Lasst uns über ... toxische Beziehungen reden Wenn wir wollen, was uns nicht guttut

Von Oliviero Lombardi (aufgezeichnet von Sabrina Höbel) 

Warum bleiben viele Männer und Frauen in Beziehungen, die ihnen eigentlich schaden? Um die Antwort darauf zu finden, muss man zurück in die Kindheit der Betroffenen schauen, erklärt Paartherapeut Oliviero Lombardi.

Toxische Beziehungen sind ein Gift, von dem man nur schwer wegkommt. Foto: Leonid - stock.adobe.com
Toxische Beziehungen sind ein Gift, von dem man nur schwer wegkommt. Foto: Leonid - stock.adobe.com

Stuttgart - Ich hatte einmal ein Paar bei mir, bei dem der Mann sehr eifersüchtig war, sich gleichzeitig aber selbst herausgenommen hat, sich zu vergnügen wie er es für richtig hält. Er begründete das damit, dass Mann und Frau nicht gleich seien. Jetzt kann man natürlich schnell sagen: „Ey Frau, warum stehst du auf so einen Tyrannen, was ist falsch mit dir?“. Das wäre aber zu kurz gesprungen. Um zu verstehen, warum viele Frauen und Männer in einer toxischen Beziehung bleiben, die ihnen also nicht guttut, muss man tiefer gehen.

Eine gesunde Beziehung kann aus solch zweifelhaften Umständen heraus – wie bei diesem Paar – nicht entstehen. Eine Weile geht es vielleicht gut, doch in der Regel wird der Partner mit seinem Verhalten schon bald extremer. Das geschieht ein Stück weit automatisch, wenn die Beziehung andauert und sich das Verhalten festsetzt. Die Abwertungen werden immer systematischer und schließlich zum Muster.

Toxische Partner wählt man oft nach einem bestimmten Muster

Es gibt aber viele Frauen und Männer, die das auf Dauer mit sich machen lassen. Und zwar nicht nur einmal. Ich betreue ganz oft Leute, die immer wieder in die selben Beziehungskonstellationen geraten. Eine andere Frau beispielsweise, die von ihrem Partner geschlagen wurde, dann sogar die Polizei verständigt hat und es schaffte, sich zu trennen. Ein halbes Jahr später hatte sie einen neuen Partner und man stellte fest: Der schlägt sie wieder. „Das muss doch ein Muster sein“, sagen meine Klientinnen und Klienten dann. Und ja, ganz genau so ist es!

Wenn eine Frau auf jemanden steht, der sie abwertet, ist das überhaupt kein Zufall, sondern hat ganz stark mit ihren Erfahrungen zu tun. Dafür muss man weit zurückschauen, bis in die Kindheit. Denn dann prägen sich das Urvertrauen und das Selbstwertgefühl aus. Mit diesem Profil geht man durchs Leben und baut so auch seine Beziehungen auf.

Erfahrung aus der Kindheit erklären die spätere Partnerwahl

Die Eltern sind dabei Schlüsselfiguren. Mit der Zeit kamen wir bei dem anfangs geschilderten Fall darauf, dass die Frau schon während ihrer Kindheit schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Es war der eigene Vater, der die Tür eintrat, während sich Mutter und Tochter im Schlafzimmer verschanzt hatten. Der Vater kam regelmäßig betrunken nach Hause und übte Gewalt an der Mutter aus.

Dass die Frau das als junges Mädchen miterlebte ist einerseits zwar dramatisch, andererseits aber auch eine Erklärung für ihre spätere Partnerwahl. Das, was man als Kind bei seinen Eltern erlebt, nimmt man nämlich erst einmal unreflektiert als richtig auf. Sehr oft gibt es so einen Hintergrund, wenn Frauen oder Männer dieses Beuteschema haben, sich Partner zu suchen, die ihnen nicht guttun. Es ist ein unterbewusster Prozess, aber sie fühlen sich damit tatsächlich heimisch.

Wenn ein Mensch als Kind kein ausreichendes Selbstwertgefühl entwickelt hat, sucht er unter Umständen nach einem Partner, der ihn abwertet. Das ist allerdings keine gesunde Passung, sondern die Macken vom einem passen zu den Macken vom anderen.

Unter Umständen kann man eine toxische Beziehung noch retten

Die schlechte Nachricht: Die Aussage „Ja, er ist nicht gut zu mir, aber für mich wird er sich ändern“, ist ein fataler Ansatz. Verhaltensmuster selbst zu ändern ist nicht so einfach. Da kommt man in der Regel alleine nicht raus.

Die gute Nachricht: Mit viel Arbeit kann man eine toxische Beziehung unter Umständen doch retten. Das heißt nicht, dass es manchmal nicht besser wäre, die Beziehung einfach zu beenden. Doch wenn die Frau oder der Mann es schaffen, das eigene Selbstwertgefühl zu stärken und sich von alten Rollenbildern zu lösen, wird sie oder er auch das Beuteschema ändern und nicht mehr auf solche Typen stehen. Auch sexuell nicht.

Meiner Klientin, die ständig betrogen wurde, hat es dann auch irgendwann gereicht. Nachdem in einer Sitzung sogar mal eine Ohrfeige fiel, stellte sie ihrem Mann ein Ultimatum: Würde er sich nicht ändern, sei sie weg. Da der Partner seine Frau trotz allem ehrlich liebte, zeigte das Wirkung und er war nun bereit umzudenken und sich selbst zu hinterfragen. Es folgte eine Menge intensive Arbeit, doch am Ende konnte das Paar ihre alten Rollenbilder gegen neue tauschen, die sie viel glücklicher gemacht haben.

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