Landwirtschaft im Wandel Die Rinder geben den Lebensrhythmus vor

Reportage: Robin Szuttor (szu)
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Mit Mitte fünfzig kam die nächste Entscheidung. Es war mir immer klar, dass die Kühe einmal gehen würden. Dann geschah es ganz schnell. Unser fest angestellter Mitarbeiter verließ uns im Januar 2013. Morgens hing ein Zettel an der Tür: „Es liegt nicht an euch, die Arbeit ist auf Dauer nichts für mich.“ Eine Entscheidung musste her. So wurde von diesem Zeitpunkt an keine Kuh mehr besamt. Es gab nach wie vor Geburten, Milch und Heumachen. Aber die Kühe wurden immer weniger. Als Ende Oktober die letzte Milchkuh den Stall verließ, waren noch das weibliche Jungvieh und die Limpurger Ochsen da.

Allmählich habe ich erkennen müssen, wie lang so ein Tag sein kann, wenn kein Tierarzt kommt und kein Klauenschneider, kein Melkmaschinenmonteur und kein Zuchtwart, kein Milchkontrolleur und kein Viehhändler. Ich muss keinen Klauenstand mehr holen und keine Kälber enthornen, keine Kanäle spülen und Kälberboxen ausmisten, keine Zitzengummis wechseln, und es gibt keine Kontrollen vom Veterinäramt. Es gibt keine nervlichen Belastungen durch festliegende Tiere, Schwergeburten und Fruchtbarkeitsprobleme.

Trotz der wirtschaftlich wichtigeren Saatgutvermehrung haben die Kühe unseren Rhythmus bestimmt. Sie haben mit großer Selbstverständlichkeit immer dann gekalbt, wenn wir auf einen Tanzkursabschlussball wollten. Wenn man wiederkam, hatte bestimmt eine die Kette abgerissen und die Kraftfutterkarre leergefressen. Wenn, dann waren es die Weihnachtstage oder der Neujahrsmorgen, an dem wir kein Vakuum auf der Melkmaschine hatten. Man lebte zwischen Milchquote und Milchkontrollbericht, zwischen Schlachtviehabrechnungen und Milchpreis. Die Kühe waren morgens unser Erstes und abends unser Letztes. Das ist vorbei. Nur eins fehlt mir heute. Früher konnten wir bei sonntäglichen Verwandtschaftsbesuchen so gegen halb fünf immer unruhig auf dem Stuhl herumrutschen und uns dann, unter großem Bedauern der übrigen Anwesenden, verabschieden, um nach den Kühen zu sehen. Heute muss ich bis zum Ende bleiben.

Ich kann durchaus mit moderner Tierhaltung leben. Ich weiß, dass es Milchkühen in modernen Ställen besser geht als den Kühen in unserem Anbindestall. Auch ist die Sauenhaltung auf einem ganz anderen Tierschutzniveau als vor Jahren. Schwer tue ich mich mit dem großtechnischen Mästen von Schweinen und Geflügel, dem Transport und der Schlachtung. Das ist eine eigene industrielle Welt, in der Tiere Material sind. Die undurchschaubaren Strukturen bei den Schlachthöfen und dem internationalen Fleischhandel waren mir schon immer unheimlich. In Deutschland werden im Jahr 56 Millionen Schweine geschlachtet und in Teilen über die ganze Welt verteilt. Die edleren Teile bleiben in Europa, die fetteren Stücke werden nach Osteuropa exportiert. Für den asiatischen Raum gibt es in den Schlachthöfen die „chen–Abteilungen“: Öhrchen, Näschen, Beinchen, Schwänzchen.

Wir haben auf unserem Hof noch 15 Limpurger Rinder für die Selbstvermarktung, Pommerngänse, die Ziegen und Hasen unserer Tochter und zwei Esel. Alle Tiere, außer den Eseln, werden geschlachtet und gegessen. Wenn ich heute einen Limpurger Ochsen zum Metzger bringe, haben wir eine Einrichtung, um ihn ordentlich zu verladen, der Transportweg beträgt fünf Kilometer. Der Metzger ist ein guter Handwerker, der zuerst mit ihm spricht und einen guten Bolzenschuss setzt. Wenn das Tier dann liegt und der Kopf weg ist, ist es Fleisch. Metzger sind einfach andere Typen als Herrenschneider. Das habe ich gelernt.

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