Die Ursache des jüngsten Legionellenausbruchs ist weitgehend geklärt: Die Quelle für das umfangreiche Infektionsgeschehen ist eine Verdunstungskühlanlage in der Innenstadt. Am 4. August war der erste Krankheitsfall aufgetreten. Dass es sich um den Beginn einer Serie handelte, wurde im September ersichtlich, als die Zahlen deutlich stiegen. Bis Oktober wurden 39 Personen mit einer Legionellen-Infektion gezählt, 35 mussten stationär ins Krankenhaus.
Auch Werner R. Der 65-Jährige, der im Stuttgarter Süden lebt, hatte Symptome wie bei einer Grippe. „Mir ging’s nicht gut. Ich war ziemlich kaputt und hatte Gleichgewichtsstörungen, dass ich in der Wohnung sogar gestolpert bin“, erzählt er. Anfang Oktober ging er zum Hausarzt, der ihn, weil die Blutwerte „ganz schlecht“ ausfielen, mit Verdacht auf Legionellose ins Marienhospital schickte. Die Befürchtung bestätigte sich. Werner R. erhielt ein Antibiotikum, fünf Tage lang musste er in der Klinik und danach noch zwei Wochen daheim bleiben. Einer der Betroffenen lag 19 Tage im Krankenhaus. „Jetzt geht es mir wieder sehr gut“, sagt der Genesene. „Gut, dass das so schnell erkannt worden ist.“
Am 21. September hatte das Gesundheitsamt die Öffentlichkeit über die ungewöhnlich vielen Legionellen-Fälle in den Bezirken Mitte, Süd und West informiert. Menschen mit Erkältungs- und Grippesymptomen wurden aufgefordert, zum Hausarzt zu gehen. Am 14. September war die Ärzteschaft über die Entwicklung unterrichtet worden. Zu dieser Zeit hatte man die Quelle der Krankheitsfälle noch nicht ausgemacht. Man nahm aber an, dass die Infektionen „auf eine sogenannte Verdunstungskühlanlage zurückzuführen ist“. Zuvor hatten Dutzende Proben aus Hausinstallationen, Freibädern, Arbeitsstätten und Springbrunnen nur negative Ergebnisse erbracht. Ein Wettlauf mit der Zeit.
„Wir haben Glück gehabt, dass es keinen Todesfall gab“, sagt Florian Hölzl, der stellvertretende Leiter des städtischen Gesundheitsamtes. Günstig für die Ursachenforschung war, dass der Gesetzgeber 2018, als Reaktion auf einige schwere Legionellenausbrüche für derartige Kühl- und Klimaanlagen eine Meldepflicht und Kontrollvorgaben erlassen hatte. In Ulm waren Anfang 2010 zusammen 65 Menschen erkrankt, sechs starben. Wahrstein im Sauerland, August 2013: Insgesamt 165 Personen waren von der bakteriellen Infektion betroffen, drei Patienten starben. Zu weiteren Ausbrüchen kam es 2015 in Jülich und Bremen. Die Bilanz: 308 teils schwer Erkrankte, 13 Verstorbene. Die Liste ließe sich leicht verlängern.
So konnte das Gesundheitsamt in Stuttgart die Betreiber von 69 registrierten Anlagen in den drei betroffenen Bezirken auffordern, unverzüglich Prüfberichte vorzulegen. Am 13. Oktober wurde eine der Anlagen auf einem Gebäude im City-Ring abgeschaltet. Danach sanken die Infektionszahlen schnell. Noch sind die Untersuchungen, etwa der Abgleich der Erregerstämme, nicht abgeschlossen. Angesichts von 22 ermittelten Fällen sagt Florian Hölzl aber, die Anlage sei „sehr wahrscheinlich“ für den Ausbruch in Gänze verantwortlich. In oder um das betreffende Gebäude wohnen oder arbeiten die Infizierten, manche waren dort auch nur einkaufen. Alle wurden sie von der Aerosol-Wolke, die stetig aus der Verdunstungskühlanlage auf dem Dach mit hoher Legionellenbelastung austrat, erfasst und atmeten die gefährlichen Erreger auf diese Weise ein.
Die rechtliche Bewertung des Vorgangs steht noch bevor. Möglicherweise wird der Ausbruch für den Betreiber der Anlage juristische Folgen haben. Die Frage ist, ob er seinen Prüfpflichten nachgekommen ist. Diese seien durchaus „anspruchsvoll“, sagt Andreas Neft, der Leiter des städtischen Umweltamtes. Alle zwei Wochen müsse ein Schnelltest, der sich auf Keime allgemein richtet, gemacht werden, der selbst vorgenommen werden kann. Solche Anlagen müssten aber auch mit Labortests „alle drei Monate auf Legionellen untersucht werden“. Von 100 Keimen pro 100 Milliliter an muss die Entwicklung beobachtet und erste Maßnahmen müssen ergriffen werden, bei 1000 Keimen weitere. Dazu gehört der Einsatz eines Biozids. Wird der „Maßnahmenwert“ von 10 000 Keimen überschritten, muss der Betreiber unverzüglich das zuständige Amt informieren und „sofort Gegenmaßnahmen“ einleiten, sagt Neft. Bei Missachtung oder Verletzung der Vorgaben begehen die Betreiber eine Ordnungswidrigkeit oder sogar einen strafrechtlichen Verstoß.
Derzeit könne man über rechtliche Konsequenzen noch keine Aussage machen, sagt Neft. Im Falle des Ulmern Legionellenausbruchs, bei dem aus einem im Probebetrieb laufenden Rückkühlwerk zur Klimatisierung eines Telekomgebäudes in der Innenstadt wochenlang Aerosol-Wolken austraten, nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf, stellte diese später aber ein.
Angeregt durch den jüngsten Legionellenausbruch will das Umweltamt nun klären, ob es in der Stadt nicht auch noch unangemeldete Verdunstungskühlanlagen gibt. Derzeit seien im Stadtgebiet 143 Arbeitsstätten gemeldet mit solchen Einrichtungen, die häufig mehrere Verdunstungskühlanlagen betrieben. „Es würde mich nicht überraschen, wenn nicht alle Anlagen registriert wären“, sagt Amtsleiter Andreas Neft.
Um das herauszukriegen, will das Umweltamt mit der Universität Stuttgart Luftbilder auswerten. Da die Kühlanlagen an Aufbauten auf den Dächern erkennbar sind, lassen sich unangemeldete Geräte durch einen Abgleich mit dem Melderegister erkennen. Hölzl betont, man müsse dafür sorgen, dass solche Ausbrüche nicht mehr vorkommen. Den Betreibern müsse man klarmachen, „welche Verantwortung sie haben“.
Bei fünf bis zehn Prozent der Patienten tödlich
Bakterien
Legionellen sind stäbchenförmiger Bakterien, die natürlicherweise in geringen Konzentrationen in Oberflächengewässern, im Grundwasser und im Boden vorkommen. Es gibt mehr als 50 verschiedene Legionellenarten mit mehr als 80 Untergruppen. Einige dieser Unterarten können beim Menschen Erkrankungen auslösen, wenn legionellenhaltige Aerosole eingeatmet werden. Legionellen vermehren sich am besten bei Temperaturen zwischen 25 und 45 Grad Celsius. Diese Bedingungen finden sie etwa in Klimaanlagen, Verdunstungskühlanlagen und Naturzugkühltürmen sowie Nassabscheidern vor, aber auch in Hauswasserinstallationen.
Übertragung
Legionellen werden häufig beim Duschen übertragen, weil die Duschköpfe das keimhaltige Wasser versprühen und dieses so eingeatmet werden kann. Das kann zuhause vorkommen, vielfach bringen die Betroffenen eine Infektion aber auch aus dem Urlaub mit, etwa aus dortigen Hotelduschen. In Verdunstungskühlanlagen wird Abwärme etwa aus einem Kaufhaus oder einem Betrieb in Wasser aufgenommen und dann durch Luftzufuhr nach außen abgegeben. Es entsteht ein kontinuierlicher Strom von Wasserdampf, diese Aerosol-Wolken werden dann eingeatmet.
Erkrankung
Durch eine Legionellen-Infektion kann es zu schweren und sogar tödlichen Lungenentzündungen kommen. Risikogruppen sind ältere Menschen, Raucher sowie Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Von den 39 Stuttgarter Infektionsfällen waren 30 Personen 50 Jahre oder älter. 17 Personen hatten mindestens eine Vorerkrankung wie Diabetes oder eine Herz-Lungen-Erkrankung. Männer erkranken laut Statistik zwei- bis dreimal so häufig wie Frauen. Bei etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten verläuft die Erkrankung tödlich.