„Last Christmas“ von Wham! Letzter Ohrwurm vor der Bescherung

George Michael (Mi.) im Videoclip zu „Last Christmas“. Foto: Videostill/Sony

Alle Jahre wieder „Last Christmas“ von Wham!. Die seltsame Geschichte eines Kulturguts mit kurzen Hosen, Egotrip, einer außergerichtlichen Einigung und feierlicher Konkurrenz.

Ja, der Weihnachtsrummel geht immer früher los, in diesem Jahr haben die Menschen noch Schuhe getragen, in denen man ihr Füße sehen konnte, als sie die ersten Lebkuchen vom Supermarkt nach Hause schleppten. Aber richtig ernst wird’s erst, wenn „Last Christmas“ von Wham! ins besinnliche Rennen geht. So läuft das nämlich seit Dezember 1984.

 

„Last Christmas“, sagt die Legende, wurde von George Michael in dessen Kinderzimmer komponiert, während Bandkollege Andrew Ridgeley im Wohnzimmer Fernsehen schaute. Die andere Legende, George Michael habe das Lied ursprünglich „Last Easter“ genannt und später nur fürs Weihnachtsgeschäft optimiert, hält sich derweil hartnäckig. Bestätigt ist sie nicht, aber eben zu lustig, um nicht gelegentlich erzählt zu werden.

Weihnachtsplunder im Hochsommer

Als Wham! im August 1984 ins Advision Studio in London gehen, sind sie durch ihre Hitsingles zwar ein erfolgreicher Pop-Act, allerdings weit davon entfernt, nur ansatzweise ernst genommen zu werden. Eintagsfliege in bunten Shorts ist noch mit das Freundlichste, was Andrew Ridgeley und George Michael entgegengebracht wird.

Letzterer allerdings strotzt vor Selbstbewusstsein. Obwohl er kaum über musikalisch-handwerkliche Fähigkeiten verfügt, besteht der damals 21-Jährige darauf, alle Instrumente, also Keyboards, Drumcomputer, Gebimmel und Gerassel, selbst einzuspielen und das Stück selbst zu produzieren – außer dem Toningenieur Chris Porter und dessen Assistenten duldet Michael niemanden im Studio und keinerlei künstlerische Einmischung.

Die Melodien, glaubt man Porter, soll Michael mit zwei Fingern auf dem Keyboard eingespielt haben. Zur Stimmungsbildung im Hochsommer dekoriert George Michael das Studio zusätzlich mit allem auffindbaren Weihnachtsplunder. Nach den Aufnahmen in London geht’s noch ins verschneite Saas-Fee in der Schweiz – den kitschigen Videoclip zum Lied aufnehmen. Und fertig ist die legendäre Packung. Denkste.

George Michael wird seine eigene Konkurrenz

Veröffentlicht wird „Last Christmas“ am 30. November 1984. Doch zum prestigeträchtigen Weihnachtshit in den englischen Charts wird stattdessen „Do They Know It’s Christmas?“ von Band Aid. Rund um das von Midge Ure (Ultravox) und Bob Geldof (Boomtown Rats) komponierte Stück trommelt Letzterer die Crème de la Crème der britischen Popszene zusammen: Duran Duran, U2, Spandau Ballet, Bananarama und viele mehr – und auch George Michael ist Teil der Charity-Single, deren Erlöse in Projekte fließen, die die Hungersnot in Äthiopien lindern sollen. George Michael wird als Teil von Band Aid seine eigene Konkurrenz im Wettbewerb um die Spitze der Charts. Wham! verlieren und George Michael gewinnt.

Und dann auch noch das: Die Rechteverwalter der Dick James Publishing Company erkennen in „Last Christmas“ Parallelen zu dem Stück „Can’t Smile Without You“ der Songwriter Christian Arnold, David Martin und Geoff Morrow. Arnold hatte das Lied 1975 einigermaßen erfolgsfrei als Single veröffentlicht. Durch Interpretationen von den Carpenters (1977) wurde das Stück geläufiger und ein Jahr später durch den schnulzenerprobten US-Sänger Barry Manilow zum Hit in den USA.

Keine Raketenphysik

Die Ähnlichkeiten der Stücke sind unverkennbar, die Akkordfolgen allerdings auch keine Raketenphysik. Eine weitere Legende besagt: Als rund 60 Stücke, die ebenfalls auf diesen Harmonien basieren, als Entlastungsbeweise angeführt werden, wird der Plagiatsprozess eingestellt, man einigt sich außergerichtlich. Die Erlöse aus dem ersten Jahr der Single werden an das Charity-Projekt Band Aid gespendet.

Herzschmerz kennt keine Saison

Teil von Band Aid ist auch Holly Johnson, Sänger der rabaukigen Popgruppe Frankie Goes To Hollywood. Auch deren Plattenfirma zielt auf einen Weihnachtshit ab, veröffentlicht das herzzerfetzende „The Power of Love“ als Single für das Jahresendgeschäft – und fertigt in Abwesenheit der Band einen festlichen Videoclip dazu an. Lametta als Geschmacksverstärker – denn ähnlich wie „Last Christmas“ weist auch „The Power of Love“ von Haus aus keinerlei weihnachtlichen Bezug auf. Es geht um Liebe, und Herzschmerz kennt keine Saison. Immerhin führen Frankie Goes to Hollywood tatsächlich kurzzeitig die Charts an. „Last Christmas“ schafft das in England erst 2020.

Zum internationalen Kulturgut wird das Stück in den Jahren nach 1984. Alle Jahre wieder dreht das Stück seine Runden in der Weihnachtszeit. Und wie die Lebkuchen im Supermarkt: „Die Weihnachtstitel haben in letzter Zeit etwas früher Saison“, sagt Frank Siebenhaar vom Unternehmen Music Trace, das unter anderem die Radiocharts ermittelt. Mittlerweile geht’s Mitte November und nicht wie in den Jahren zuvor im Dezember erst los, so Siebenhaar. Beachtlich sei, dass „Last Christmas“ sogar zwischen Februar und Ende September des Jahres bereits 51-mal im deutschen Radio lief. Die Bestleistung von Wham!: Im Jahr 2020 registrierte Music Trace 4600 Rundfunkeinsätze.

Das Marktforschungsunternehmen Growth From Knowledge (GfK) weiß derweil, dass am 24. Dezember 2021 „Last Christmas“ in Deutschland 5,6 Millionen Mal gestreamt wurde und es damit der meistgestreamte Song binnen 24 Stunden ist. Insgesamt wurde das Stück bislang 214 Millionen Mal gestreamt – zum Vergleich: „Do They Know It’s Christmas?“ 85 Millionen und „The Power of Love“ 46 Millionen Mal.

Sortiert man aus den alljährlichen Charts im Dezember die Weihnachtslieder heraus, liegt „Last Christmas“ immer an der Spitze, mal mit mehr, mal mit weniger Abstand zum Feld der anderen saisonalen Besinnungsliedchen: „All I Want For Christmas Is You“ (Mariah Carey), „Driving Home For Christmas“ (Chris Rea), „Wonderful Dream (Holidays Are Coming)“ (Melanie Thornton) und „Do They Know It’s Christmas?“ (Band Aid). „The Power of Love“ von Frankie Goes to Hollywood kommt auf etwa ein Viertel der Rundfunkeinsätze von „Last Christmas“ – zu einer Chartnotierung in den Top 200 der Single-Charts reicht das trotzdem – alle Jahre wieder.

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