Leitkulturen-Debatte Was ist unser Vaterland?

Die ersten Grenzen fallen schon: Mit den Vereinigten Staaten von Europa könnte sich jeder identifizieren. Illustration: Friederike Groß
Die ersten Grenzen fallen schon: Mit den Vereinigten Staaten von Europa könnte sich jeder identifizieren. Illustration: Friederike Groß

Ein Europa jenseits der Nationalstaaten ist möglich. Die Nationen müssen sich dafür nur auf ihr gemeinsames Erbe besinnen.

Stuttgart - Es gibt keine europäische Geschichte. Es gibt aber auch keine deutsche Geschichte, keine französische, keine italienische. Eine solche Feststellung mag verwundern, denn wer beim Internetbuchhändler Amazon das Stichwort "Deutsche Geschichte" eingibt, erhält 466.468 Treffermeldungen. Zumindest die vorderen Plätze sind mit Büchern belegt, die behaupten, eine Nationalgeschichte des deutschen Volkes darzustellen. Manche davon geben sogar an, die Zeit von den Anfängen bis zur Gegenwart abzudecken.

Die Skepsis, dass sich auf einigen Hundert Seiten die deutsche Geschichte abhandeln ließe, gründet gar nicht auf der Vermutung, bei derlei knappem Umfang kämen wichtige Zusammenhänge zwangsläufig zu kurz. Die Überforderung liegt vielmehr darin, wirklich die deutsche Geschichte behandeln zu wollen, denn eine rein deutsche Geschichte gibt es nicht.

Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte?


Im neunzehnten Jahrhundert sah man das anders. Die nationale Identität wurde gerade aus der Nationalgeschichte abgeleitet. Völker waren Schicksalsgemeinschaften. Der Historiker Hagen Schulze hat 1995 in seinem klugen Buch "Staat und Nation in der europäischen Geschichte" den Anfängen eines Nationalbewusstseins nachgespürt und sie ausgerechnet im Mittelalter an der Universität von Paris ausgemacht, wo sich Studenten zu Landsmannschaften zusammenfanden. Einige Jahre zuvor hatte Schulze bereits in einem Essay gefragt: "Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte?" Er gelangte zu der Antwort: Vielleicht nicht; zumindest aber müsse man sie in einem europäischen Kontext sehen.

Im konservativen politischen Diskurs werden solche Antworten mit Schaudern zur Kenntnis genommen. In ihm treten Nationalstaaten und Nationalbewusstsein als kaum veränderliche Größen auf. Der auch in diesen Kreisen seit Ende des Zweiten Weltkrieges beliebte Bezug auf Europa verweist darum lediglich auf einen losen Gesamtrahmen, in dem sich die wahren, die nationalen Dramen abspielen. In einer solchen Interpretation werden die Konflikte, die besonders an der Peripherie der Nationalstaaten, also an ihren Grenzen, auftreten, auch weiterhin als Auseinandersetzung von Völkern um ihre Selbstbestimmung und Identität verstanden, wie zum Beispiel im Kosovo. In Wirklichkeit ringen in diesen Fällen aber nationale Erzählungen um die Deutungshoheit über die Geschichte. Das nämlich macht unsere Identität im Kern aus: dass wir für uns eine nationale Geschichtsinterpretation übernehmen, eine gemeinsame Erzählung, die Herkunft und Tradition so deuten, als wären sie auf einen Zweck hin ausgerichtet.




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