Leiterin der Städtischen Galerie Corinna Steimel hat noch was vor mit Böblingen

Böblingens Galerieleiterin Corinna Steimel steht im „Labor“ ihrer aktuellen Ausstellung über Drogen und Rauschzustände. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Seit zehn Jahren prägt Corinna Steimel die Städtische Galerie in Böblingen mit ihren Ausstellungen. Ihr aktuelles Projekt versetzt die Stadt in regelrechte Rauschzustände.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

In ihren drei Jahren als Mitarbeiterin der privat geführten Galerie Schlichtenmaier pendelte Corinna Steimel regelmäßig von ihrem Wohnort Stuttgart zum Schloss Dätzingen. Auf dem Weg dazwischen liegt mit Böblingen eine Stadt, deren Schönheit sich nicht unbedingt unmittelbar erschließt – vor allem nicht am Zentralen Omnibusbahnhof. Oder doch? Die damalige Mittdreißigerin sah offenbar etwas in dieser „Stadt im Aufbruch“, in der die Sonne durch das farbig verglaste Wartehäuschen am ZOB bunte Schatten wirft und sich ständig und überall etwas zu verändern scheint.

 

„Ach dieses Böblingen . . .“, habe sie sich da gedacht“, „ich glaube, das wird unterschätzt.“ Vielleicht hatte dieser Gedanke auch etwas damit zu tun, dass sie damals, vor mittlerweile rund elf Jahren, die Stellenausschreibung für die Leitung der Städtischen Galerie in der Zehntscheuer gesehen hatte. Die Jobbeschreibung passte perfekt. „Ich glaube, die suchen mich“, war deshalb ihr Gedanke, als sie sich nach verschiedenen beruflichen Stationen bei renommierten Auktionshäusern und privaten Galerien um die Nachfolge der langjährigen Böblinger Galerieleiterin Eva-Marina Froitzheim bewarb.

Konzept für erste Ausstellung überzeugt den Gemeinderat

Nur eine klitzekleiner, aber doch nicht so ganz unwichtiger Punkt fehlte in ihrem Lebenslauf: „Ich hatte so gut wie keine Erfahrung damit, eigene Ausstellungen zu machen“, sagt Corinna Steimel mit einem verschmitzten Lächeln. Lediglich ein einziges kuratorisches Projekt bei der Stuttgarter Off-Space-Galerie ak1 konnte sie vorweisen.

Offenbar spielte das aber keine so große Rolle. Den Böblinger Gemeinderat überzeugte sie jedenfalls mit ihrem Konzept für eine Ausstellung über ihr Dissertationsthema: das Postkoloniale in der Kunst. Am 1. Oktober 2013 trat sie ihren Dienst als Leiterin der Städtischen Galerie an. Rund ein halbes Jahr später, am 27. April 2014, eröffnete sie dort ihre erste Ausstellung. Getreu ihrem Auftrag nahm sie dafür als Ausgangspunkt ein Bild aus der städtischen Sammlung. Es war das in den 1930ern entstandene „Puppenparadies“ von Alice Haarburger.

„Vertraute Fremde“ hieß die Schau, in der es darum ging, wie südwestdeutsche Künstlerinnen und Künstler „das Fremde“ thematisierten, ohne selbst dort gewesen zu sein. „Es war die erste Ausstellung in Baden-Württemberg, die dieses Thema aufgegriffen hat. Heute ist Postkoloniale Kunst in aller Munde“, stellt Steimel fest.

Die Ausstellung kam gut an beim Böblinger Publikum. Am meisten überraschte das die Frau, die hinter all dem steckte: „Ich hätte nie gedacht, dass es so gut laufen würde“, sagt sie rückblickend. „Ich gebe immer alles, aber es ist jedes Mal eine schwere Geburt“, beschreibt sie den Prozess, eine Schau samt Katalog auf die Beine zu stellen. Davon kann sie mittlerweile eine Menge vorweisen, darunter eine Retrospektive mit Werken des Altdorfer Urgesteins Hans Bäurle und die viel beachtete „Klasse der Damen“.

Mit der jeder neuen Ausstellung kommen mehr Besucher

Sich selbst gegenüber sei sie dabei immer die schärfste Kritikerin. Deswegen zeigt die 46-Jährige sich auch jetzt wieder überrascht, auf welche Resonanz ihre aktuelle Ausstellung „Schall und Rau(s)ch“ mit ihrem üppigen Begleitprogramm stößt. Dieser Aspekt ihrer Arbeit mache sie stolz: „Bei jeder Ausstellung konnte ich bisher die vorherigen Besucherzahlen noch überbieten“, sagt sie.

Vor zehn Jahren, als Corinna Steimel noch an ihrer allerersten Ausstellung für die Städtische Galerie feilte, hatte die forsch-flinke „Neue“ mit dem kurzen Geduldsfaden allerdings noch so ihre Zweifel, ob der Wechsel von der Privatwirtschaft in die Verwaltung so eine gute Idee war. „Das war erst mal ein Schock“, beschreibt sie ihre Anfänge. Der neue Arbeitsplatz war, wie sie es augenzwinkernd beschreibt, „mit einer gewissen Entschleunigung“ verbunden.

In der freien Wirtschaft sei sie Termindruck und kurze Entscheidungswege gewohnt gewesen. Nun musste sie lernen, dass für Projekte auf einem Rathaus ein deutlich anderes Tempolimit gilt. „Ich musste mich in diese anderen Abläufe und Strukturen erst einmal einfinden“, sagt sie. Mittlerweile habe sie diese strukturierte Vorgehensweise aber durchaus zu schätzen gelernt. Dasselbe gilt für die Besonderheiten ihres Arbeitsplatzes. Den teilt sie sich nämlich mit der Kollegin Lea Wegner, der Leiterin des Deutschen Bauernkriegsmuseums. „Dafür gibt es ja die Museumskonzeption“, verweist Steimel auf entsprechende Planungen der Verwaltung, diesen beengten Dauerzustand eines Tages zu beenden. Aber dafür müsse man eben Geduld haben, meint sie. Bis sich an der Doppelbelegung der Zehntscheuer etwas ändert, setzt sie auf Zweckoptimismus. Schließlich könne das historische Museum ja auch Kunstinteresse wecken und umgekehrt. „Ich habe mir dafür ein ganz charmantes Wort ausgedacht“, sagt sie mit ihrem melodischen kurpfälzer Akzent und lächelt wieder dieses verschmitzte Lächeln: „Zweispartenmuseum Zehntscheuer“.

Rund 6000 Werke schlummern in der städtischen Sammlung

Noch bis zum 14. April läuft die „Schall und Rau(s)ch“-Ausstellung in der Städtischen Galerie. Auch danach wird Corinna Steimel nicht langweilig werden. Unter anderem plant sie einen Beitrag zum Bauernkriegsmuseum sowie Projekte mit Kunst im öffentlichen Raum. Außerdem gibt es da natürlich die Inventur der Städtischen Sammlung mit rund 6000 Werken. Wer weiß, welche Schätze sich hier noch verbergen. Eins macht Corinna Steimel jedenfalls schon jetzt klar: „Ich habe noch was vor mit Böblingen.“

Im Rahmen der „Schall und Rau(s)ch“-Ausstellung in der Städtischen Galerie findet am Sonntag, 10. März, um 15 Uhr ein Vortrag mit Felix Bächle, Sachverständiger Toxikologe beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg, statt. Dabei geht es insbesondere um „Crystal Meth“. Zudem ist am Mittwoch 13. März, um 18 Uhr der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt zu Gast. Im November 2023 hatte er den Ex-Radprofi Jan Ullrich zur Tour de France interviewt. Seppelt wird an diesem Abend Rede und Antwort zum Thema Doping im Sport stehen. Bei der Mittwoch-Veranstaltung wird um Anmeldung unter Telefon: 0 70 31 / 6 69 16  81 oder per E-Mail an steimel@boeblingen.de gebeten.

Böblingens Ausstellungsmacherin

Stationen
 Corinna Steimel kommt am 29. September 1977 in Bruchsal zur Welt. Weil sie im Kunsthandel arbeiten, zugleich aber auch immer kunstvermittelnd tätig sein will, studiert sie Anglistik, Kunstpädagogik und Kunstgeschichte in Heidelberg und Bristol. Schon während ihrer Studienzeit arbeitet sie bei Ketterer Kunst in München, einem von Deutschlands größten Auktionshäusern. Es folgen Tätigkeiten in Stuttgart beim Auktionshaus Nagel und später bei der Galerie Hollenbach. Parallel dazu ist sie in der Kunsthalle Göppingen als Kunstvermittlerin tätig. Ab dem Jahr 2010 arbeitet sie bei der Galerie Schlichtenmaier mit Sitz in Stuttgart und Grafenau.

Galerieleiterin
 Am 1. Oktober 2013 tritt Corinna Steimel in der Städtischen Galerie Böblingen die Nachfolge von Eva-Marina Froitzheim an, die zuvor fast 17 Jahre lang die Galerie geleitet hatte. Am 27. April 2014 eröffnet sie ihre erste Ausstellung mit dem Titel „Vertraute Fremde“.  

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