LBBW-Chef Rainer Neske „Die Marke made in Germany hat an Wert verloren“

LBBW-Chef Rainer Neske beim Redaktionsbesuch im Pressehaus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif-Hendrik Piechowski

Die LBBW blickt trotz Krise auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr zurück. Bankchef Rainer Neske warnt aber vor Wettbewerbsnachteilen für die deutsche Industrie.

Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hat 2022 einen Vorsteuergewinn in Milliardenhöhe erzielt. Sorgen macht sich Bankchef Rainer Neske jedoch um die Zukunft des Industriestandorts.

 

Herr Neske, im Kampf gegen die Inflation haben die Notenbanken die Zinsen kräftig erhöht. Profitiert die LBBW davon?

Sehr schnell steigende Zinsen sind immer schwierig, weil sie uns zwingen, bei Einlagen und Krediten ebenfalls schnell umzusteuern. Auf lange Sicht ist ein normales Zinsniveau für alle gut, weil es zeigt, dass Geld einen Wert hat. Die Perversion, dass man auf Einlagen negative Zinsen nehmen muss, gehört zum Glück der Vergangenheit an.

Bei den Einlagen hat sich bei der BW-Bank aber noch nicht viel getan. Andere Banken bieten jetzt zwei Prozent Zinsen aufs Tagesgeldkonto. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Kunden wechseln?

Wir gehören zu den Banken, die versucht haben, die Kunden weitgehend vor Negativzinsen zu schützen. Deswegen hatten wir beispielsweise sehr hohe Freibeträge in der Größenordnung von 100 000 Euro eingeräumt. Jetzt sind die Zinsen zurückgekommen, und einige Wettbewerber gehen mit Lockangeboten über drei Monate, fünf Monate oder sechs Monate auf Kundenfang. Das werden wir aufmerksam beobachten. Aber es entspricht nicht unserem Verständnis von verantwortungsvollem Bankgeschäft. Wir wollen sicherlich keine Kunden verlieren, aber eine langfristige Beziehung zwischen Kunde und Bank macht sich nicht nur am Tagesgeldzins fest.

Sie haben im Sommer ein Vorsteuerergebnis von über einer Milliarde Euro angekündigt, bleibt es dabei?

Wir haben ein gutes operatives Ergebnis zur Jahresmitte gesehen, und das hat sich erfreulich im zweiten Halbjahr fortgesetzt. Zudem haben wir letztes Jahr die Berlin Hyp übernommen und in Rekordtempo konsolidiert. Hieraus resultieren Sondereffekte, die unser Ergebnis zusätzlich treiben und dafür sorgen, dass wir bei über einer Milliarde rauskommen werden.

Nun kühlt sich der Immobilienmarkt gerade ab. Macht Ihnen das mit Blick auf die Berlin Hyp Sorgen?

Erst einmal hat die Berlin Hyp ein konservatives Risikoprofil. Wie es auf den Immobilienmärkten insgesamt weitergeht, wird man sehen. Im Moment herrscht hier eine Art Schockstarre. Die Investoren müssen erst einmal das gestiegene Zinsniveau einpreisen. Was jedoch viel schlimmer ist: Sie können keine verlässliche Baukalkulation machen. Wir gehen davon aus, dass sich das in den nächsten Monaten wieder ändern wird und wir bei der Berlin Hyp vielleicht eine leicht gedämpfte Geschäftsentwicklung sehen werden. Sie wird aber dennoch weiterhin profitabel sein.

Der Wohnungskonzern Vonovia will dieses Jahr gar nichts mehr bauen. Wird das bei vielen Investoren so gehen?

Das ist jedenfalls kein Einzelfall. Durch das gestiegene Zinsniveau ändern sich Renditeerwartungen. Hinzu kommen die dramatisch gestiegenen Materialpreise – das macht Bauvorhaben im Moment unkalkulierbar.

Deswegen halte ich es für nachvollziehbar und seriös, wenn professionelle Entwickler sagen: Ich halte ein. Das ist ein gesunder Mechanismus, denn damit sinkt die Nachfrage und dadurch werden sich die Preise normalisieren. Anschließend kann die Bautätigkeit wieder aufleben. Ein Dauerproblem ist allerdings, dass die Komplexität beim Bauen dramatisch zugenommen hat – die Anzahl der Vorschriften, die Anzahl der Auflagen, die Dauer von Genehmigungsprozessen.

Sollte die Zeitenwende auch einen Abbau von Regulierung bedeuten?

Wir haben in den letzten zweieinhalb Jahren gesehen, wie machtvoll eine freie Marktwirtschaft agieren kann – das Mittel gegen Corona ist nicht in einem staatlich gelenkten Ein-Parteien-System wie China entstanden, sondern in Mainz. Und wir haben gesehen: Wenn wir ein LNG-Terminal wollen, können wir das in Rekordzeit hinbekommen. Oder nehmen Sie die Tesla-Fabrik in Brandenburg.

Die kriegen wir hin – im Ausnahmefall. Ich glaube, dass wir diese Ausnahmen zur Regel machen müssen. Warum muss der normale, mittelständische Unternehmenschef auf seine Genehmigungsprozesse so lange warten, und der Multimilliardär aus den USA mit der Tesla-Fabrik nicht? Durch die Probleme bei Großprojekten wie etwa Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen hat die Marke made in Germany in den vergangenen Jahren deutlich an Wert verloren.

Außer mit Bürokratie haben viele Zulieferer hier in der Region auch mit dem Strukturwandel zu kämpfen. Fürchten Sie da eine Insolvenzwelle?

Strukturwandel ist ja per se nichts Schlimmes. Wir können nicht das Neue wollen – Stichwort Mobilitätswende –, ohne das Alte um- oder abzubauen. Dass es dann im Einzelfall zu schmerzhaften Veränderungen kommt, halte ich für normal. Als Bank müssen wir Unternehmen, die sich diesem Wandel stellen, auch in schwierigen Phasen unterstützen. Das heißt aber auch, dass wir diejenigen, die eben nicht auf zukunftsfähige Strategien setzen, langfristig nicht begleiten können. Auch wenn einige von ihnen vielleicht aufgeben, weil ihre Produkte nicht mehr nachgefragt werden. Große Pleitewellen erwarte ich nicht.

Haben Sie ein Bild davon, was aus diesem Umbau der Wirtschaft entsteht?

Auf der einen Seite ist unsere Wirtschaftsstruktur extrem agil. Man kann darüber diskutieren, ob beispielsweise die Mobilitäts- und die Energiewende zu spät angegangen wurden. Aber wenn es dann mal angenommen wird, geht es zügig. Auf der anderen Seite sehe ich wenig Unternehmer, die massiv in Deutschland investieren wollen, weil die Rahmenbedingungen – eine überbordende Bürokratie, Fachkräftemangel, Energiepreise – relativ zu anderen Standorten schwierig sind. Und das Investitionsprogramm der US-Regierung, der sogenannte Inflation Reduction Act, wirft schon die Frage auf, wie wir dauerhaft in Europa unsere industrielle Basis erhalten wollen.

Sollte Europa denn die Industrie subventionieren wie in den USA?

Ich bin ein glühender Verfechter der sozialen Marktwirtschaft. Dazu gehören eine freie Wirtschaft und keine Subventionen. Auf der anderen Seite: Wenn in einem Fußballspiel die andere Mannschaft ohne Abseitsregel oder mit 14 statt elf Leuten spielt, dann können Sie nicht gewinnen. Insofern muss man hierauf eine Antwort finden und gleichzeitig darauf achten, dass sich die Subventionen nicht gegenseitig aufschaukeln.

Über die Gefahr einer Deindustrialisierung wird auch wegen der hohen Energiekosten diskutiert. Inwieweit finanzieren Sie die Nutzung fossiler Energieträger?

Wir finanzieren zum einen die Transformation in das Neue. Die LBBW ist einer der größten Projektfinanzierer für nachhaltige Investitionen – dazu gehören Windparks genauso wie die entsprechenden Stromtrassen. Bei der fossilen Thematik sind wir sehr zurückhaltend. Aber: Wenn jemand ein konventionelles Kraftwerk modernisiert und damit schadstoffärmer macht, dann spart das CO2.

Größere Sorgen machen mir Teile der Industrie. In Europa sollen die Banken dazu beitragen, den CO2-Ausstoß der Unternehmen in ihrem Kreditportfolio herunterzufahren. Bei einem Zementhersteller, der eine CO2-intensive Produktion hat, ist das schwierig. Jedes Windrad braucht ein Fundament aus Zement. Wir können also nicht aufhören, Zementhersteller zu finanzieren. Deswegen agieren wir weitsichtig und arbeiten mit Reduktionszielen für verschiedene Sektoren in unserem Kreditportfolio.

Gibt es denn Finanzierungen, die Sie ausschließen würden? Zum Beispiel den Bau neuer Kohlekraftwerke?

Wir würden kein neues Kohlekraftwerk finanzieren – weil wir uns in der Rolle sehen, die Transformation in eine andere Energiewelt zu begleiten und weil wir gesamthaft als Bank darauf achten müssen, wie viel CO2 ein Kunde in unser Portfolio hineinspült.

Bei den Zulieferern unter Ihren Kunden soll der Umsatzanteil sinken, der mit Verbrennerkomponenten erzielt wird. Wie greifen Sie da in die Unternehmenspolitik ein?

Wir greifen nicht in die Unternehmenspolitik ein. Wir machen transparent, unter welchen Bedingungen wir finanzieren. Wir sagen also: Wir glauben, dass Sie mit Ihrem Unternehmen zu sehr auf einen Weg setzen, den wir nicht für zielführend halten.

Das war vor drei Jahren noch ein echtes Thema. Damals sind Sie noch auf Kunden gestoßen, die an der Mobilitätswende gezweifelt und gesagt haben: E-Autos funktionieren sowieso nicht. Diese Diskussion führen Sie heute nicht mehr. Wir sehen vielmehr, dass die allermeisten Zulieferer heute eine Zukunftsstrategie haben, wie sie mit diesen Herausforderungen umgehen wollen. Deswegen bin ich über dieses Teilportfolio jetzt auch deutlich weniger besorgt als noch vor drei Jahren.

Stichwort Sorgen: Glauben Sie, dass die Inflation wieder sinken wird?

Sie wird sinken. Die Frage ist, ob sie dauerhaft auf ein normales Niveau – also Richtung zwei Prozent – zurückgeht. Das wird länger dauern, und ich hoffe, dass die Europäische Zentralbank den Atem hat, hier lange gegenzuhalten. Denn wir sehen derzeit viele inflationstreibende Tendenzen. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und China sind – gelinde gesagt – schwierig, erste Unternehmen überdenken deshalb ihre Geschäftsbeziehungen zu China. Andernorts zu produzieren wird aber in vielen Fällen teurer sein. Wir reden davon, dass Lieferketten resilienter werden sollen. Das bedeutet, Unternehmen werden größere Lagerhallen brauchen und parallele Beschaffungslinien aufbauen. Auch der Fachkräftemangel ist ein großer Kostentreiber. Deshalb glaube ich, dass wir den Inflationskampf noch lange führen müssen.

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