Leonberger Verein mit langer Tradition Von den Diakonissen zur Sozialstation

Von Arnold Einholz 

Mitglieder im Krankenpflegeverein bekamen früher Rabatte bei der häuslichen Pflege. Heute kauft der Verein zusätzliche 30 000 Stunden im Jahr für die Pflege ein.

Im Treffpunkt „Sonnenschein“ für Demenzerkrankung entsteht ein Garten, der alle Sinne anspricht. Foto: factum/Bach
Im Treffpunkt „Sonnenschein“ für Demenzerkrankung entsteht ein Garten, der alle Sinne anspricht. Foto: factum/Bach

Leonberg - Fünf Minuten sind schnell verflogen. Sie können aber die kostbarste Zeit am Tag sein, wenn sich jemand zu einem Menschen setzt, mit ihm spricht oder ihm einfach nur zuhört und die Einsamkeit nicht mehr so erdrückend ist. Dafür, dass eine halbe Stunde 35 Minuten dauern kann, setzt sich der Krankenpflegeverein Leonberg ein. Mit Spenden und Beiträgen finanziert der Verein in der Sozialstation jährlich 30 000 Stunden für Pflege. Damit werden Menschen unterstützt, die mehr Zeit und Zuwendung benötigen.

Lange Zeit war der Vorgänger des Krankenpflegevereins, der Diakonissen-Verein, der heute ein Förderverein ist, für die häusliche Pflege in der Stadt verantwortlich. Bis 1996 war für die Mitglieder die Pflege zuhause deutlich billiger als für Nichtmitglieder. Doch mit der Einführung der Pflegeversicherung ist dieser Vorteil entfallen. Die Begründung: Weil jetzt jeder Pflegebedürftige Leistungen von der Pflegekasse beziehen könne, ist eine differenzierte Behandlung verboten.

Zeit kommt bei der Pflege zu kurz

„Weil im Gesetz alles getaktet ist, kommt das Thema Zeit im wahrsten Sinne des Wortes zu kurz. Deshalb machen wir es möglich, dass die halbe Stunde 35 Minuten hat“, sagt Wolfgang Vögele. Der evangelische Dekan ist der gegenwärtige Vorsitzende des Vereins. „Das Gespräch, bei dem das Menschliche eine wichtige Rolle spielt, kann kaum stattfinden, weil das Pflegepersonal schon zum nächsten Termin hetzt“, sagt Ulrich Vonderheid. Leonbergs Erster Bürgermeister ist nicht nur Mitglied im Vereinsvorstand, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender der Sozialstation, die heute die Pflege der Menschen gewährleistet. „Diese hervorragende Einrichtung, die rund 700 Patienten betreut, hat so viele Bürgerkontakte am Tag wie keine andere städtische Einrichtung. Deshalb ist Qualität ganz entscheidend“, sagt Ulrich Vonderheid.

„Freundlichkeit und Zugewandtheit über satt und sauber hinaus ist nicht der gesetzlich finanzierte Zustand“, weiß Reinhard Ernst, der Geschäftsführer der Leonberger Sozialstation. „Damit wir dem Personal sagen können, ‚Lasst euch Zeit für die Patienten’, müssen wir uns zusätzliche Einnahmequellen sichern und eine solche sind die Spenden des Krankenpflegevereins.“ Ernst ist auch der Geschäftsführer des Pflegeverbund Strohgäu-Glems. In der gemeinnützigen Gesellschaft sind der frühere mobile Pflegedienst des Breitwiesenhauses und die städtischen Sozialstationen Leonberg, Gerlingen und Weilimdorf vereint.

Lange Tradition

Der Krankenpflegeverein hat eine lange Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts haben in Leonberg Schwestern der Diakonissen-Anstalt Stuttgart die häusliche Pflege kranker Menschen übernommen. Dieser Einsatz wurde am 16. September 1896 mit dem Verwaltungsrat der Diakonissen-Anstalt Stuttgart vertraglich geregelt. Daraus entstand der Diakonissen-Verein, der für eine geregelte Krankenpflege in der Stadt zuständig war und die Diakonissen einstellte. Vereinsmitglied war, wer sich verpflichtete, jährlich mindestens zwei Mark und 40 Pfennig an die Vereinskasse zu entrichten.

Die erste Schwester trat am 15. Oktober 1896 ihren Dienst in Leonberg an. Im Jahr darauf zählte der Verein 270 Mitglieder. Mit den Einnahmen konnten in der Regel die Unkosten gedeckt und noch ein kleiner Überschuss erzielt werden. In einer Art Sanitätsstube konnte die Diakonisse bei gehfähigen Patienten Verbände anlegen oder wechseln, Injektionen verabreichen, Inhalationen und Massagen anbieten.

Durch den Wandel in der Gesellschaftsstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl derjenigen, die in Notfällen auf fremde Hilfe angewiesen waren, da Verwandtschaft und Nachbarn nicht mehr helfend einspringen konnten. Pflegebedürftige Menschen und besonders Alleinstehende oder alte Menschen brauchten im Krankheitsfall intensive Hilfe. Die Hilfsdienste in Leonberg wurden von Organisationen und Kirchengemeinden erbracht.

Um die Übersicht über soviel Menschenfreundlichkeit nicht zu   verlieren, beschloss Leonbergs damaliger Oberbürgermeister Dieter Ortlieb Anfang der 70er Jahre, all diese Gruppierungen unter der Regie des Sozialamtes der Stadt zu koordinieren und gründete zunächst eine Arbeitsgemeinschaft „Leonberger Sozialdienst“.