Mit dem Vorführeffekt ist das ja so eine Sache. Da spricht man die Dinge, sagt Geschehnisse voraus – und dann, wenn es darauf ankommt, ist alles anders. So wie an diesem Vormittag auf dem Hof von Nadine Münzenmaier in Neuffen.
Da hat die junge Frau mit den blonden, zu einem kurzen Zopf gebundenen Haaren gerade noch erzählt, wie dieses kleine Kalb stets aufgeregt umherwirbelt, wenn sie selbst sich dem Stall nähert. Und dann: bleibt der Kleine einfach liegen. Nadine Münzenmaier hebt die Schultern, lacht herzlich – und weiß dann doch, wie sie den vierbeinigen Nachwuchs aus der Reserve lockt. Denn: Die beiden kennen sich nur zu gut.
Nun ist jedes der 65 Rinder auf der Viehweide am Fuße des Albaufstiegs auf dem eigenen Hof geboren, dieses eine Kalb jedoch brauchte dennoch eine besondere Bemutterung. „Es kam mit einer Sehnenverkürzung auf die Welt“, sagt Nadine Münzenmaier und krault dem Tier zärtlich die Wangen. Weil alle physiotherapeutischen Versuche, das Bein gesund zu bekommen, scheiterten, kann der Kleine nur drei Beine nutzen – was die Landwirtin anfangs viel Zeit kostete. „Fast drei Stunden täglich“, sagt sie. Doch schon ihr Blick verrät, dass sie es gern gemacht hat.
Zierlich, aber voller Power
Zwar ist der Hof mit seinen Angusrindern Fleischproduzent, aber sie betont: „Zu Lebzeiten sollen sie auch das bestmögliche Leben haben.“ Und so stehen die Rinder ab dem Frühling und bis zum Spätherbst auf grünen Wiesen, könnten, rein theoretisch, den Blick auf den Hohenneuffen genießen und haben auch im winterlichen Stall die Möglichkeit, stets den Standort zu wechseln. Nur eines müssen die dunklen Viehweide-Rinder in Kauf nehmen: dass es ab und an laut wird in der Scheune nebenan.
Denn Nadine Münzenmaier ist nicht nur die aufs Tierwohl bedachte Landwirtin. Sondern auch die Frau mit Axt, Single Buck und Stock Saw. Oder, um es ein wenig martialischer auszudrücken: die mit der Kettensäge.
Nadine Münzenmaier weiß ja, dass sie nicht unbedingt das verkörpert, was man wohl mit dem Holzfällen am ehesten in Verbindung bringen würde. Große, starke Männer und Frauen, womöglich mit Trucker-Cap und Holzfällerhemd. „Ich bin in unserem Sport sicherlich eine der Zierlicheren“, sagt sie – beweist dann aber umgehend, dass sie durchaus versteht, diesen vermeintlichen Nachteil wettzumachen.
In der viele Meter hohen Scheune am einen Ende des Hofs in Neuffen hat sich die 35-Jährige ein kleines Trainingszentrum eingerichtet. An diesem Morgen steht alles bereit, um die drei Disziplinen zu demonstrieren, die es für die wenigen Frauen in der Timbersportserie gibt, die von der Waiblinger Firma Stihl unterstützt wird. Nadine Münzenmaier beginnt mit einer riesigen Handsäge, der Single Buck. Der übrigens ähnlich viel Fürsorge zuteilwird wie dem Kalb. Aber das ist ja auch kein Wunder.
In Neuseeland, wo wie in Australien oder Nordamerika das Sportholzfällen einen riesigen Stellenwert besitzt, wurde das fast zwei Meter lange und zwei bis drei Kilogramm schwere Blatt der Zugsäge gefertigt und dann nach Deutschland geliefert. Die Kosten? Liegen im vierstelligen Bereich, Zollgebühren (ein Fünftel des Anschaffungspreises) noch nicht inklusive.
Nun also setzt Nadine Münzenmaier das gute Stück auf einem waagerecht montierten Holzstamm an, bringt sich in die richtige Position – und beginnt dann mit ihren kräftigen Zügen. Es fliegen die Späne, und schon nach deutlich weniger als einer Minute fällt die abgesägte Scheibe auf den Boden. „Im Wettkampf“, sagt Nadine Münzenmaier, nun etwas gequält lächelnd, „muss das natürlich schneller gehen.“ Der Weltrekord bei den Männern liegt bei unter zwölf Sekunden.
Das Sägen auf Zeit klingt nach Stress. Aber die Landwirtin sagt: „Beim Timbersport kann ich abschalten und mich, wenn es mal sein muss, auch so richtig auspowern.“ Deshalb betreibt sie diesen Sport mit großem Umfang. Und auch: „Weil es etwas Besonderes ist, das nicht jeder macht.“ Und sie vielleicht auch nie gemacht hätte – wenn nicht ein trauriger Anlass dazu geführt hätte.
19 Jahre lang war Nadine Münzenmaier nämlich nicht eins mit Kettensäge und Axt gewesen, sondern mit ihrer geliebten Stute. „Mein Seelenpferd“ nennt sie das Tier noch heute, das auf dem Hof in Neuffen geboren und später von ihr geritten wurde. Als die Stute starb, war für Nadine Münzenmaier klar: Dieses Tier kann nicht einfach ersetzt werden von einem anderen Pferd. Sie wollte abschließen, einen Neuanfang, ein anderes Hobby. Sie fand es bei einem Schnupperkurs im Sportholzfällen.
„Ich bin skeptisch hingegangen“, erinnert sie sich, „aber danach habe ich das Grinsen beinahe nicht mehr aus dem Gesicht bekommen.“ Sie machte einen weiteren Kurs, das Basistraining, und arbeitete sich immer weiter rein in die Materie. Wurde immer besser und überwand Widerstände („Meine Mutter konnte am Anfang gar nicht hinschauen“). Bis auch sie einen Rekord hielt.
In der Disziplin Stock Saw war Nadine Münzenmaier im Jahr 2019 kurze Zeit die beste der Welt. Schnitt mit der 7,4 Kilogramm schweren und 7,3 PS starken Motorsäge zwei Holzscheiben in 10,49 Sekunden von einem ebenfalls waagerecht angebrachten Holzstamm. Den Rekord ist sie recht schnell wieder losgeworden – auf einem Wettkampf, den sie wegen einer Coronaerkrankung verpasste. „Das Holz dort“, hat sie gehört und schaut etwas wehmütig, „soll genial gewesen sein.“
Sei’s drum, ihrer Leidenschaft für den außergewöhnlichen Sport hat das nicht geschadet. Das merkt man auch, wenn sie, auf einem Holzstamm stehend, mit ihrer Axt hantiert. Scharf wie eine Rasierklinge ist das Werkzeug, mit dem sie in der dritten Disziplin das Holz von zwei Seiten in unter einer Minute teilt. Zuvor hat sie sich die Schutzausrüstung an den Unterschenkeln und Füßen angelegt. „Ohne geht gar nichts“, sagt sie – und man mag sich die möglichen Unfälle und Verletzungen gar nicht ausmalen. Riskieren darf sie solche ohnehin nicht.
Für das Fitnessstudio bleibt keine Zeit
Zwar widmet sie dem Sportholzfällen viel Zeit, bekommt Unterstützung von Sponsoren, reist immer wieder und ist mittlerweile durchaus bekannt – in diesem Jahr ist sie das Gesicht der Verbraucher- und Landwirtschaftsmesse Oberschwabenschau in Ravensburg. „Aber der Job“, sagt sie, „geht vor.“ Tiere – neben den Rindern gibt es 13 Pensionspferde und vier Katzen – müssen versorgt, 90 Hektar Land bewirtschaftet werden. „Einfach ist es nicht in der Landwirtschaft“, sagt Nadine Münzenmaier mit nachdenklichem Blick und berichtet von Auflagen, überschaubaren Verdienstmöglichkeiten und viel Bürokratie, „aber eine Stelle im Büro kann ich mir nicht vorstellen.“
Also bewirtschaftet sie, die auch lange auf dem Hof der Universität Hohenheim in Eningen unter Achalm angestellt war, in dritter Generation gemeinsam mit ihren Eltern die Viehweide. Die sie ob der Lage hoch über Neuffen auch „Das kleine Allgäu“ nennen. „Es ist viel Idealismus nötig“, sagt die ausgebildete Landwirtin, „trotzdem ist es mein absoluter Traumjob.“
Axt, Säge, Motorsäge bleiben derweil ein intensives Hobby. Vier- bis fünfmal pro Woche jeweils zwei bis drei Stunden trainiert sie. Im Winter viel Kraft und Ausdauer, unter anderem an einer Armkraftmaschine, wie sie auch Langläufer oder Biathleten nutzen – und die direkt in der Scheune montiert ist. „Extra ins Fitnessstudio zu gehen“, sagt Nadine Münzenmaier, „würde mich zu viel Zeit kosten.“ Auch auf die drei Timbersport-Disziplinen bereitet sie sich fast ausschließlich zu Hause vor – mit Holz aus der Gegend, das danach zu Pellets weiterverarbeitet wird.
Ein Heimspiel wäre auch die WM, die am 3. und 4. November in der Stuttgarter Porsche-Arena stattfindet, mangels ausreichend vieler Teilnehmerinnen dürfen die Frauen dort aber noch nicht antreten. So trainiert Nadine Münzenmaier derzeit für einen Wettkampf Ende August und vor allem für die deutschen Meisterschaften am 30. September in Essen. Zwar berichtet Nadine Münzenmaier von ihrem „Trainingsrückstand“ aufgrund der Verpflichtungen in der Landwirtschaft im bisherigen Jahresverlauf. Hoffnungen, nach zwei Vizetiteln mal ganz oben zu stehen, macht sie sich dennoch.
Wenn es nicht klappen sollte? Bleibt ihr Leben auf der Viehweide dennoch aufregend. „In der Landwirtschaft“, sagt sie, „ist kein Tag wieder andere.“ Erst recht nicht, wenn nicht nur Ackerbau zum Geschäft gehört. „Wenn man Tiere hat“, weiß sie von Kindesbeinen an, „kommt eh immer alles anders als gedacht.“ Das Kalb mit den nur drei gesunden Beinen ist das beste Beispiel.