Der Plattenweg zum Pfitscher Joch ist ein schmaler Saumpfad auf einen Pass in 2246 Meter Höhe. Südlich dahinter liegt Südtirol – und eine Wand mit einer tollen Kletterroute. Zwei junge Frauen aus Innsbruck wollen dorthin und schieben vollgepackte Fahrräder über die Steine. Eine Schinderei. Oben am Joch warten dann auch noch Wolken mit Regen und Nebel.
Eine Szene, die aus der Zeit gefallen scheint. Aus der Zeit der Anfangsjahre des Alpinismus, als oft Männer der Arbeiterschicht oder des Arbeitslosenmilieus mit ihren klapprigen Fahrrädern aus dem tristen Alltag in die Berge zogen. Man weiß von berühmten Touren, zu denen erst mal Hunderte Kilometer Tret-Tortur gehörten.
Eine der beiden Frauen am Pfitscher Joch ist Lena Müller. Ein Film zeigt ihre Südtiroltour, der auch die Strapazen des Radfahrens nicht verhehlt. „Eigentlich bin ich gar nicht so die Radlerin“, sagt Lena Müller.
Die gesamte Route hat keine Bohrhaken
Eigentlich ist die 31-Jährige aus Tettnang im Allgäu Kletterin – und gleich eine sehr gute. Ihren Topnachweis lieferte sie an der Bürser Wand in Vorarlberg ab. Das ist eine 40 Meter hohe senkrechte fatzenglatte Platte, deren Struktur einer Raufasertapete gleicht. Nur ganz feine Risse bieten überhaupt eine Chance, da hinaufzukommen.
Das alles ist schon schwer genug. Aber die gesamte Route hat auch keine Bohrhaken. Sicherungen für das Seil muss man irgendwie im Riss unterbringen – und beten, dass sie bei einem Sturz nicht aus dem Fels gerissen werden. Die Route heißt nicht umsonst „Prinzip Hoffnung“.
Also: eine heikle Sache. Wie für alles im Klettern gibt es auch dafür eine Maßeinheit – die E-Skala. Steht für das englische „extreme severe“ und misst das eventuell tödliche Risiko, das man mit einem Sturz eingeht. E 11 ist bislang das Limit – und die Bürser Platte wird mit E 9/E 10 eingestuft.
So etwas meidet man ja lieber. Nach Beat Kammerlanders Erstbegehung im Jahr 2009 haben sich auch nur wenige in die brutale Steilwand gewagt – und noch weniger die Route dann auch bewältigt. Vier Frauen sind darunter. Lena Müller ist die erste Deutsche, die je diesen E-Grad geschafft hat.
Klettern ist sehr international geworden
Warum hat sie sich ausgerechnet diesen Psychoschocker ausgesucht? Die erstaunliche Antwort: „Weil man so gut mit dem Zug dahin kommt.“ Wer sich ein bisschen auskennt in der Szene, der weiß: Bevor Bizeps und Balance-Gefühl den Fels bezwingen, leistet der Gasfuß im Auto Schwerstarbeit. gerade bei schwersten Routen, für die man manchmal monatelang immer wieder anreist, bevor man sie dann endlich schafft.
Dazu kommt: Klettern ist sehr international geworden. Ob in den Schluchten des Balkans, französischen Canyons, norwegischen Riesendächern, britischen Klippen oder spanischen Sierras – die Klettergemeinde zieht unbegrenzt von Fels zu Fels.
Wer radelt mit zum Felsen?
Das hat auch Lena Müller gemacht und genossen, mit einem Campingbus. Aber sie hat auch zu studieren angefangen, sich in Innsbruck in Biologie, Ökologie und Klimaforschung eingearbeitet, gerade schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über die Folgen zunehmender Dürre für alpine Pflanzen.
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen machte ihr schnell klar: Unser Lebensstil treibt das Klima in immer höhere Wärmegrade. Die Folgen sieht sie auch als Kletterin, wenn etwa der Wald auf den Felsköpfen von Arco brennt und Routen gesperrt werden müssen, weil auch Sicherungen geschädigt sind. „Irgendwann hat sich das für mich nicht mehr stimmig angefühlt – an Klimastreiks teilzunehmen, aber selbst ständig mit meinem Schiff zum Klettern zu fahren.“
Da gab sie ihren Campingbus weg und stieg aufs Fahrrad um. Sagt sich so leicht, war aber ein Schritt, der ihr am Anfang Sorgen machte: „Ich hatte Angst, dass ich nur noch in die Kletterhalle kann.“ Denn Klettern ist kein Einzelsport. Aber Leute zu finden, die mit einem auf lange Touren radeln, war zunächst nicht so einfach. Ihr Freund zog mit, eine Freundin, und dann fand sie immer mehr Gleichgesinnte.
Auf manches legendäre Klettergebiet verzichtet sie
So wurde sie Pendlerin zur Bürser Platte, fuhr jeden Tag stundenlang Zug: „Klar, wenn man da das Crashpad (eine Riesenmatte) mitnimmt, macht man sich schon mal unbeliebt.“ Entspannt sei die Reise per Bahn gewesen, und auf dem Rad nehme man unterwegs so viel mehr auf: „Mit dem Auto wirst du doch nur an den Felsen ausgespuckt.“
Manchmal tut es schon weh, dass sie – weil sie aus Prinzip nicht mehr fliegt – auf legendäre Klettergebiete wie Indian Creek in den USA verzichten muss. Aber sie hat ja jetzt auch andere (Klima-)Ziele: „Wenn wir bei uns selber beginnen, würden wir einen Wandel bewirken und alles verändern“, sagt Lena Müller. Dafür engagiert sie sich in Vorträgen und Veröffentlichungen. Längst ist sie über den Status der exotischen Pendlerin hinaus. Die Medienanfragen häufen sich, selbst in den USA interessieren sich Journalisten für ihren Weg.
Mittlerweile hat sie damit auch beruflich in Isny und Tettnang angedockt. Dort arbeitet sie seit Kurzem als Projektmanagerin für die Albrecht-von-Dewitz-Stiftung. Finanziert wird sie über Gewinnausschüttungen der Bergsportunternehmen Vaude in Tettnang und Edelrid in Isny. Eines der Ziele ist es, nachhaltigen, ökologischen Bergsport zu fördern. Lena Müller hat die Stiftung zuerst als Mitarbeiterin in zwei Projekten kennengelernt. Das eine ist ein Büchlein, in dem sie mit einer Biologin auflistet, wie man mit Bus, Bahn und Rad zu Tiroler Felsen kommt.
Faire Anreise
Außerdem engagiert sie sich, mit Unterstützung der Stiftung, im digitalen Projekt „Ecopoint“ – angelehnt an Redpoint, der Kletterethik, die faires Durchsteigen einer Wand fordert: Haken sind zum Sichern da – und nicht, um sich daran hochzuziehen.
„Ecopoint“ überträgt dies jetzt auf die Anreise mit fairen Mitteln – also zu Fuß, per Rad oder (kleiner Kompromiss) den nicht komplett emissionsfreien Bussen und Bahnen. „Ecopoint“ sammelt die Erfahrungen von Alpinisten in ganz Europa, da ist Wales inzwischen ebenso vertreten wie Griechenland oder die Schwäbische Alb.
Vor allem aber kann Lena Müller jetzt selber Einfluss nehmen und Projekte mit Kindern und Jugendlichen unterstützen: „Das sind große Stellschrauben. Dort kann man ein Gespür für den nachhaltigen Umgang mit der Natur mitgeben.“ Mit diesem Job sei sie jetzt am richtigen Platz – nicht mit einer weiteren Arbeit an der Universität: „Ich sehe meine Lebensplanung nicht darin, Grundlagenforschung zu machen. Fakten haben wir genug. Wir müssen ins Handeln kommen.“
Die übliche Portion Hasskommentare
Lena Müller hat eine Mission, aber sie will nicht missionieren. Anders als Greta Thunberg, die ja schon mal mit alttestamentarischem Zorn wüten kann, bleibt Lena Müller konziliant, gesteht sich auch das E-Bike oder zur Not mal das E-Auto zu. Aber das ändert nichts daran, dass sie die übliche Portion Hasskommentare abbekommt, gerne auch mit sexistischen Angriffen garniert. Hat ihr schon zu schaffen gemacht.
Und wie geht sie damit um, vor Alpenvereinlern zu sprechen, die nach wie vor meist mit dem Auto in die Berge fahren? Da muss sie lachen. Die Frage werde ihr immer gestellt: „Der Weg muss von innen kommen. Ich möchte die Leute inspirieren, diesen Weg zu finden, sie sollen ja Freude dabei haben. Und ich bin überzeugt: Der Weg lohnt sich.“