Lesart in Esslingen Lesung mit „Posterboy der Pressefreiheit“

Von Philipp Braitinger 

Bei der 25. Lesart spricht der Journalist und Autor Deniz Yücel in der Druckerei Bechtle über seine Verhaftung und die Zeit in einem türkischen Gefängnis. All das hat er in seinem neuen Buch „Agentterrorist“ niedergeschrieben.

Der Journalist und Autor Deniz Yücel möchte mit seinem neuesten Buch einen Punkt unter die Geschehnisse setzen, die ihm in der Türkei widerfahren sind. Foto: Horst Rudel
Der Journalist und Autor Deniz Yücel möchte mit seinem neuesten Buch einen Punkt unter die Geschehnisse setzen, die ihm in der Türkei widerfahren sind. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Seine Geschichte hätte Hollywood nicht spannender erfinden können. In seinem neuesten Buch mit dem Titel „Agentterrorist“ beschreibt der Journalist Deniz Yücel die Geschichte seiner Verhaftung und die Zeit im Gefängnis in der Türkei. Bei der 25. Lesart hat der Schriftsteller vor 250 Gästen in der Druckerei Bechtle aus dem Buch vorgelesen und mit dem Chefredakteur der Esslinger Zeitung, Gerd Schneider, über die Ereignisse kurz nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei, die Pressefreiheit im Allgemeinen und in der Türkei im Besonderen sowie seine Verhaftung und die Zeit im Gefängnis gesprochen.

„Ich muss cool bleiben.“ Das habe er sich trotz Angst, Zorn und Niedergeschlagenheit immer wieder während der Haft gesagt, berichtete der 46-Jährige. Seinen Humor hat er trotz der einjährigen Untersuchungshaft seit Februar 2017 nicht verloren. Die meiste Zeit der Lesung erzählt der 46-Jährige frei von jenen Ereignissen, die ihn zum „Posterboy der Pressefreiheit“ gemacht haben, wie er sagte. Gewollt habe er diese Rolle allerdings nie.

Kugelschreiber in Arrestzelle geschmuggelt

Er berichtet davon, wie er versucht hat, mit einer Gabel und Soße zu schreiben, bis ihm das Entwenden eines Kugelschreibers und der Schmuggel in seine erste Arrestzelle gelang. Auch der Zeitvertreib kurz vor seiner Verhaftung, als er in der Residenz des Deutschen Botschafters in der Falle saß, rang vielen Besuchern ein Schmunzeln ab. So habe der Wunsch, sich zum Serienmarathon von „House of Cards“ und „Orange is the new Black“ eine Pizza zu bestellen, vermutlich mehrere Referate des Auswärtigen Amts beschäftigt, bevor ihm dieser Wunsch als zu gefährlich ausgeschlagen worden sei.

Yücel stellte sich der Polizei in der Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Er wurde zunächst in Gewahrsam in einer Polizeistation genommen. In einer Ausgabe von „Der kleine Prinz“, für dessen großzügigen Weißraum auf den Seiten Yücel noch heute dankbar ist, habe er einen Erfahrungsbericht in der Schmutzwäsche über seinen Rechtsanwalt nach draußen gebracht.

Wenn sich ein Witz angeboten habe, habe er ihn in seinem Buch selten ausgelassen. „Autoritäre Regime haben auch immer etwas unfreiwillig Komisches“, sagte Yücel. Und Humor sei auch ein Mittel der Kritik. „Was ich nicht ändern kann, das kann ich lächerlich machen.“

Eine Anklageschrift gab es nie

Wie es alles so kommen konnte, wie es schließlich kam, dafür hat der Autor keine sichere Erklärung. Eine Anklageschrift gab es schließlich nie. Er scheint irgendwie zwischen die Räder der internationalen Politik gekommen zu sein. Verhaftet wurden Journalisten nach dem Ende des Putschversuches „busweise“, wie Yücel sagte. Und durch die Bemühungen Deutschlands um seine Freilassung sei er vermutlich zu so etwas wie einer wertvollen Geisel des türkischen Präsidenten geworden. „Diese Regierung ist eine Mischung aus Gangstern und Teppichhändlern“, sagte der Autor überzeugt.

Die meisten Besucher freuten sich über einen unterhaltsamen Abend mit einem launigen Deniz Yücel. Etwas Neues haben die Gäste allerdings nicht erfahren. Der Gastgeber Gerd Schneider brachte es gleich zu Beginn des Abends auf den Punkt: „Sie alle kennen die Geschichte.“ Eine offene Diskussion oder eine Fragerunde mit dem Publikum, die dem heiteren und harmonischen Abend mit dem eigentlich brisanten Inhalt noch ein wenig Kontroverses hätte bringen können, blieb aus. Punkt 21 Uhr wurden die ratternden Druckmaschinen angeworfen. Immerhin, Zeit zum Signieren war dann doch noch am Rand der Produktionshalle.