Vieles auf diesem Feld wird auch von denen, die es gut meinen, kreuz und quer vermischt. Ich möchte ein bisschen Orientierung liefern, was es mit LGBTTIQ*-Begrifflichkeiten auf sich hat. Da es ein weites Feld ist, macht es Sinn, es in zwei große Blöcke zu unterteilen. Erstens: Sexuelle Identität oder wie wir uns selber sehen. Zweitens: Sexuelle Orientierung oder wovon wir uns angezogen fühlen. Hier soll es darum gehen, was es mit sexueller Identität auf sich hat, über sexuelle Orientierung will ich zu einem anderen Zeitpunkt sprechen.
Lesen Sie auch: Apple führt genderneutrale Sprache ein
Studien kommen über den Daumen gepeilt zu dem Ergebnis, dass fünf Prozent aller Menschen weltweit weder männlich, weiblich noch cis-identitär sind. Das klingt erst mal nicht nach wahnsinnig viel. Aber wenn wir bedenken, wie viel Aufmerksamkeit zum Beispiel Psychopathie bekommt, was ungefähr ein bis zwei Prozent aller Menschen betrifft, wird deutlich: Das Thema ist durchaus relevant. Gehen wir also ein bisschen in die Tiefe – und schauen uns die einzelnen Begriffe mal genauer an; ein kleines Glossar:
Transgender
... werden Menschen genannt, die sich nicht mit dem sozialen Geschlecht identifizieren, das bei der Geburt identifiziert wurde. Das heißt: Transgender fühlen sich in der sozialen Rolle, dem Frau- oder Mannsein, nicht dazugehörig. Es geht also um die nicht-körperlichen Geschlechtsüberschreitungen.
Transsexuelle
... bezeichnen sich Menschen, bei denen die Körpermerkmale nicht mit dem Körperempfinden übereinstimmen. Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Transsexualität etwa bei 0,33 bis 0,6 Prozent der Gesamtbevölkerung vorkommt. Transsexuelle leiden teilweise sehr unter dieser Nicht-Übereinstimmung. Die schlechteste Frage, die man stellen kann: „Bist Du schon umoperiert?“ Das ist unpassend und sehr privat.
Intersexuelle
... sind Menschen, deren körperliche Merkmale keine Zuordnung zu einem Geschlecht zulassen. Denn Intersexuelle können sowohl Ansätze von einem Penis als auch Ansätze von einer Vagina haben. Oft werden zur eindeutigen Identifikation Chromosomenuntersuchungen gemacht. Manchmal entdeckt man Intersexualität erst in der Pubertät oder dadurch, dass eine Frau nicht schwanger werden kann, manchmal fällt es überhaupt nicht auf, dass Eierstöcke und Hoden angelegt sind. Man schätzt, dass nur einer von 500 bis 9000 Menschen intersexuell ist. Früher wurde oft direkt nach der Geburt geschlechtsangleichende Operationen gemacht. Dies ist mittlerweile zum Glück verboten.
Cisgender
Die allermeisten Menschen verstehen sich als Mann oder Frau. Man spricht von einer cis-Identifikation. Die Vorsilbe „cis“ kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „diesseits“. Im Kontext mit sexueller Identität entspricht bei cis-Menschen das Geburtsgeschlecht der Geschlechtsidentität.
An diesem Punkt möchte ich kurz festhalten, dass das neben den binären Menschen einfach die drei größten Untergruppen sind und erwähnen, dass es beim Thema Geschlechtsidentität natürlich noch weitere Schattierungen gibt. Dieser Text soll zur Reflexion anregen, was Stereotype angeht. Vorurteile gibt es ja auch schon bei Männern und Frauen reichlich.
Mehr Verständnis für sexuelle Identitäten gibt uns bessere Möglichkeiten, Menschen auf individueller Ebene kennenzulernen. Mir ist durchaus bewusst, dass es auf der bürokratischen Ebene einen Einheitsbrei in der Ansprache geben muss, weil es sonst irgendwann arg unübersichtlich wird. Aber wichtiger im alltäglichen Umgang mit nicht-binären Menschen ist doch die Frage: Hey, wie willst Du angesprochen werden? Diese Möglichkeit sollten wir nutzen. Schön finde ich da die aktuelle Entwicklung auf Instagram oder LinkedIn. Dort sehe ich immer mehr Profile, die die Pronomen, die in der Anrede gewünscht sind, einfach mit nennen: zum Beispiel Sara, she/her.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Gehirne sind nicht männlich oder weiblich
Ein kleines Gedankenexperiment, warum die richtige Anrede eine Form Respekts ist: Die meisten kennen es, versehentlich mal in einem Anschreiben mit dem falschen Pronomen angeredet zu werden. Wenn das im Mailverkehr passiert, ist uns daran gelegen, das zu berichtigen und es gehört sich eine kurze Entschuldigung. Stellen wir uns vor, dass das systematisch wird, lässt sich gewisser Ärger vielleicht nachvollziehen.
Da die deutsche Sprache keine allgemeingültige Anrede kennt und sich gänzlich genderneutrale Experimente wie die x-Endung (Studierx, Professx) nicht durchgesetzt haben, ist die gezielte individuelle Ansprache meiner Meinung nach aktuell die beste Option, um Toleranz auszudrücken. Dass sich manche nicht mal damit wirklich beschäftigen wollen, zeigt leider auch, wie sehr wir noch am Anfang dieser Debatte stehen.
Das Gespräch zeichnete Sascha Maier auf.
Unsere Kolumnenreihe „Lasst uns über ... reden“ über Liebe, Sex und Intimes – alle Folgen im Überblick