Leistungskurs an der Gemeinschaftsschule Karaoke im Klassenzimmer

Lehrer Sascha Müller gibt Impulse, lässt die Schüler aber vor allem viel in Gruppen selbst erarbeiten. Foto: /Julian Rettig

Im Geschichtsleistungskurs an der Stuttgarter Schickhardt-Gemeinschaftsschule lernen Gymnasiasten und Gemeinschaftsschüler zusammen. Alle stehen kurz vorm Abitur. Merkt man, wer von welcher Schulart kommt? Und wie läuft der Unterricht ab?

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Knapp drei Monate noch bis zum schriftlichen Abitur: Aber Noah, Lilith, Ruben und ihre Mitschüler aus dem Geschichtsleistungskurs an der Schickhardt-Gemeinschaftsschule (GMS) wirken ganz entspannt. Sie diskutieren gerade angeregt an ihrer Tischgruppe über die Folgen der Ölkrise – erklären sich gegenseitig Begriffe wie Stagflation und Sockelarbeitslosigkeit und machen sich Notizen. Noah schreibt direkt in sein Tablet, Lilith in Schönschrift in ihren Block. „Ich gebe euch noch zwei Minuten“, sagt ihr Lehrer Sascha Müller. Dann sollen sie ihre Ergebnisse an der Tafel in eine Tabelle eintragen.

 

Dieser Leistungskurs ist besonders. Denn in ihm sitzen nicht nur Gemeinschaftsschüler, sondern auch angehende Abiturienten des Mörike- und des benachbarten Schickhardt-Gymnasiums. Die drei Schulen kooperieren in der Kursstufe, um den Schülerinnen und Schülern möglichst viele Leistungsfächer zu ermöglichen. Schüler der Gemeinschaftsschule können entsprechend auch Leistungskurse an den Gymnasien besuchen. Zwischen den Gymnasien gibt es jede Menge solcher Kooperationen. Doch auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinschaftsschule funktioniert offensichtlich wunderbar – das zeigt zumindest ein Blick in Müllers Unterricht. Dass hier Jugendliche zweier verschiedener Schularten eine Doppelstunde lang gemeinsam lernen, fällt jedenfalls nicht auf.

Kein Frontalunterricht – stattdessen Powerpoint-Karaoke

„Herr Müller macht keinen langweiligen Frontalunterricht“, wird einer der Jugendlichen später anerkennend sagen. Das zeigt auch dieser Tag, an dem sich die zehn Anwesenden bereits mit einer „Powerpoint-Karaoke“ auf die 1970er Jahre einstimmen durften. In den beiden Gruppen haben sie Kurzpräsentationen zu einzelnen Bildern gehalten, die ihr Lehrer („Sagt einfach, was euch thematisch dazu einfällt“) nacheinander ans Whiteboard geworfen hat. Lilith zum Beispiel hat über ein Gruppenbild anlässlich der Grünen-Gründung gesprochen, dabei auch auf den Kleidungsstil der Männer und Frauen hingewiesen und referiert, dass die neue Partei „für die Zivilgesellschaft und den Wertewandel“ stehe.

Die Zwölftklässlerin kommt vom evangelischen Mörike-Gymnasium. Ihr Nebensitzer Noah hingegen aus der Schickhardt-Gemeinschaftsschule. Ihre unterschiedliche Bildungsbiografie ist unwichtig. „Das hat noch nie eine Rolle gespielt“, sagt zumindest Noah. Auch leistungstechnisch, findet der 18-Jährige, „sind sie nicht besser oder schlechter“. Rein äußerlich ist nur ein einziger Schüler im Raum klar als Gymnasiast erkennbar: „Schickhardt-Gymnasium“ steht auf der Rückseite seines Pullovers.

„Kein Unterschied“ bei der Leistung

In den Tischgruppen, die an der Gemeinschaftsschule zum pädagogischen Konzept gehören, sitzen die Schüler komplett gemischt. Fünf der elf kommen vom Mörike, zwei vom Schickhardt-Gymnasium und vier von der GMS. Er habe Stärkere und Schwächere zusammengesetzt,damit sie sich gegenseitig unterstützen, erklärt Sascha Müller. Auch er sieht in seinem Kurs, was die Leistung angeht, „keinen Unterschied“ zwischen den Schularten. Die erste Leistungskursklausur, berichtet er, habe er extra anonym korrigiert. Das Ergebnis: Die beiden besten Arbeiten seien von einem Gemeinschaftsschüler und einem Gymnasiasten gewesen – genauso habe die Verteilung bei den beiden schlechtesten Arbeiten ausgesehen.

Auch von den Partnergymnasien habe man bezüglich der Leistung „positives Feedback bekommen, sagt Müller, der auch Abteilungsleiter Oberstufe der GMS ist. Das sieht er als Bestätigung. Bei ihnen seien auch ehemalige Gymnasiasten in der Kursstufe, denen von früheren Lehrern abgesprochen worden sei, jemals das Abitur zu schaffen – und Schüler, die vor einigen Jahren noch auf G-Niveau gelernt hatten. Bis sich der Schalter umlegte.

Die Schulzeiten sind noch nicht abgestimmt

Zurück in den Unterricht. Sascha Müller wirft ein Titelblatt des „Spiegel“ von 1973 an die elektronische Tafel. „Folge der Ölkrise: Ende der Überflußgesellschaft“, lautet die Schlagzeile. Was steckt hinter der Aussage? „Gerne in den Tischgruppen zuerst“, sagt Müller – und wieder wird eifrig diskutiert, bevor es zurück in die große Runde geht. Ein Schüler meint, dass die Zeitschrift offenbar durchaus etwas Positives aus der Krise gezogen habe, ein anderer legt das Augenmerk eher aufs Layout, das symbolisiere, wie hart und schnell der Bruch damals gewesen sei.

Birgt jede Krise auch eine Chance? Darum geht es zum Schluss der Einheit. Lena zum Beispiel sieht Krisen als „Herausforderungen“ an, aus denen man im Nachhinein etwas lernen kann. „Für die Zukunft kann man etwas verbessern“, sagt sie. Daniel sieht es hingegen anders: „Ich habe das Gefühl, die Menschheit lernt nicht dazu“, sagt er. Letztlich wiederholten sich die Krisen doch immer wieder. Sein Lehrer stimmt ihm zu: Auch wenn man das an der Uni nicht sagen dürfe, aber „in den Grundzügen“ wiederhole sich Geschichte. Dabei könnte man aus Krisen sicherlich etwas lernen. Doch warum passiere das nicht? Darum wird es erst einen Tag später gehen. Die Schulglocke läutet – und nun zeigt sich doch noch ein Unterschied zwischen den elf Jugendlichen: Die Gemeinschaftsschüler haben 20 Minuten Pause, die anderen 40 Minuten. Die Schulzeiten sind noch nicht aufeinander abgestimmt.

Der erste Abiturjahrgang

Jahrgang
Die Kursstufe II besuchen 27 Schülerinnen und Schüler an der Schickhardt-Gemeinschaftsschule. Sie sind quasi dabei, Schulgeschichte zu schreiben, da sie als erster Jahrgang an einer Gemeinschaftsschule in Stuttgart das Abitur ablegen. Alle 27 hätten sich von den Noten her qualifiziert, die Abiturprüfungen abzulegen, berichtet Sascha Müller, der auch Abteilungsleiter Oberstufe ist. Die Schülerzahlen in der Oberstufe sind seither stetig gewachsen.

Abitur
Das Fach Biologie macht in diesem Jahr wieder den Auftakt beim schriftlichen Abitur: Am 18. April steht die Prüfung an. In Geschichte ist es am 23. April so weit. Auch im vergangenen Jahr hatte Biologie den Auftakt gebildet. In diesem Jahr steht am 25. April das Deutsch-Abi an.

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