Die beiden Auftritte von Johaug bei der WM verliefen nach demselben Muster: Sie rennt vorneweg, die anderen chancenlos hinterher. Im Skiathlon (7,5 km klassisch/7,5 km Freistil) stürzte sie nach einer Kollision mit der Schwedin Frida Karlsson und hatte am Ende doch eine halbe Minute Vorsprung. Noch spektakulärer war der 10-km-Wettbewerb. Johaug benötigte 23:09,8 Minuten, 54,2 Sekunden dahinter folgte Karlsson. Die Norwegerin bewegte sich in ihrer eigenen Welt, einen größeren Rückstand in einem WM-Rennen über diese Distanz gab es zuletzt vor 60 Jahren. „Ich hatte einen wirklich guten Tag“, sagte sie, „es war das beste Rennen meiner Karriere.“ In dem sie alle hinter sich ließ. Nur nicht die Skeptiker.
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Die WM 2017 in Lahti und die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang hat Johaug verpasst, weil sie nach einem positiven Test auf das anabole Steroid Clostebol für 18 Monate gesperrt worden war. Sie hat Doping stets geleugnet. Angeblich stammte der Stoff aus einer Lippencreme, die sie sich im Trainingslager in Italien wegen eines Sonnenbrandes aufgetragen hatte – nach Absprache mit dem norwegischen Teamarzt, ohne dass einem der beiden der Doping-Warnhinweis auf der Packung aufgefallen wäre. Man kann die Geschichte glauben, muss es aber nicht.
Wie stark ist die norwegische Staffel?
Fakt ist: Johaug kehrte nach ihrer Sperre noch stärker zurück. Bei der WM 2019 in Seefeld holte sie dreimal Gold und dazu Silber mit der Staffel, am Ende der WM in Oberstdorf könnte dieselbe Bilanz stehen – weil sie im 30-km-Rennen am Samstag (12.30 Uhr/ZDF) die klare Favoritin ist, das norwegische Quartett aber wieder nicht stark genug zu sein scheint, um an diesem Donnerstag (13.15 Uhr/ZDF) die Schwedinnen schlagen zu können – selbst wenn Johaug ihren 5-km-Abschnitt in Rekordzeit absolviert. Der Respekt mancher Kollegin ist ihr trotzdem gewiss. „Sie laufen zu sehen ist eine Inspiration“, sagte die Schwedin Ebba Andersson, die Bronze im Skiathlon und im 10-km-Rennen holte. Es gab aber auch kritischere Stimmen. „Therese Johaug erstaunt mich jedes Mal wieder“, meinte zum Beispiel die Deutsche Pia Fink (19. im Skiathlon/20. über 10 km), „ich wüsste gerne, was sie anders macht als wir, damit wir das vielleicht mal ändern können.“
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Noch deutlicher äußerte sich der Bundestrainer. Zuerst meinte Peter Schlickenrieder, er habe „keine Erklärung“ für die außergewöhnlichen Leistungen von Johaug (Spitzname Duracell). Um dann doch eine zu liefern. „Was ich beobachte, gefällt mir nicht so gut“, sagte der erfahrene Coach, „bei einer gewissen Gewichtsgrenze würde ich einfach Sportler nicht mehr an den Start schicken. Wir haben ein paar sehr, sehr, sehr schlanke Athletinnen im Spiel. Ich meine, da eine Tendenz zu erkennen.“ Weshalb Schlickenrieder die Einführung einer Gewichtsuntergrenze im Langlauf forderte, die sich am Body-Mass-Index orientiert.
Herausragende Leistung auch als Leichtathletin
In der Tat ist Therese Johaug (1,62 m/46 kg) Teil einer Entwicklung, die sich auch in anderen Ausdauersportarten wie dem Radsport oder der Leichtathletik zeigt: Die Athleten werden leichter und leichter, ohne dabei an Leistungsfähigkeit zu verlieren. Dafür sind harte Trainingseinheiten und ein strikter Ernährungsplan nötig. Doch reichen diese Mittel aus?
Im Fall von Johaug schon – sagte zumindest Jochen Behle nach deren Rückkehr aus dem Doping-Exil. „Ihre Lust, sich im Training zu quälen, ist außergewöhnlich“, erklärte der frühere Bundestrainer, „sie trainiert 1000 Stunden pro Saison. Ich glaube nicht, dass es eine zweite Langläuferin mit diesem Pensum gibt. Johaug kommt im Rennen über die Frequenz, und das kann sie, weil ihr Motor extrem gut läuft.“ Und das nicht nur in der Loipe. Im Sommer 2020 nahm sie aus Spaß an einem Leichtathletik-Event in Oslo teil. Bei den „Impossible Games“ lief Johaug alleine gegen die Uhr über 10 000 Meter in 31:40,69 Minuten eine Zeit, mit der sie bei der EM 2018 in Berlin Gold gewonnen hätte. Und die reichen würde, um bei der WM 2022 in Eugene/Oregon antreten zu dürfen. Was die Wintersportlerin aber nicht tun wird: „Mein Herz hängt am Langlauf.“ Und Ziele gibt es auch im Schnee noch genug.
Die Norwegerin, die bisher zwölf Titel gewann, würde gerne in der Liste der erfolgreichsten Langläufer bei Weltmeisterschaften an ihrem Landsmann Petter Northug (13) sowie der Russin Jelena Wälbe (14) vorbeiziehen – und vielleicht ja sogar an ihrer Freundin Marit Björgen (18), die zugleich ihr Vorbild ist. Noch wichtiger aber sind Johaug die Olympischen Spiele. Bisher ist sie ohne Goldmedaille in einem Einzelrennen, das will sie 2022 in Peking ändern. Unbedingt. Es gibt wenige Experten, die daran zweifeln, dass ihr dies gelingen wird. Auch wenn Siege des Freizeitmodels immer einen Schönheitsfehler haben werden.