Leerstand in Stuttgart Auf der Suche nach Raum zur Zwischennutzung

Von Jan-Georg Plavec und  

Neue Initiativen wollen etwas gegen brach liegende Gebäude in Stuttgart unternehmen: Die Facebook-Seite „Leerstand Stuttgart“ dokumentiert Brachen, die Gruppe „Plenty Empty“ will Künstler und Immobilienbesitzer zusammenbringen.

Nicht ohne meine Kamera: Britta Mösinger dokumentiert Leerstand. Foto: Achim Zweygarth
Nicht ohne meine Kamera: Britta Mösinger dokumentiert Leerstand. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart – Das Kommunale Kino, die freie Tanz- und Theater-Szene, das Varieté, ein Nachfolger für die Röhre, der Club Kim Tim Jim: Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Das vor wenigen Tagen verkündete Ende der Filmgalerie 451 zeigt, dass es in Stuttgart in Sachen Kultur vor allem an einem fehlt – an geeignetem Raum.

Dabei verfügt die Stadt doch eigentlich über genügend Leerstand, wie etwa Britta Mösinger findet. Wenn die 34-Jährige durch Stuttgart läuft, hat sie die Kamera immer griffbereit. Die Kulturschaffende betreibt mit „Leerstand Stuttgart“ eine der meistdiskutierten Facebook-Seiten der Stadt mit derzeit mehr als 600 Likes. Dabei lichtet Mösinger keine grimmig dreinschauenden Katzen ab, die ansonsten bei Facebook sehr beliebt sind. Die Diplombetriebswirtin, die im Eventmanagement tätig ist, fotografiert leer stehende Gebäude.

Die Facebook-Seite Leerstand Stuttgart ist sehr erfolgreich

„Da ich kein Auto habe, laufe ich viel durch die Innenstadt. Einerseits fällt man da fast an jeder Ecke in eine Baustelle, andererseits springt einem der Leerstand beinahe überall ins Auge“, so Mösinger. Die Themen Leerstand, fehlender Wohnraum und fehlende Spielwiesen für die Kreativ-Szene seien derzeit omnipräsent: „Jedes Gespräch landet spätestens nach einer halben Stunde bei den folgenden Fragen: Wo wohnst du, was kostet deine Wohnung, wie lange hast du gesucht?“, so Mösinger.

Mit ihrer Seite hat sie den Nerv der Zeit getroffen. Bereits nach einer Woche hatte ihre Facebook-Seite 500 Gefällt-mir-Angaben. Momentan zeigt Britta Mösinger an die 30 leer stehende Objekte auf ihrer Seite, rund 20 weitere habe sie noch im Kopf. „Es geht uns darum, den Leerstand abzubilden, die Leute wachzurütteln und vielleicht ein bisschen Druck aufzubauen auf die Stadtverwaltung. Warum sollte man einige der leer stehenden Gebäude nicht umwidmen können in Raum für Kultur?“


LEERstand in STUTTGART auf einer größeren Karte anzeigen

Die Initiative Plenty Empty will zur Zwischennutzung anregen

Dabei ist Mösinger nicht die einzige, die etwas gegen den Stuttgarter Leerstand unternehmen möchte. Schon im vergangenen Jahr entstand eine Bewegung zur Selbsthilfe in Sachen Zwischennutzung. Inspiriert von Projekten wie Utopia Parkway in der inzwischen abgerissenen Marienpassage, schloss sich eine Gruppe von sechs Stuttgarter Kunstschaffenden zur Initiative Plenty Empty zusammen. Die Idee: Besitzer bieten ihre temporär leer stehenden Räumlichkeiten für eine kulturelle Zwischennutzung an. So soll dringend benötigter Raum für Theater, Kunstausstellungen oder Performances entstehen. Die Seite sollte im Juni online gehen; wegen einiger Verzögerungen ist jetzt der Herbst angepeilt. „Die Website ist schon fertig“, sagt Anja Abele, eine der Initiatorinnen. Derzeit stehe man noch in Verhandlungen mit einem Sponsor für die Auftaktveranstaltung, eine Ausstellung.

Die Seite „Leerstand Stuttgart“ sehen die Plenty-Empty-Macher als Ergänzung zu den eigenen Plänen. „Ich laufe auch durch die Schwabstraße und sehe fünf leer stehende Läden. Aber am aufwendigsten ist doch, den Besitzer ausfindig zu machen. Außerdem weiß ich gar nicht, ob der eine Zwischennutzung wünscht“, sagt Anja Abele, die in Stuttgart Kunsterziehung und Intermediales Gestalten studiert hat und sich in ihren Arbeiten vor allem mit dem Thema öffentlicher Raum auseinandersetzt. Wenn, wie bei Plenty Empty vorgesehen, die Besitzer selbst ihre Räume anbieten würden, „ist die schwierigste Hürde genommen“, glaubt die Künstlerin. Dass es genügend Räumlichkeiten für solche kurzzeitigen Projekte gibt, davon sind die Plenty-Empty-Macher überzeugt. Allein: Besitzer und Interessent seien bisher nicht zusammengekommen.

Sind Leerstand und Zwischennutzung derzeit die großen Themen in der Stuttgarter Kunst- und Kulturszene? „Die Leute sind sensibilisiert. Es gibt den Trend zur Zwischennutzung“, hat Abele beobachtet, „vielleicht ist auch die Szene größer geworden, die zwischennutzen will – zum Beispiel Künstler, die noch nicht groß genug sind, um in eine Galerie reinzukommen“.

Wirtschaftsförderung hat Leerstandsmanagement eingeführt

Auch bei der Stadt Stuttgart ist ein Bemühen zu erkennen, Flächen zur Zwischennutzung auszuweisen. Vor einem Jahr hat die Wirtschaftsförderung das Leerstands- und Zwischennutzungsmanagement eingeführt. Während der ersten zwölf Monate kamen laut Wirtschaftsförderung rund 100 Anfragen zu leer stehenden Objekten. Neben der Raum- und Kontaktvermittlung versucht das Angebot, die Kreativen im Genehmigungsverfahren zu begleiten. „Alle am Thema Zwischennutzung beteiligten Fachämter tauschen sich seit Oktober 2012 kontinuierlich zu aktuellen Vorhaben aus und unterstützen kreative Ideen“, sagt Ines Aufrecht, die Leiterin der Wirtschaftsförderung. Aktuell habe man das Kulturprojekt Ebene 0 im Züblinparkhaus begleitet, das laut Aufrecht „zur Quartiersbelebung zwischen Bohnen- und Leonhardsviertel beiträgt“.

Britta Mösinger geht die Initiative der Stadt noch nicht weit genug. Sie fotografiert weiter für ihre Facebook-Seite, um die Ausmaße des Leerstandes zu dokumentieren. „Im Stuttgarter Kessel gibt es nun mal keinen Platz, weiter zu wachsen. Wieso also nicht den vorhandenen Leerstand nutzen?“ Vielleicht lasse sich die leidige Suche nach Raum für Kultur so ja verkürzen.




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