Leben einer Großfamilie Eltern von zehn Kindern

Großfamilie unterwegs: Einmal im Jahr geht’s gemeinsam in den Urlaub in die Toskana. Mit dabei sind auch die zwei Enkelkinder von Andrea und Hans-Peter Leinthaler und der eine oder andere Freund. In unserer Bildergalerie sehen Sie noch mehr Bilder aus dem Alltag der Großfamilie. Foto: privat

Eltern wissen das: Ein Kind kann anstrengend sein. Andrea und Hans-Peter Leinthaler haben zehn. Geschichte über eine Großfamilie, die sich in Gelassenheit übt und auf einem alten Bauernhof im Allgäu ihr Glück gefunden hat.

Stuttgart - Wenn sie mal Zeit für sich braucht, geht sie mit dem Hund raus. Eine Stunde in die Natur. Allein. An nichts denken, im Hier und Jetzt sein. Andrea Leinthaler braucht diese kleinen Fluchten nicht oft. Die 54-Jährige ist umtriebig, eine Schafferin. Eine, die gerne redet und noch mehr lacht und dabei den Eindruck vermittelt, mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

 

Es steckte kein fixer Plan hinter der Zahl Zehn

In Andrea Leinthalers Welt haben viele Menschen Platz. Mit ihrem Mann Hans-Peter hat sie zehn Kinder. Sechs Mädchen, vier Buben. Jakob, Therese und Ida sind zum Studieren weggezogen. Der Rest wohnt noch zu Hause. Nesthäkchen Fridolin ist sechs Jahre alt, dann sind da noch Greta (10), Fritz (12), Emil (15) und Leni (20). Paula (18) und Thea (17) machen nächstes Jahr Abitur.

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Dass Andrea Leinthaler zehn Kinder zur Welt gebracht hat, dahinter steckt kein fixer Plan, auch keine religiöse Weltanschauung. „Es hat sich einfach richtig angefühlt“, sagt sie. Und sie sagt auch: „Jedes Kind war ein Wunschkind.“ Da sei immer noch Platz gewesen für ein weiteres. Die Liebe, die sei mit jeder Geburt größer geworden. „Nie habe ich gedacht: Jetzt reicht’s! Kinder zu haben ist einfach schön und erfüllend.“

Sieben Kinder hat die Mutter zuhause entbunden

Andrea und Hans-Peter Leinthaler haben sich beim Studium kennengelernt, beide sind Diplom-Agraringenieure. Noch während der Studentenzeit wurde Jakob geboren. Seine Schwester Therese kam auf die Welt, da schrieb Andrea Leinthaler gerade an ihrer Diplomarbeit. Sieben Kinder hat sie zu Hause entbunden.

Ein Grundstück groß wie zehn Fußballfelder

Die Großfamilie lebt in einem alten Bauernhaus im Oberallgäu, das sie vor 25 Jahren erstanden und renoviert hat. Es steht oberhalb des Luftkurortes Wertach, in 1000 Meter Höhe. Das Grundstück der Leinthalers ist so groß wie zehn Fußballfelder. Hier haben nicht nur die Kinder viel Platz, auch Tiere tummeln sich zuhauf. Neben zwei Hunden gibt es Pferde, Katzen, Hühner, Gänse, Meerschweinchen und Schildkröten. Andrea Leinthaler züchtet außerdem Alpine Steinschafe – ihr größtes Hobby. „Ich möchte nichts auf später verschieben, sondern möglichst viel Schönes miteinander verbinden, auch wenn es körperlich anstrengend ist.“

Jeden Tag verbraucht die Familie rund sieben Liter Milch

Bei Leinthalers herrschen andere Dimensionen. In den Küchenschränken stehen ein Dutzend Pfannen, jeden Tag verbraucht die Familie rund sieben Liter Milch, direkt vom Bauern. Im Schuppen parken 20 Fahrräder. Die drei Schuhregale im Flur quellen fast über. Wie schafft es die 54-Jährige, bei dem vollgepackten Alltag nicht durchzudrehen? Die Bedürfnisse aller im Blick zu behalten? Vor allem: ihre eigenen nicht zu vergessen? Andrea Leinthaler sagt: „Da wächst man rein. Die Kinder waren ja nicht alle auf einmal da.“ Sie versuche, an sich selbst nicht zu hohe Ansprüche zu stellen, gelassen zu bleiben. Sie betont: „Ich mache das alles nicht perfekt. Ich bin ein Kruschtler, der vor sich hin wurschtelt.“ Einen ausgeprägten Ordnungssinn habe sie nicht. „Manchmal erschlägt einen das Chaos, aber da könnte man sich ja zu Tode schaffen.“

Irgendwas ist immer zu tun

Dass es immer irgendwas zu tun gibt, findet sie nicht schlimm. Sie sei nicht der Typ, der zwei Stunden im Liegestuhl liest. „Das schaffe ich höchstens zehn Minuten.“ Kraft tankt sie so zwischendurch im Alltag: „Auch Wäscheaufhängen kann meditativ sein.“

Andrea Leinthaler mag es nicht, als Supermutti dargestellt zu werden, die alles mit Leichtigkeit gewuppt kriegt. „Ich bin ein normaler Mensch, vielleicht ein bisschen durchgeknallt, weil ich mir so viel antue.“ Sie lacht und räumt ein, dass auch sie mal die Nerven verliert. Ungeduldig sei sie dann und auch mal laut. Die anstrengendsten Zeiten sind vorbei. Als die Kinder jünger waren, war das Mama-Taxi sehr gefragt. Musikschule. Reitstall. Sportplatz. Die wichtigsten Termine hat Andrea Leinthaler im Handy gespeichert, mit Alarmfunktion. Von zu viel Planerei hält die Zehnfach-Mutter jedoch nichts. Waschtage? Speisepläne? „Nee, das läuft nebenher. Die Kinder bestimmen den Alltag.“

Helikoptern ist nicht ihr Ding

Den Nachwuchs lässt sie vieles untereinander selbst klären, greift bei Streitereien nicht sofort ein. Helikoptern ist nicht ihr Ding. Dieses Überbewachen und Überbetüddeln, das stresse Eltern und mache die Kinder unselbstständig. Spricht Andrea Leinthaler über Erziehung, dann fallen Worte wie Liebe und Wertschätzung, Entfaltung, Vertrauen und Zutrauen. Die Eltern ermutigen ihre Kinder, den eigenen Weg zu finden und ihn zu gehen. Niemand wird nach Leistung beurteilt. Jeder bringt seine Stärken ein. Und: „Alle halten zusammen.“

Sie versuchen, nachhaltig zu leben

Wichtig ist den Eltern ein achtsamer Umgang mit der Natur. Den Kindern zu vermitteln, dass die Schöpfung wertvoll ist. Sie versuchen, nachhaltig zu leben. Sie haben Stoff- statt Wegwerfwindeln benutzt, sie bauen Gemüse an, schlachten ihre Hühner selbst. Nur selten werfen sie etwas weg, und fast immer kaufen sie Secondhand-Kleidung und die meisten Lebensmittel in Bioqualität. „Trotzdem sind wir weit davon entfernt, die perfekte Selbstversorger-Familie zu sein.“ Das Kindergeld sei schnell verbraucht und reiche nicht, um ein Kind großzuziehen. Hans-Peter Leinthaler ist Alleinverdiener. Er arbeitet als Integrationsberater beim Integrationsfachdienst der katholischen Jugendfürsorge. „Wir kommen finanziell zurecht“, sagt seine Frau. Ihr Leben sei bescheiden, aber nicht arm. Reichtum bedeutet für sie ohnehin etwas anderes. Gemeinschaftssinn. Fröhliches Kinderlachen. Die schönsten Momente sind für Andrea Leinthaler die, in denen alle gemeinsam am Tisch in der Küche sitzen und jeder erzählt, was ihn bewegt.

Auch der Enkel lebt inzwischen bei ihnen

Einmal im Jahr geht es gemeinsam in den Urlaub, auf einen Selbstversorger-Hof in der Toskana. Da kommen dann auch die älteren Kinder gerne mit, die nicht mehr zu Hause wohnen, und mancher Freund. Leinthalers schwärmen vom kinderfreundlichen Italien. In Deutschland haben sie immer noch Exotenstatus. Nur knapp ein Prozent aller Familien hierzulande hat fünf oder mehr Kinder. Argwöhnische Blicke und abschätzige Kommentare waren an der Tagesordnung. Erst war Andrea Leinthaler verletzt. Nach dem siebten Kind, sagt sie, konnte sie darüberstehen.

Mittlerweile sind Andrea und Hans-Peter auch Großeltern. Der Jüngste, der dreijährige Theo, wächst bei ihnen auf. Es ist genug Platz und Liebe da.

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