Einen solchen Aufruhr hat es im voll besetzten Großen Sitzungssaal des Leonberger Rathauses wohl selten gegeben. Auf der einen Seite ein wohlgefülltes Podium mit acht fachlich hoch versierten Vertreterinnen und Vertretern von Stadtplanungsamt, Stadtentwicklung, Tiefbauamt, dem Referat Innovative und intermodale Mobilität, dem Projektentwickler und dem Architekten des geplanten neuen Wohngebiets am Unteren Schützenrain, parallel zur Landesstraße nach Ditzingen.
Ihnen gegenüber zahlreiche aufgebrachte Anwohner des gewachsenen Wohngebietes rund um Herderstraße, Goethestraße und Unterer Schützenrain, durch das die Zufahrt zum neuen Baugebiet erfolgen soll. Aufreger Nummer eins an diesem Informationsabend ist zunächst aber gar nicht das Bauvorhaben, sondern die Tatsache, dass von der Rathausspitze niemand anwesend ist. Baubürgermeister Klaus Brenner musste sich krankheitshalber entschuldigen und Oberbürgermeister Martin Georg Cohn konnte terminlich nicht einspringen. Die Anwohner monieren das „Kasperltheater“, es müsse bei einer solchen Veranstaltung der Baubürgermeister anwesend sein oder der OB, die Veranstaltung steht kurz vor dem Abbruch. Erst als die persönliche Referentin des OB, Silke Holzbog, eine weitere Veranstaltung mit der Verwaltungsspitze zusagt, beruhigen sich die Gemüter und die Fachleute können trotz zahlreicher Zwischenrufe sachlich über den aktuellen Stand informieren und die Bürger ihre Gegenargumente einbringen.
Leonberg braucht Wohnraum
Worum geht es? Leonberg braucht Wohnraum. Bereits 2019 wurden deshalb verschiedene Standorte diskutiert, darunter zuletzt Hasensaul, Berliner Straße und Unterer Schützenrain, wobei vom Gemeinderat für die beiden letzteren gestimmt wurde. 2020 wurde ein Investorenauswahlverfahren für den Schützenrain beschlossen. Der Siegerentwurf liegt jetzt vor. Dort sollen auf einer Fläche von 0,8 Hektar Reihenhäuser und Wohnungen, eine vierzügige Kita und eine Seniorenwohngemeinschaft entstehen.
Ziel ist es, neuen, auch bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Vorteile des Standortes sind die Lage am Ortsrand mit guter Erreichbarkeit der Innenstadt, die gute Verkehrsanbindung und dass das Gelände schon im Planungsstadium weitgehend im städtischen Besitz war. „Vorgabe für den Architektenwettbewerb war eine behutsame ökologische Einbindung des Baukörpers in den Ortsrand“, wie Anja Siegel erläutert, die für das Bebauungsplanverfahren zuständig ist.
Deshalb liegt die Neubebauung außerhalb der vorhandenen Biotope, die Häuser wurden um erhaltenswerte Bäume herum geplant, viele Grünflächen sind vorgesehen. Hauptargumente der Anlieger gegen das Bauvorhaben sind die ökologisch wertvolle Landschaft und die Verkehrssituation. Beides kann von den Fachleuten durch aktuelle Gutachten entkräftet werden. Rodungen sollen demnach nur im Winterhalbjahr erfolgen, Haselmaus, Zauneidechse und Feuerfalter wurden nicht vorgefunden, es gibt allerdings Brutreviere von Staren und Gartenrotschwanz. Dazu erfolgt im Planungsverlauf eine Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde. Es gibt zwei erhaltenswerte Bäume, aber keine nach der Baumsatzung so genannte schützenswerte Bäume. Ziel der Verwaltung ist aber, möglichst viele Bäume zu erhalten oder nachzupflanzen.
Direkt vor der eigenen Haustür ein neues Wohngebiet und noch dazu eine Kita? Das, so die Ängste der Anwohner, bringt deutlich mehr Verkehr in ein Gebiet, das nach aktuellem Stand nur über enge und teils steile Straßen erschlossen werden soll. Das betrifft den täglichen Pendelverkehr der Anwohner, aber vor allem auch den vermutlich entstehenden Elterntaxiverkehr zur geplanten Kita. Über 500 tägliche Fahrten werden geschätzt, deutlich mehr als heute. Laut Verkehrsgutachten kein Problem, erläutert Jens Schneider vom Referat Innovative Mobilität, danach sei kein unzumutbarer Lärm zu erwarten, Grenzwerte würden nicht überschritten, zudem könnten die angrenzenden Wohnstraßen den Verkehr aufnehmen, es komme zu keiner Überlastung, Äußerungen, die im Publikum für Entrüstung sorgen und eine Welle von Schilderungen über die bereits jetzt für die Anwohner schwierige Verkehrs- und Parksituation auslösen. Bezweifelt wird, dass schon in der Bauphase eine geregelte Zufahrt überhaupt möglich sei. Laut Gutachten muss der Untere Schützenrain allerdings an einer Engstelle auf eine regelkonforme Breite von fünf Metern gebracht werden, ansonsten ist eine Breite von 7,50 Meter möglich – und zwei Wendemöglichkeiten müssen eingeplant werden. Eine Zufahrt in das neue Wohngebiet von der Feuerbacher Straße ist ausgeschlossen, da es sich um eine Landesstraße handelt. Das bringt kreative Lösungsvorschläge hervor, wie der einer Anwohnerin, die vorschlägt, doch einfach dem Land ein Stück der Straße abzukaufen und das Ortsschild zu verlegen, sodass eine Zufahrt von der Feuerbacher Straße aus auf dann städtischem Grund möglich wäre.
Aber auch Fehlinformationen stehen im Raum, wie die Aussage einer Anwohnerin, dass nicht alle benötigten Flächen im Besitz der Stadt seien. Das war wohl zum Stand Ende letzten Jahres noch so, erläutert Anja Siegel, jetzt aber so versichert sie, gehören alle benötigten Grundstücke der Stadt.
Anregungen werden geprüft
Die Vertreter der Stadt sichern den Bürgern zu, dass die vorgebrachten Sorgen und Anregungen an die Verwaltungsspitze weitergegeben und geprüft werden. Jetzt beginnt die Phase der Abwägung aller Interessen, dazu werden auch die rund 30 eingegangenen Stellungnahmen berücksichtigt. Klar machte die Stadt auch, dass viele Details der Erschließung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geplant sein können und hier noch etwas Geduld gefordert ist.