Schlangestehen vor dem Bunkerhotel unter dem Marktplatz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Das Interesse an der Langen Nacht der Museen war auch in diesem Jahr groß. An den 64 Schauplätzen gab es wieder den ein oder anderen Blick hinter Türen, die sonst verschlossen bleiben.
Uli Meyer
17.03.2024 - 13:37 Uhr
Wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Qual, viele der 64 Stationen bei der Langen Nacht der Museen mangels Zeit zwangsläufig von vornherein aussortieren zu müssen. 20 000 Besucher stellten sich am Samstagabend dieser Herausforderung, suchten ihre Highlights unter diversen Stuttgarter Museen, Galerien, Kunstorten, Industriedenkmälern, Bunkern und sogenannten Off-Spaces. Selbst bei bester Planung einer Tour reichten die insgesamt sieben Stunden gerade aus, einen kleinen Teil der vielen Stationen zu besichtigen.
Besucher der Langen Nacht der Museen genießen am Samstagabend ein Konzert im 4. Stock des Rathauses. Foto: Lichtgut/Julian Rettig/Julian Rettig
„Man schafft gar nicht so viel, wie man gerne möchte“, sagt eine Frau mit leicht verzweifeltem Blick ins Programmheft, und findet dann doch: „Tolle Sache, dass es so was überhaupt gibt.“ Sie beginnt ihre Tour denn auch an einem der größten Anziehungspunkte seit Jahren: dem Bunker unter dem Marktplatz. Bis zu eine Stunde Wartezeit in einer schier endlosen Schlange nahmen viele auf sich, um hinuntersteigen zu können in die Katakomben des Rathausvorplatzes.
Tatsächlich nur einmal im Jahr bei der Langen Nacht ist es möglich, die Räume des früheren Bunkerhotels zu besichtigen. Die Reaktionen danach fallen dabei durchaus unterschiedlich aus. „Das hat sich auf jeden Fall gelohnt, diese Hauptattraktion zu besuchen, das Unbekannte zu entdecken“, sagen Angela, Marc und Tochter Lili aus Rutesheim. Die Stuttgarter Andrea und Uwe hingegen zeigten sich regelrecht „erschüttert, wie verwahrlost diese Räume da unten sind“.
Einblicke in sonst Verborgenes: Das ehemalige Bunkerhotel Foto: Lichtgut//Julian Rettig
Ein großer Reiz für viele ist die Fahrt im Paternoster. Lange Schlangen deshalb auch im Rathaus. Die Wartezeit wird den Besuchern mit allerhand Musik- und Tanzvorführungen im Foyer verschönt. „Wahnsinn! Live ist es noch viel besser, als man es aus Filmen kennt“, sagen Yannis und Anouk, als sie die Fahrt im nostalgischen Aufzug hinter sich haben. Das junge Pärchen aus Darmstadt, wegen eines Praktikums derzeit in Stuttgart, kennt einen Museums-Abend wie diesen aus Frankfurt. „Das Konzept ist gleich wie hier, nur aufgrund der Größe der Stadt dort noch weitläufiger.“
Steht man beim Runterfahren auf dem Kopf? Dieser wichtigen Paternoster-Frage konnte man im Rathaus auf den Grund gehen. Foto: Lichtgut//Julian Rettig
In einer von großen Automobilmarken geprägten Stadt wie Stuttgart darf ein besonderes Erlebnis auf vier Rädern bei der Langen Nacht nicht fehlen. Dafür sorgt seit neun Jahren das Rollende Museum des Württembergischen Automobilclubs (WAC). 70 Oldtimer, die von WAC-Mitgliedern gestellt und selber gefahren werden, laden Besucher auf dem Beifahrersitz zu einer 15-minütigen Spritztour durch die City ein. „Wir machen solche historischen Autos, die man sonst im Museum höchstens berühren darf, wieder richtig erlebbar“, beschreibt WAC-Organisator Jürgen Preuß die Faszination.
Auf dem Schlossplatz drehten Oldtimer ihre Runden. . . Foto: Lichtgut//Julian Rettig
„Coole Sache“, schwärmte entsprechend die Heilbronnerin Donata, als sie nach der Fahrt aus einem Triumph TR6, Baujahr 1971, klettert. Ihre Freundin Galija hat ähnlichen Spaß in einem offenen Porsche 914. „Viele stellen sich dann gleich noch ein zweites Mal an, um mit einem anderen Fahrzeug eine zweite Runde zu drehen“, sagt Jürgen Preuß.
. . . und nahmen die Besucher zu Spritztouren durch die Stadt mit. Foto: Lichtgut//Julian Rettig
Im unweit des Oldtimer-Treibens gelegenen Neuen Schloss stehen indes die Themen Demokratie und Europa im Rahmen einer Sonderausstellung im Mittelpunkt. 30 Bildmotive des Berliner Fotokünstlers Maximilian Gödecke laden ebenso zum Nachdenken und Diskutieren ein wie einige Tafeln mit herausfordernden Fragen wie jener, was öffentlicher Raum ist oder wie dieses Schloss ein noch besserer Ort der Begegnung werden könnte. Arne Braun, der Staatssekretär für Kunst und Kultur im Landeskabinett, hat sich unter die Besucher gemischt und ist angetan von der Neugier und dem Interesse, aber auch vom Veranstaltungskonzept: „Wir brauchen Orte, die kulturell bespielt werden. Genau das bietet die Lange Nacht. Gäbe es sie nicht schon, müsste man sie dringend erfinden.“
Im Neuen Schloss ging es in einer Sonderausstellung um das Thema Demokratie. Foto: Lichtgut//Julian Rettig
Zu den immerhin 19 Neulingen in diesem Jahr zählt die Landesbank, die in ihrer Filiale am Kleinen Schlossplatz einen Teil ihrer aus mehr als 3000 Exponaten bestehenden Kunstsammlung präsentiert. Im Zehn-Minuten-Takt werden Besucher auf eine halbstündige Führung durchs Haus geleitet in einer von Kuratorin Sarah Haberkorn zusammengestellten Sonderausstellung unter dem Titel „Lebenswelten zwischen Ökonomie und Ökologie“.
Fotografie in der Pop-Up-Galerie der Messe Stuttgart im Studio Amore Foto: Lichtgut//Julian Rettig
„Die Lange Nacht der Museen zieht Besucher aus Stuttgart, der Region und darüber hinaus an und bestätigt sich als ein besonderer Höhepunkt im Veranstaltungskalender der Stadt“, zieht Veranstalterin Anette Taube vom Stuttgartmagazin LIFT am Ende ein positives Fazit und ist auch deshalb sehr zufrieden, weil es „keine Störungen der schönen Atmosphäre“ gab. Für 22. März 2025 ist die nächste Auflage geplant.