Lena Gorelik über das Stuttgarter Literaturfestival „Als die Zusage kam, habe ich laut geschrien“

Literatur am Puls der Zeit: Lena Gorelik Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth/Lichtgut/Achim Zweygarth

An diesem Donnerstag beginnt das erste Stuttgarter Literaturfestival. Die Schriftstellerin Lena Gorelik hat es kuratiert. Hier erklärt sie, welches Zeichen sie damit setzen möchte und wie man es schafft, einen Weltstar in die Stadt zu locken.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Eine Literatur, die eine unpolitische Gegenwelt inszeniert, ist legitim, aber nicht das, was Lena Gorelik interessiert. Das gilt für ihre Romane, und es gilt für das von ihr kuratierte Stuttgarter Literaturfestival.

 

Frau Gorelik, Sie haben das Stuttgarter Literaturfestival unter das Motto gestellt „Schreiben, während die Welt geschieht“. Auf welche Weise hat Literatur am Weltgeschehen teil?

Literatur zeigt uns, wo die wunden Punkte sind, sie erinnert an das Vergessene, führt uns vor Augen, wo wir stehen. Und sie kann große Begriffe in konkrete Geschichten übersetzen: Was bedeutet zum Beispiel Krieg für einzelne Personen, für eine Stadt, für eine Gegend, für die nachkommende Generation? Kurzum: Literatur dokumentiert, was in der Welt geschieht.

Dem stellen Sie das gegenüber, was in der Stadt geschieht. Wie vermitteln sich diese beiden Pole?

Das eine hängt mit dem anderen zusammen. 46 Prozent der Stuttgarter haben zum Beispiel einen migrantischen Hintergrund. Die Themen, die die Stadt bewegen, bewegen die Welt: Fluchterfahrungen, Gesellschaften, die sich divers strukturieren. Wie geht man damit um? Wie bekämpft man Rassismus? Was passiert auf politischer Ebene, wenn Menschen Angst vor einer Diversifizierung haben? Genauso, wenn es um Fragen der Nachhaltigkeit geht, der sozialen Spaltung, des Wohnraums oder des Bildungssystem – all das spiegelt sich in der Stadt wider.

Wie haben Sie bei der Vorbereitung das literarische Leben in der Stadt erlebt?

Ich habe mich ungeheuer gefreut zu sehen, wie viele Akteure sich hier auch jenseits der einschlägigen Institutionen für Literatur engagieren. Ob das Initiativen sind, die an den Schnittstellen zu anderen Bereichen arbeiten, Kunst, Musik, Theater. Die einen stellen etwas mit Kindern und Jugendlichen auf die Beine, andere lesen seheingeschränkten Menschen vor. Es gibt die unterschiedlichsten Einrichtungen, die unterschiedlichste Zielgruppen ansprechen. Das ist so eine große Vielfalt, die häufig gar nicht wahrgenommen wird oder hinter den repräsentativen Kulturtankern verschwindet.

Chimamanda Ngozi Adichie hält die Eröffnungsrede. Wie haben Sie es geschafft, sie nach Stuttgart zu locken?

Keine Ahnung. Ich wollte sie außerordentlich gerne haben, sie war die Eins auf meiner Wunschliste. Also schrieb ich ihr einen langen, sehr persönlichen Brief, in dem ich ihr mein Anliegen mit dem Festival geschildert habe und warum mir ihr Werk so am Herzen liegt. Dann vergingen viele Wochen, in denen ich nichts hörte. Eines Tages, als ich gerade beim Einkaufen war, kam plötzlich die Zusage. Ich habe so aufgeschrien, dass der halbe Laden auf mich zugestürzt kam.

Kann man den langen Brief in kurze Worte fassen?

Na ich habe ihr unter anderem einfach geschrieben, dass sie für mich eine der wichtigsten Stimmen unserer Zeit ist. Dass sie es geschafft hat, auf eine literarische Weise große Themen wie Rassismus, Feminismus, aber auch historische Ereignisse wie den Biafra-Krieg in Geschichten zu fassen. Und dass ihre Bücher mich so durchs Leben getragen haben, dass ihre Protagonistinnen zu meinen Freunden geworden sind. Das ist eine ganz große literarische Kunst. In jeder ihrer Zeilen spürt man, dass da jemand schreibt, dem die Welt nicht egal ist.

Gibt es einen roten Faden, der durch das umfangreiche Programm führt?

Ich habe versucht, das Panorama der Probleme, die uns gerade unter den Fingernägeln brennen, in literarische Formen zu übersetzen. Manches habe ich schon genannt, das tagesaktuelle Geschehen, Ukraine, Iran, die Nachwirkungen von Corona, der Klimawandel, aber auch die Diskurse um Erinnerungskultur: Wer darf erzählen? Und worauf hofft man in Zeiten wie diesen?

Die Welt liefert zurzeit keinen einfachen Stoff, das könnte eine ziemlich ernste Angelegenheit werden.

Wir können dem Ernst nicht entfliehen. Niemand von uns befindet sich in der Lage zu sagen, das habe alles nichts mit ihm oder ihr zu tun. Aber das Festival soll ein Ort sein, an dem man sich nicht mehr alleine damit fühlt, an dem man merkt, das Weltgeschehen beschäftigt auch andere Menschen. Daraus kann etwas entstehen, ein Gemeinschaftsgefühl, das der Schwere entgegen wirkt.

Wie haben Sie ausgewählt?

Ich bin thematisch vorgegangen. Es gibt zum Beispiel einen Abend zum Thema Gastarbeiterinnen, das lag in der Autostadt Stuttgart auf der Hand. Dann habe ich geschaut, was für Bücher dazu erschienen sind, das konnten auch solche sein, die schon älter sind. Der nächste Schritt war zu überlegen, mit wem, mit welchen Formen man das ergänzen kann. Um beim Thema Gastarbeiter zu bleiben: Birgit Weyhe hat dazu eine Graphic Novel gemacht, die das Thema aus DDR-Sicht aufgreift. Ich habe versucht, möglichst verschiedene Perspektiven hineinzunehmen.

Der Literaturbegriff ist im Festival-Programm sehr weit gefasst. Comic, Graffity, Voguing, eine Performance ist mit „radikale Körperstimmen“ überschrieben.

Das ist ja das Schöne an Literatur: Dass sie mehr kann als Romane. Es war mir ein Anliegen, auch Menschen anzusprechen, die sonst nicht zum gängigen Literaturhaus- und Theater-Publikum zählen. Wir arbeiten mit Dolmetscherinnen aus verschiedenen Sprachen, es gibt eine Veranstaltung in Einfacher Sprache. Und wir gehen an Orte, die vielleicht sonst nicht bespielt werden. Wir wollten wegkommen von der Vorstellung, ein Schriftsteller ist jemand, der ein dickes, unverständliches Buch geschrieben hat und mit Wasserglas vorne sitzt, um die Welt zu erklären.

Angenommen Sie könnten nur drei Veranstaltungen besuchen, welche wären das?

Ich habe keine Lieblingskinder, ich freue mich auf jede einzelne Veranstaltung, jedes Gespräch, all die Geschichten, Worte und Gedanken, die die Gäste mitbringen. Ich würde mir wünschen, dass die Leute sich auch auf das einlassen, was sie nicht kennen. Immer nur das Altbekannte bringt das eigene Denken und Verstehen nicht voran.

Literaturfestival Stuttgart vom 11. bis 21. Mai

Kuratorin
Als 11-Jährige kam die 1981 in St. Petersburg geborene Lena Gorelik in Ludwigsburg an, wo sie ihre Jugend verbrachte. Ihr Roman „Hochzeit in Jerusalem“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert, „Mehr Schwarz als Lila“ (2017) für den Deutschen Jugendbuchpreis. Zuletzt erschien der Roman „Wer wir sind“ (Rowohlt, 320 Seiten, 22 Euro). Darin erzählt sie die Geschichte ihrer Familie.

Festival
Vergleichbares gab es in der Stadt noch nicht. Zehn Tage lang steht Stuttgart ganz im Zeichen der Literatur. Dabei treffen Repräsentanten gegenwärtigen Schreibens auf vielfältigste Initiativen lokaler Akteure.

Programm
Am 11. Mai um 20 Uhr eröffnet die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie das Stuttgarter Literaturfestival mit einer eigens dafür geschriebenen Rede in der Stuttgarter Liederhalle. Zu den Gästen gehören Autorinnen und Autoren wie A.L.Kennedy, Terézia Mora, Antje Rávik Strubel, Max Czollek, Theresia Enzensberger. 24 ausgewählte Projekte zeigen bis zum 21. Mai einen Querschnitt des reichen literarischen Lebens in der Stadt, darunter Workshops, alle Arten von Lesungen an unterschiedlichsten Orten und am 13. Mai im Stuttgarter Literaturhaus der Markt der unabhängigen Verlage. Das gesamte Programm findet sich hier.

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