Leonberg Das Schicksal von Pitt Adler

Pitt Adler, 1935 geboren, erlebte den Krieg aus völlig anderer Perspektive. Beim Beginn der Bombenangriffe auf Berlin 1940 erhielt seine Mutter das Angebot, im Winter ein Poststelle im besetzten Polen zu übernehmen. Krankheitshalber wurde der Fünfjährige zur Luftveränderung in das Dorf Boniewo im Warthegau vorausgeschickt. Er gesundete nicht nur, sondern verlebte in dem polnischen „Bilderbuch-dorf“ mit polnischen Kindern eine überaus glückliche Zeit, in der er die Sprache erlernte. Die Mutter betrieb die Poststelle und später die Bahnhofswirtschaft. So kamen beide sehr viel in Kontakt mit Einheimischen, wovon Adler heute noch schwärmt. Insbesondere von den alten polnischen Hausrezepten, die ihm bei vielen Krankheiten immer noch helfen.

Bei Schulbeginn 1942 trafen im Rahmen der Umsiedlung die sogenannten „Volksdeutschen“ ein und auch sein großer Bruder, der in Berlin geblieben war, ein sogenannter „Reichsdeutscher“ wie er und zudem Mitglied der Hitlerjungend (HJ). Und die HJ war es dann auch, die Pitts Kinderparadies ein Ende machte. Sie verprügelte erst mal die „Pollacken“ samt seiner, der sich nicht als Deutscher zu erkennen geben wollte, und zerstörte damit sein heiles Deutschland-Bild erheblich. Ein weiteres dazu trugen die deutschen Männer und Frauen bei, die 1943 trotz um Verschonung betender Polen das schöne kleine Dorfkirchlein kurz und klein schlugen. An dieser Stelle des Berichts konnte Adler seine Betroffenheit nicht mehr verbergen.

Traumatische Flucht nach Westen

Die Flucht nach Westen begann im Januar 1945. Sie war eine Abfolge von unglaublichen Abenteuern und der Bewältigung traumatischer Situationen. Da wurden die drei in einem Luftschutzkeller verschüttet, landeten Schutz suchend sogar in einer Halle des KZ Oranienburg. Unvergesslich bleibt Adler eine tagelange Zugfahrt, bei der ein Baby durch Kälte starb: „Die verzweifelten Schreie der Mutter höre ich noch heute in meinen Ohren.“ Und noch immer vor seinen Augen hat er – immer und immer wieder – das Verhör seiner Mutter durch einen schwer bewaffneten Russen. Stockend erzählt er, dass der Soldat die entsicherte Pistole auf den Tisch legte, ihn am Kragen zur Tür zog und mit Fußtritten hinaus beförderte. Seine Mutter blieb im Raum zurück. Über die Vergewaltigung hat sie nie mit ihm gesprochen.

Nach all dem Gehörten, waren die Veranstaltungsbesucher nicht mehr besonders diskussionsfreudig, wohl aber zu Spenden bereit. Spontan kamen mehr als 70 Euro für den Arbeitskreis Asyl zusammen. Der Betrag soll Flüchtlingskindern zugute kommen, die derzeit die Schrecken des Krieges neu erleben müssen, weil die Menschheit offensichtlich nicht bereit ist, aus der Vergangenheit zu lernen.




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