Kinder zu erziehen, ist kein leichter Job. Vor allem in einem System, das seit längerem unter Personalmangel leidet. Den regulären Kita-Alltag zu meistern, ist in vielen Kommunen deshalb mittlerweile zur Herkulesaufgabe geworden. Doch es tropft weiter in das fast volle Fass des pädagogischen Notstandes. Seit einiger Zeit haben es Kommunen immer häufiger mit auffälligem Verhalten bei Kindern zu tun, das die Erziehenden stark herausfordert und das ohnehin knappe Personal zusätzlich beansprucht. Zwar gibt es keine gesicherten Zahlen, doch der Böblinger Sozialamtsleiter Klaus Feistauer schätzt, dass es allein in Böblingen bis zu 250 Kinder im System gibt, die zusätzlichen Betreuungsbedarf haben, aber bei der aktuellen Personallage keinen bekommen. Doch die Lebenshilfe Böblingen möchte das Fass vor dem Überlaufen bewahren. Sie plant ein Zentrum auf dem Flugfeld, in dem unter anderem auch eine inklusive Kita geplant ist, in der voraussichtlich 100 Kinder unterkommen werden.
Das ist bitter nötig: Für das Jahr 2023 wurden 24 Eingliederungshilfen in den städtischen Kitas in Böblingen bewilligt, im April waren weitere 15 Anträge noch in Bearbeitung. Doch selbst mit 40 zusätzlichen Kräften können die rund 210 Kinder noch lange nicht betreut werden, die nach Einschätzung des Kita-Personals zusätzliche Unterstützung bräuchten. Viele dieser Kinder fallen in einen Graubereich, erklärt Sozialamtsleiter Klaus Feistauer: Bei manchen Kindern könnten zwar Behinderungen diagnostiziert und daraufhin Eingliederungshilfen beantragt werden. Bei vielen anderen Kindern gibt es jedoch (noch) keine ärztliche Diagnose. Das Kindergartenpersonal muss trotzdem mit ihrem Verhalten zurechtkommen. Die Heilpädagogische Fachberatungsstelle der Stadt Böblingen unterstützt das Kita-Personal im Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Kindern. 51,5 Prozent der Beratungsanfragen an den Dienst beziehen sich laut der Bedarfsplanung für das Kita-Jahr 2023 und 2024 auf den sozial-emotionalen Bereich.
Kinder ohne Impulskontrolle binden viel Personal
„Die Erzieherinnen und Erzieher haben es mit einem ganzen Spektrum an Verhaltensweisen zu tun“, sagt der Sozialamtsleiter. Die Kinder, die das meiste Personal binden würden, seien diejenigen, die keine oder nur wenig Impulskontrolle hätten. Um Verletzungen des Kita-Personals und anderer Kindern zu vermeiden, ist oftmals eine Eins-zu-eins-Betreuung notwendig. Wenn es keine ärztliche Diagnose gebe und keine Hilfskraft eingestellt werden könne, müsse mit den Eltern Gespräche geführt werden. Hier sei das Kita-Personal stark von dem Einsehen der Eltern abhängig. Im Extremfall müsste der Betreuungsumfang reduziert oder gar die Betreuung gekündigt werden. „Das ist in den fünfzehn Jahren, in denen ich hier bin, aber erst einmal passiert“, sagt Klaus Feistauer.
Auffälliges Verhalten nehme in den Böblinger Kitas stetig zu, erklärt der Sozialamtsleiter. „Statistisch ist es aber kaum möglich, dass die Zahl der Kinder mit Behinderung in diesem Maß zunimmt“, sagt Feistauer. Neben den Kindern, die eine tatsächliche Behinderung haben, gibt es also immer mehr Kinder, die sich auch ohne klare Diagnose auffällig verhalten. Es gibt wohl keine klare Antwort darauf, an was das liegt. Auch Feistauer kann nur Vermutungen anstellen. Doch er sehe, dass sich das Verhalten dieser Kinder in der Gesellschaft widerspiegele: Zugbegleiter, die angegriffen werden, Verkäuferinnen und Verkäufer, die es mit respektlosen Kunden zu tun haben, Politiker haben wegen Drohungen Angst, ihr Amt auszuführen – die Liste an Ausfällen im öffentlichen Raum sei lang. Dass es in diesem Klima auch mehr Verhaltensauffälligkeiten in den Kitas gibt, wundert den Sozialamtsleiter nicht. Nun stehen die Kommunen vor der Aufgabe, ihre Kita-Teams in die Lage zu versetzen, mit diesen neuen Gegebenheiten umzugehen. Um die Situation zu entschärfen, ist die Stadt Böblingen bereits seit längerer Zeit mit der Lebenshilfe Böblingen im Gespräch, die ein „Zentrum für selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ auf dem Flugfeld bauen will.
Autismus-Zentrum, inklusive Kita und interdisziplinäre Frühförderstelle
Elf Module soll das geplante Zentrum abdecken: Neben einem Autismus-Zentrum soll es auch offene Hilfen geben, ebenso Schulungsräume eine inklusive Kita und eine interdisziplinäre Frühförderstelle, die sich an entwicklungsverzögerte, behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder im Vorschulalter richtet. Außerdem sollen dort eine Kurzzeitpflege für Kinder und Jugendliche, Wohngruppen und eine ergänzende unabhängige Teilhabeberatung etabliert werden. Seit acht Jahren befindet sich das Projekt in Planung. „Berücksichtigung finden gesellschaftliche Entwicklungen und neue Bedarfe, die in unserer Wahrnehmung derzeit in Böblingen und Umgebung nicht ausreichend gedeckt werden können“, sagt Nicole Henk, Geschäftsführerin der Lebenshilfe.
Die Stadt Böblingen begrüßt den Bau eines solchen Zentrums: „Es ist sehr wichtig, Lösungsansätze für Kinder zu schaffen“, sagt Klaus Feistauer. Die städtischen Kitas müssten lange schuften, um die Kompetenzen, die die Lebenshilfe bereits hat, aufzubauen.
Lebenshilfe-Zentrum auf dem Flugfeld
Wo?
Das „Zentrum für selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ soll auf einem circa 3000 Quadratmeter großen Gelände im Auguste-Piccard-Weg auf dem Flugfeld gebaut werden.
Planungen
Die konkrete Umsetzung mit Grundstückssuche und Projektmanagement ist im Jahr 2021 gestartet. Im August 2023 erfolgte dann der Kauf des Grundstücks. Derzeit läuft ein Architektenwettbewerbsverfahren unter Federführung der Projektmanagementfirma CPM. Die Lebenshilfe rechnet mit einer Baugenehmigung im Herbst 2025.