Lehrerin aus Stuttgart über ihren Alltag Sie brennt für die Gemeinschaftsschule

Anna-Lena Göhner im Matheunterricht der fünften Klasse Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Anna-Lena Göhner hatte nach dem Referendariat die Wahl – und ging bewusst an eine Gemeinschaftsschule in Stuttgart. Sie mag die Herausforderungen, spürt aber auch die Belastung.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Wie geht man mit einem Schüler um, der länger unentschuldigt gefehlt hat – und plötzlich durch die Tür schlendert, als wäre nichts gewesen. Anna-Lena Göhner hält nichts davon, Schüler vor der Klasse zur Rede zu stellen. „Schön, dass du da bist“, würde sie in so einem Fall sagen. „Wenn du reden magst, bin ich da.“ Das funktioniere auch in anderen Situationen erstaunlich gut, hat die Lehrerin der Stuttgarter Schickhardt-Gemeinschaftsschule festgestellt. Meistens kommt der Schüler oder die Schülerin ein oder zwei Tage später auf sie zu, dann reden sie – im Vertrauen. Die 37-Jährige ist auch Beratungslehrerin an ihrer Schule.

 

In der „Frankfurter Allgemeinen“ hat vor zwei Jahren ein ausgebildeter Gymnasiallehrer seinen ernüchternden Alltag an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg geschildert. Er wollte kein Sozialarbeiter mehr sein, schrieb er. An wohl jeder Gemeinschaftsschule dürfte es Lehrkräfte geben, die dort nicht sein wollen. Die abgeordnet wurden, weil der Lehrermangel es nötig machte, und die frustriert sind, weil sie nie vorhatten, auch Kinder mit Hauptschulempfehlung zu unterrichten.

Die Bindung zu den Schülern sei enger bei ihnen als an anderen Regelschulen

Doch es gibt eben auch die anderen, die voll hinter der Idee dieser Schulart stehen. Anna-Lena Göhner gehört zu den „Freiwilligen“. Die ausgebildete Realschullehrerin hätte 2015 in Ludwigsburg an einer Halbtagsrealschule anfangen können. Die Direktorin wollte sie haben. Doch sie habe sich „ganz bewusst“ für die Gemeinschaftsschule entschieden. Bewusst für den Ganztag, für den ihr „Herz brennt“, weil er zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen kann. Bewusst für eine Schule mitten in Stuttgart, obwohl die Schülerschaft anspruchsvoller sein dürfte als auf dem Land. Was für sie damals besonders zählte: die Aussicht darauf, mitgestalten zu können.

Meist liege es gar nicht am Intellekt, wenn Kinder eine Hauptschulempfehlung haben, sondern an Sprachschwierigkeiten und sozialen Faktoren. Vielen fehlten Menschen, die an sie glauben. Die Bindung zu den Schülern sei bei ihnen enger. Ihr gefällt der bestärkende Ansatz. Es mache viel aus, ob man sage „Du kannst es nicht“ oder eben: „Du würdest es gut können. Was brauchst du, damit du es schaffst“? Sie findet es gut, Kindern Zeit zu geben, sich ohne Notendruck zu entwickeln. Sie habe Schüler, die es auch am Gymnasium schaffen könnten, denen es aber guttue, „nicht diesen Druck“ zu haben. „Wir haben Kinder, die würden woanders niemals so gut und entspannt durch ihre Schulzeit kommen wie bei uns“, ist sie überzeugt. Natürlich sitzen auch schwierige Schüler in ihren Klassen. Aber sie hatte schon im Referendariat gemerkt: „Mit den schwierigen Kindern kann ich total gut.“

Mit dem Lernen tat sie sich schon immer leicht – auch mit einem hohen Pensum

Anna-Lena Göhner ist die erste Akademikerin in ihrer Familie. Ihr Vater hatte eine Gärtnerei. Schon als Kind half sie im Blumenladen ihrer Mutter in einem kleinen Ort in der Nähe von Schwäbisch Hall. Das Studium finanzierte sie sich selbst, mit Bafög und Nebenjobs. Sie studierte in Heidelberg Mathematik, Geografie und Chemie auf Lehramt, machte noch einen Magister in Fachdidaktik, arbeitete nebenher halbtags. „Ich hatte schon immer viel Kapazität“, sagt sie. Es fällt ihr leicht zu lernen. Zweimal war sie in den USA – mehrere Monate nach dem Abitur und später als Austauschstudentin. Geografie unterrichtet sie heute deshalb auf Englisch im bilingualen Zug.

Sie sei mit „viel Idealismus“ an der Gemeinschaftsschule gestartet, erinnert sie sich an ihre Anfänge in Stuttgart. Sie habe gedacht, sie müsse jedes Kind retten. Sie träumte damals viel von der Schule. Es hat sie mitgenommen, als ein Schüler von der Schule flog. Dann verstand sie, dass es manchmal so sein muss, damit es weitergehen kann – nicht nur für das Kind.

Fast jede Pause führt sie Schülergespräche

Anna-Lena Göhner ist „ streng, aber klar“. Im Klassenzimmer setzt sie auf Regeln und Verlässlichkeit. „Wenn ich sage, es gibt Ärger, dann gibt es Ärger, wenn ich sage, es ist gut, ist es gut.“ Schreien muss sie zum Glück fast nie. Auch Strafen müsse sie nur selten aussprechen. Sie legt Wert auf ein ruhiges Klassenklima und bemüht sich gleichzeitig, selbst nicht zu viel zu sprechen, sich da zu bremsen. „Lehrer stört den Unterricht“, ist ein Spruch, den sie wichtig findet.

Fast jede Pause führe sie Gespräche mit Schülerinnen und Schülern. Wenn sie zum Beispiel merkt, dass ein Kind unruhig ist und auch andere stört, fragt sie nach: „Was kann ich tun, was brauchst du, damit du wieder arbeiten kannst? Was ist los, dass du nicht zur Ruhe kommst?“

Die Ganztagsschule lässt weniger Raum, um abzuschalten

Ihr Kollegium hat sich innerhalb der vergangenen sieben Jahre verdoppelt. Sie gehört nun zu den Altgedienten und ist Teil des Schulleitungsteams, kümmert sich unter anderen um die Weiterentwicklung des Ganztags. Ihr ist wichtig, dass die Kinder die Zeit, die sie in der Schule verbringen, dort auch „gut verbringen“, obwohl die räumlichen Gegebenheiten schwierig sind. Es gibt zum Beispiel zwei Standorte, zwischen denen sie mit ihrem E-Bike hin- und herpendelt.

Für Lehrkräfte sei der Ganztag mit viel Aufwand verbunden. „Man hat weniger Hohlstunden und damit weniger Zeit, um abzuschalten“, erklärt sie. Auch sie spürt die Belastung. Deshalb engagiere sie sich an ihrer Schule, um beizutragen, dass es besser wird. Eine Herausforderung sei die Inklusion, die bei der Schulart zum Konzept gehört. Es säßen viel mehr als drei Niveaus in einer Klasse. Anna-Lena Göhner hat sich 2022 nebenher in Sonderpädagogik fortgebildet, um auf die Erfordernisse der Kinder mit Behinderung besser eingehen zu können. Sie muss sich regelmäßig mit einer Sonderpädagogin besprechen, die wenige Stunden in der Woche mit in der Inklusionsklasse ist, in der sie unterrichtet. Die Zeit dafür ist in ihrem Deputat nicht vorgesehen. „Wenn es gut läuft, mache ich das mittags beim Kaffee, wenn es schlecht läuft, in meiner Freizeit.“

Nach einem Schultag braucht sie Ruhe, am Wochenende sehr viel Schlaf. Zum Ausgleich liest sie und macht Sport. Ihre Mutter war keine 60, als sie an Brustkrebs starb. Die Mutter sei eine Schafferin gewesen, habe sich zu wenig um sich gekümmert. „Es ist auch wichtig, dass es mir gut geht“, sagt sie.

Junge kommt zu spät in den Unterricht, weil er Geschwister in die Kita bringt

Ihre „beste Entscheidung“ sei gewesen, Beratungslehrerin geworden zu sein. Sie ist an der Gemeinschaftsschule und an einer Grundschule im Einsatz. Manche Kinder erlebten „schlimme Dinge“. Es gebe Kinder, die seien allein zu Hause in einem Alter, in dem man es nicht sein sollte. Auch mit wohlstandsverwahrlosten Kindern hat sie zu tun, die selbst dann nicht von ihren Eltern abgeholt werden, wenn man sie dazu auffordert, weil etwas vorgefallen ist.

Sie kennt Kinder, die Gewalt erfahren, und solche, die viel Verantwortung übernehmen. Sie hat einen Schüler gefragt, warum er immer zu spät in den Unterricht kommt. Da kam raus: Er bringt seine Geschwister zur Kita und die öffnet nicht früher.

Als Lehrerin kann man viel bewirken. Wie viel, zeigt sich oft erst später. Sie erinnert sich an eine unmotivierte Achtklässlerin, die eigentlich sehr fit war. Es war nicht einfach mit ihr. „Du könntest so gut sein“, habe sie dem Mädchen immer wieder gesagt. Die Schülerin legte zwei Jahre später einen „superguten Abschluss“ hin. Bei der Abschiedsfeier stand sie plötzlich vor ihr. Die Schülerin wollte ihr unbedingt etwas sagen: „Ich habe es endlich verstanden. Danke dafür, dass Sie es mir zugetraut haben.“

Umfrage zur Arbeitsbelastung an Gemeinschaftsschulen

Ergebnisse
Laut einer am Montag vorgestellten Umfrage des Landesverbands Bildung und Erziehung fühlt sich die Mehrheit der Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen stark belastet. Von den 734 Befragten antworteten 76,88 Prozent, dass ihre Arbeitsbelastung „sehr hoch und nahe an der Belastungsgrenze“ sei, weitere knapp 20 Prozent stuften sie als „hoch“ ein. Mehr als die Hälfte der Befragten überlegten, die Schulart deshalb zu wechseln. Der stellvertretende Landesvorsitzende des VBE , Dirk Lederle, fordert deshalb dringend Entlastung. Gemeinschaftsschullehrer seien „überproportional engagiert“. 62 Prozent der Befragten stehen der Studie zufolge voll hinter den Grundideen der Schulart.

Vorschläge
Am meisten wünschen sich die Befragten – wenig überraschend – mehr Personal an ihrer Schule, gefolgt von kleineren Klassen. Aber auch kleinere Stellschrauben würden etwas ausmachen, so Lederle. So sei in der Umfrage herausgekommen, in Sachen Lernentwicklungsberichte entlastet zu werden. Derzeit stehen zwei dieser Berichte an: zum Schuljahresende und zum Halbjahr. Letzteren, so der Wunsch, könnte man durch ein Protokoll des Gesprächs mit den Eltern zum aktuellen Lernstand ersetzen. Das würde die Mehrheit begrüßen.

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