Leonberger Stadtgeschichte Das harte Bäckerleben vor 150 Jahren
Die Randnotizen im Wirtschaftsbuch der Bäckersfrau Lydia Hegele zeichnen ein vielfältiges Bild der Leonberger Stadtgesellschaft in den 1880er Jahren.
Die Randnotizen im Wirtschaftsbuch der Bäckersfrau Lydia Hegele zeichnen ein vielfältiges Bild der Leonberger Stadtgesellschaft in den 1880er Jahren.
Ihre Sachlichkeit und ihre nüchternen Zahlen in ihrem Wirtschaftsbuch können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine liebevolle Mutter war, ihrem Mann eine gute Partnerin und ihren vier Schwestern eine gute Ratgeberin. Lydia Hegele war das Herz, die Seele und der kühle Kopf der Brot- u. Feinbäckerei G. Hegele am Leonberger Marktplatz. Mit ihren Notizen hat sie ein vielfältiges Bild der Menschen gezeichnet, die mit ihren Freuden und Nöten, ihren Hoffnungen und Erwartungen die 2500-Seelen-Stadt Leonberg zum Ende des 19. Jahrhunderts mit pulsierendem Leben erfüllt haben.
Dieses schlichte Buch gehört zu den Schätzen des Stadtarchivs. „Lydia Hegele zeichnet darin ein interessantes und sehr persönliches Bild ihrer zeitgenössischen Gesellschaft“, ist Ina Dielmann begeistert. Die Mitarbeiterin des Stadtarchivs lässt sich von diesen Aufzeichnungen für ihre Stadtführung „Kulinarische Zeitreise mit der Bäckersfrau“ am Samstag, 12. August, um 14 Uhr durch die Altstadt inspirieren.
Lydia Hegele wurde am 18. Juli 1851 in Leonberg als Tochter von Johann Balthas Horrer und Sophie Friederike Josenhans als eines von zwölf Kindern geboren. Die Mutter bringt ein uneheliches Kind mit in die Ehe und über die Familie Josenhans gab es viele Verbindungen zum Pietismus. Der Vater ist ab 1857 Adlerwirt und Fuhrunternehmer. Er fährt den Omnibus nach Stuttgart. Mit diesem Fuhrwerk verunglückt der zweitälteste Sohn Gottlieb in Ditzingen. Ihre Jugend verbringt Lydia im Schwarzen Adler. Sie ging sieben Jahre in eine Mädchenschule mit fast 80 Schülerinnen in jahrgangsübergreifenden Klassen. Die Mädchen machten eine hauswirtschaftliche Ausbildung.
Am 13. Juli 1876 heiratet Lydia mit 25 Jahren den sechs Jahre älteren Bäckermeister Gottlieb Albrecht Hegele, dessen erste Frau im Januar gestorben war. Das Paar bekommt sieben Kinder, Gottlieb bringt die zweijährige Tochter Amalie mit in die Ehe.
Die Bäckerei am Marktplatz, wo heute die Bäckerei Trölsch steht, hatte Lydias Mann von seinem Vater Jakob Hegele erworben. Lydia arbeitete im Verkauf und kümmerte sich um die kleine Landwirtschaft der Familie. Im Jahr 1886 bekam die Bäckerei ein Schaufenster mit Glasbehältnissen, die extra in Stuttgart gekauft wurden – zwei Glasglocken und vier Gläser mit Deckel von Tritschler. Ein Ofen wurde für 45 Mark gekauft. 1888 kam auch ein Ladenschild dazu, das für 13 Mark von Maler Maier angefertigt wurde.
Der Pferdemarkt war bei gutem Wetter ein großes Geschäft, um 12 Uhr wurde vor dem Haus verkauft. Diesmal gibt es Grund zur Freude: „Die Fabrik-Mädchen (von der Schuhfabrik Schmalzriedt) haben bis 13.30 Uhr alles leergekauft, Laugenwecken für 13 Mark (Einzelpreis 10 Pfennig), weißes Brot, Roggenbrot (35 Stück a 25 Pfennig).“ Manchmal blieb auch Ware übrig, einmal 30 Leibchen Brot, die den Bäuerinnen angepriesen wurden. Die Kinder mussten manchmal beim Verkauf helfen oder auch Ware noch vor Besuch der Schule ausliefern.
Zum Backen wurden „italienische“ Eier verwendet, die in großen Mengen eingekauft wurden. Doch Lydia ist unzufrieden, „die waren nicht so gelb wie im Frühjahr“. „Italiener“ war eine Hühnerrasse, die besonders fleißig Eier legte. Die Bauern beschwerten sich häufig über den Preis der Backwaren, da der Dinkel doch gerade so billig sei. Lydia Hegele musste feststellen: „Zwei weitere Bäcker machen größere Bretzel, es müssen dringend 10 Gramm mehr eingelegt werden, da unsere immer die kleinsten sind.“ Das erfolgreichste Gebäck waren Laugenwecken. Doch es gab auch Pannen: „Gustav hat die Laugenwecken vergessen zu salzen“, schreibt die Mutter in ihr Buch.
Aus dem Wirtschaftsbuch geht hervor, dass der Stoff für die Kleidung bei den benachbarten Händlern Lochmüller oder Haag gekauft und dann von Näherinnen weiterverarbeitet wurde. Die Schuhe wurden entweder bei Schuhmacher Josenhans oder sogar schon in der Fabrik Schmalzriedt gekauft (6,85 Mark). Für die Markttage wurden für die Kinder besondere Markttags-Anzügle gekauft (3,50 Mark). Auch die Jungen trugen als kleine Kinder Kleidle und Schürzle.
Arzt- und Apothekenrechnungen mussten selbst bezahlt werden. Tochter Lydia hatte sich eine Bohne in die Nase gesteckt, das kostete zwei Mark beim Arzt. Gotthold fiel bei Glaser Keppler durch die Falltür in den Keller und verletzte sich erheblich – für 15 Besuche bekam Doktor Günzler elf Mark. Gotthold musste dann später auch zur Erholung nach Davos für drei Monate. Die Krankheiten von Vater Gottlieb sind eine große Belastung, da der Ernährer ausfällt. Die Krankenpflege ist Lydias Aufgabe.
Der Gottesdienstbesuch war ein sozialer Treffpunkt, die Familie zog ihre beste Kleidung an, und die Hegeles hatten eine eigene Kirchenbank mit Namensschild. Die Konfirmation der Kinder war immer ein besonderes Ereignis, er gab neue Kleider und ein großes Fest für die ganze Familie. Aus dem Wirtschaftsbuch: „Es gab Fleisch mit Meerrettich, Bohnensalat, Kalbsbraten und Kartoffelsalat, breite Nudeln. 12 Flaschen Bier haben gerade so gereicht.“
„Laut den Aufzeichnungen von Wolfgang Hegele, dem Enkel von Lydia Hegele, der uns das Tagebuch seiner 1904 verstorbenen Großmutter überlassen hat, gab es die Bäckerei Hegele auf dem Marktplatz bis in die 1950 er Jahre“, sagt Ina Dielmann.
Veranstaltung
Es wird ein Erlebniswochenende der besonderen Art in der Region Stuttgart, denn es steht unter dem Motto „Genuss“. Am 12. und 13. August laden 25 Kommunen dazu ein, die Region noch besser kennenzulernen. Die Angebote sind vielfältig von Stadtführungen bis Wandern in der Natur oder eine Kutschfahrt . Für jeden Geschmack ist etwas dabei – und das wortwörtlich, denn Spezialitäten der Region, ob Wein, Gebäck, Kaffee oder Konfitüre gehören natürlich auch dazu.
Leonberg
Auch Leonberg beteiligt sich an der Veranstaltungsreihe und zwar am Samstag, 12. August, mit einer „Kulinarischen Zeitreise mit der Bäckersfrau Lydia Hegele in das Jahr 1888“. Es ist eine Kostümführung mit Ina Dielmann, Mitarbeiterin des Stadtarchivs Leonberg. Am Marktplatz, wo heute das Stadtcafé Trölsch steht, befand sich ursprünglich die „Feinbäckerei Hegele“. Hier startet um 14 Uhr die 70-minütige Führung, mit Ina Dielmann, die als die Bäckersfrau von damals die Interessierten durch die Leonberger Altstadt begleitet. Nach der unterhaltsamen Kostümführung wird mit „Frau Hegele“ das Café Trölsch besucht, wo ofenfrischer Zwiebelkuchen und ein Viertele Wein aus dem Ländle serviert werden.
Führung Die Teilnahme kostet 22 Euro inklusive Speis und Trank. Anmeldung bis 7. August : Telefon 0 71 52 / 9 90 14 07 oder per E-Mail an stadtmarketing@leonberg.de.