Stuttgart - Am 8. September hat Nina Vischer eine Mail bekommen. Das Kultusministerium schrieb die 25-Jährige an und forderte sie auf, sich bis Ende September zu entscheiden, in welchen zwei Unterrichtsfächern sie ab Februar im Referendariat zur Lehrerin an Hauptschulen, Werkrealschulen und Realschulen ausgebildet werden möchte. Das Problem: Studiert hat die Mönsheimerin drei Fächer, nämlich Geschichte, Deutsch und evangelische Religion. Warum sie aber künftig nur zwei Fächer unterrichten dürfen soll, obwohl allenthalben über Lehrermangel geklagt werde, das mag der Studentin partout nicht einleuchten.
Die Fokussierung auf zwei Fächer soll Lehrer stärken
Mussten diese Lehramtsstudenten bisher ein Hauptfach und zwei Nebenfächer belegen, um später an einer Haupt- oder Realschule zu unterrichten, sah die neue Prüfungsordnung für die Bachelor- und Masterstudiengänge nur noch das Studium von zwei Fächern vor. Das Ziel sei es gewesen, erklärt eine Sprecherin des Kultusministeriums, „die Qualifikation einer Lehrkraft in einem Fach deutlich“ zu verbessern. Zudem habe man Raum schaffen wollen für das Studium wichtiger Querschnittsthemen wie etwa Inklusion, Elternarbeit oder Medienkompetenz.
Entsprechend habe man auch das Referendariat umgestellt, die angehenden Haupt- und Realschullehrer werden ab Frühjahr 2021 nur noch in zwei Unterrichtsfächern ausgebildet. Damit beträgt die Übergangszeit vom einen auf das andere Studiensystem sechs Jahre. Zuletzt konnte man sich zum Sommersemester 2015 nach der alten Prüfungsordnung an einer Pädagogischen Hochschule einschreiben. Wer also zwölf Semester oder länger für das auf acht Semester angelegte Studium gebraucht hat, muss für sein Referendariat auf eines der Nebenfächer verzichten.
GEW: Ohne Not bleiben vorhandene Kompetenzen ungenutzt
Dagegen regt sich zwar Protest, aber ein Entrüstungssturm ist es nicht gerade. 1500 Unterstützer hat eine Petition ans Kultusministerium gefunden. Außerdem haben sich 72 Betroffene mit einem Brief direkt an Susanne Eisenmann (CDU) gewandt. Die schärfste Kritik kommt von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft: Schon jetzt fehle es vor allem in den sogenannten kleinen Fächern wie Kunst, Musik und Sport an qualifizierten Lehrern. Das Problem habe sich nicht zuletzt verschärft durch die veränderte Prüfungsordnung und den Verzicht einer Ausbildung in einem dritten Fach. Ohne Not würden vorhandene Kompetenzen nicht genutzt. Bei der GEW versteht man nicht, warum man die letzten 540 Betroffenen nicht einfach ihr Referendariat in ihren drei Fächern machen lässt.
Ministerium: Sechs Jahre Übergangszeit sollten reichen
Weil alles seine Zeit hat, so sieht man das im Ministerium: Betroffen seien ausschließlich Langzeitstudenten, darunter auch solche, die schon im 15. oder 16. Semester seien, teilweise aber noch nicht mal angemeldet seien zur Ersten Staatsprüfung. Wer so viel länger als vorgesehen studiere, der müsse eben mit dem Risiko leben, „dass sich Aktualisierungen und Änderungen ergeben“, sagt die Sprecherin – zumal der Übergang vom Staatsexamen zum Bachelor-Master-System schon seit sechs Jahren bekannt und die Übergangszeit damit „sehr großzügig bemessen“ gewesen sei. Dass in der Konsequenz auch das Referendariat angepasst werden würde, sei insofern keine Überraschung.
Betroffene können die Lehrerlaubnis später noch erwerben
Für Nina Vischer war es das doch. „Natürlich wussten wir, dass die Prüfungsordnung geändert wurde“, sagt die 25-Jährige, aber es sei niemand bewusst gewesen, dass dies Auswirkungen auf ihr Referendariat haben würde; das sei auch an der Hochschule nicht kommuniziert worden. Vischer hat im Oktober 2014 begonnen an der PH Ludwigsburg zu studieren. Damals war die junge Frau schon Mutter einer kleinen Tochter. Als Alleinerziehende „war es mir einfach nicht möglich, schneller mit dem Studium fertig zu werden“.
Das Studium des dritten Faches soll nicht für die Katz sein. Man werde für die noch verbleibenden Absolventen mit einem dritten studierten Fach die Möglichkeit schaffen, nach ihrer Einstellung in den Schuldienst die Lehrbefähigung für ihr zuvor abgewähltes Nebenfach nachträglich zu erwerben, verspricht das Kultusministerium. Wie diese Möglichkeit genau aussehen soll, ist noch offen, soll bis zum Frühjahr aber klar sein – und dann auch unbefristet bestehen. Die Aussicht, als Junglehrerin quasi nebenher immer noch in der Ausbildung zu stecken, tröstet Nina Vischer indes nicht. Wie soll das gehen, fragt sie sich. „Ich habe den Eindruck, das Kultusministerium weiß selber nicht, wo die Reise hingeht.“