierte sich beinahe der gute Wert von 2006. Daraus resultierte auch der Verlust des Zweitmandats, das der Kreispartei bis dahin auch finanziell gut getan hat. Der Kreisvorsitzende Armin Serwani hatte im Wahlkreis I das Stuttgart-Ergebnis erreicht. Dieses Mal erhofft sich Stadtrat Michael Conz ein besseres Resultat. Im Landestrend werden den Liberalen mehr als fünf Prozent zugetraut. Die Linkspartei scheint in diesem Wahlkampf wie die SPD wegen des Duells zwischen Grün und Schwarz in eine Nebenrolle gedrängt zu werden. Neben dem Bundesvorsitzenden Bernd Riexinger haben sie auch lokale Prominenz nominiert: SÖS-Linke-Plus-Stadtrat Hannes Rockenbauch tritt mit einem Ticket der Linkspartei an. Bisher nicht auf dem Schirm war die rechtspopulistische AfD. Ihr wird deutlich mehr zugetraut als den „Republikanern“, die 2011 auf 0,9 Prozent gekommen waren.