Leser erzählen ihre Flussgeschichten Viel Spaß im kühlen Nass

Als der Neckar bei Esslingen noch nicht schiffbar war und die Straßenbahn über die Pliensaubrücke ratterte, waren sommerliche Badefreuden ein beliebtes Postkartenmotiv. Foto: Stadtarchiv

Im Alltag vieler Menschen in Stadt und Landkreis Esslingen sind der Neckar und seine Kanäle sehr präsent. Unsere Zeitung hat Leserinnen und Leser eingeladen, in ihren Erinnerungen zu stöbern und ihre ganz persönlichen Flussgeschichten zu erzählen.

Die Nähe zum Fluss trägt Esslingen am Neckar nicht nur im Namen – für viele Menschen ist das Wasser auch im Alltag sehr präsent: Ross- und Wehrneckar durchqueren die Innenstadt und lassen malerische Ansichten entstehen, in manchen Häusern, die direkt ans Wasser grenzen, gibt es sogar kleine Bootsanlegestellen. Und mit der Uferpromenade an Merkelpark und Freibad und künftig auch im geplanten Neckaruferpark bietet die Stadt vielfältige Möglichkeiten, den Fluss zu erleben. Viele Esslingerinnen und Esslinger haben ein sehr persönliches Verhältnis zum Neckar und seinen Kanälen – und viele erinnern sich an unvergessliche Erlebnisse, die sie mit dem Wasser verbinden. Unsere Zeitung hat ihre Leserinnen und Leser eingeladen, ganz persönliche Flussgeschichten zu notieren. Die schönsten, spannendsten und originellsten veröffentlichen wir auf dieser Seite.

 

Rettungstat in stinkender Brühe

Meine Mutter lernte das Schwimmen im Esslinger Neckar in den 1940er Jahren. Mein einziges Bad im Neckar war Anfang der 1970er Jahre. Damals war der Schwimmverein noch neben dem Neckarfreibad angesiedelt, den Uferweg gab es noch nicht. Getrennt nur durch einen halbhohen Zaun vom Neckarwasser, landete unser Fußball ab und zu im Fluss. Der Schuldige musste ihn wieder rausholen. Ich war nur einmal dran. Über den Zaun und eine Leiter am Neckarufer ging es ins Wasser, das damals eher einer dreckigen und stinkenden Brühe glich. Den Kopf krampfhaft oben haltend, holte ich den Ball wieder raus, und dann sofort ab unter die heiße Dusche. Nachhaltig geschadet hat es mir wohl nicht, aber der Gestank ging mir eine ganze Weile nicht mehr aus der Nase.

Jürgen Kemmner, Esslingen

Kühner Sprung ins trübe Nass

Ich bin Jahrgang 1954 und direkt am Fluss aufgewachsen. Mein Vater war lange Jahre der Gärtnermeister von Merkel & Kienlin, der Esslinger Wolle. Da lag es nahe, dass wir Kinder im Volksschulalter viel Zeit am Neckar verbrachten. Am alten Wasserhaus lag damals ein alter, verrosteter Arbeitskahn aus Eisen. Mit dem waren die städtischen Kanalarbeiter öfters zu Gange. Der Kahn war mit einer Kette gesichert, die aber kein Schloss hatte. Deshalb machten wir Knaben zu verabredeter Zeit den Kahn los und ließen uns den Hammerkanal entlang Richtung Stadtmitte treiben. Unten am Wehr angekommen, ließen wir den Kahn liegen und machten uns aus dem Staub. Meistens war der Kahn einige Tage später wieder oben am Wasserhaus an der Kette. Ohne Schloss ...

Eines Tages hatte ich mich verspätet, die Kameraden hatten schon abgelegt. Also nahm ich Anlauf, sprang am Ufer ab und wollte noch ins Boot gelangen. Ich hatte mich aber leider etwas in der Entfernung verschätzt, verfehlte die Landeplattform, fiel in das damals nicht ganz saubere Brackwasser des Kanals und stand sofort bis zur Hüfte im übel riechenden Schlamm und Morast. Die Freunde legten wieder an und halfen mir aus der Brühe, und ich stand nach Fisch und Moder stinkend am Ufer. Nach Hause konnte ich so nicht kommen, der gestrenge Vater hätte unangenehme Fragen gestellt, die weitreichende erzieherische Maßnahmen nach sich gezogen hätten. Ein Freund, der in einer Metallwarenfabrik am anderen Ufer wohnte, nahm mich mit nach Hause. Seine gütige Mutter gewährte mir eine Dusche und frische Kleidung. Meiner Mutter fielen daheim nur noch der leichte Fischgeruch und die fremde Kleidung auf. Sie stellte zum Glück kein großes Verhör an, und die Sache war erledigt. Der Mutter des Freundes bin ich heute noch dankbar und wenn ich sie zufällig treffe, reden wir gerne über diese Geschichte.

Martin Fuchslocher, Esslingen

Die Lauter war der schönste Spielplatz

Ich bin nahe der Lauter aufgewachsen, die bei Wendlingen in den Neckar fließt. Am Neckar gab es früher in Wendlingen sogar einen Bootsverleih. Im Sommer sind wir Jungs trotz strengsten Verbots unserer Eltern oft von der Brücke an der Wehrstraße in die Lauter gesprungen. Wenn man nicht genau den Gumpen traf, eine Vertiefung im Flussbett, konnte das ziemlich in die Hose gehen. Einmal musste sogar der Krankenwagen geholt werden. Ein Highlight war es für uns, mit ausgedienten Gummischläuchen von Lastwagen, die wir billig vom Reifenhändler bekamen, bis zur Mündung in den Neckar zu schwimmen, den ganzen Weg mit den Schläuchen wieder zurück zu gehen und das Ganze zu wiederholen.

Als ich als 15-Jähriger in den Ferien beim Wendlinger Bauhof arbeitete, musste ich im alten Stadion die Wege fegen, was ziemlich frustrierend war. Einmal habe ich meinen Besen in die Lauter geworfen und meinem Capo gesagt, er sei mir reingefallen. Der Capo meinte, ich solle ihm gefälligst hinterherspringen und ihn aus der Lauter fischen. Entspannt spazierte ich die Lauter entlang und wartete bis Feierabend. Den Besen konnte ich leider nicht mehr erwischen.

Im Winter gingen wir in der Wendlinger Hochstatt zum Rodeln. Talseitig begrenzt durch den damaligen Lauterkanal, war es jedes Jahr spannend, wer sich als erster mit dem Schlitten den Hang hinunter wagte, um auf den zugefrorenen Kanal zu donnern. Dafür gab’s zu Hause manche heftige Standpauke. Und noch etwas ist mir in Erinnerung geblieben. Früher gab es in Ötlingen eine Färberei, deren Abwasser die Lauter in allen möglichen kräftigen Farbtönen einfärbte – Rot, Grün, Lila, Blau oder Gelb – je nachdem, wie die Stoffe gerade eingefärbt wurden. Das war für uns immer ziemlich befremdlich.

Wolfgang Keller, Wendlingen

Der Fluss weckt Fernweh

Der Neckar war für mich in meiner Kindheit ein aufregendes Abenteuer. Obwohl streng verboten, spielten wir unterhalb des Wasserhauses auf dem kiesigen Ufer bei der Metallwarenfabrik Deffner und bei Merkel und Kienlin (Esslinger Wolle). Das Wasser färbte sich mal blau und mal rot, wenn die Wolle gefärbt wurde. Dort wuchsen riesige Weiden, auf die wir kletterten. Einmal gab ein Ast nach, und ich stand mit meinen kurzen Lederhosen mitten in meterhohen Brennnesseln. Wie meine Ausrede zuhause ausfiel, weiß ich nicht mehr. Dann wurde der Neckar schiffbar gemacht. Das Wehr wurde abgebrochen, Spundwände wurden eingerammt, Schleusen gebaut. Da gab es jeden Tag etwas zu staunen. Immer wieder wurde der Flusslauf verändert.

Eines Tages kamen zwei Freunde im selbst gebauten Kanu in dem turbulenten Wasser in Schwierigkeiten und kenterten. Sie konnten schwimmen und retteten sich ans Ufer, ich hielt das vollgeschlagene Kanu am Ufer fest, bis sie mir helfen konnten. Wie ich erfuhr, waren sie aus Rottweil und wollten in den Sommerferien bis nach Holland. Fast alle ihre Vorräte waren verloren. Ich konnte ihnen helfen. Zuerst ging es über die Pliensaubrücke zu Foto-Äckerle am Bahnhof, um die Kamera zu retten. Dann eilte ich nach Hause mit dem Vorsatz, den Vorratsschrank meiner Oma zu plündern, was zur Mittagszeit schwierig war, denn sie war am Kochen. So erzählte ich ihr meine Absicht und sie unterstützte mich. Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, beladen mit Konserven, den besten Senfgurken meiner Oma, Apfelsaft und Keksen. Inzwischen hatten die Freunde ihre Sachen getrocknet und freuten sich riesig. Schließlich setzten sie ihre Fahrt fort und ließen mich mit meinen Träumen zurück. Nach ein paar Wochen bekam ich eine Postkarte aus Holland. Zehn Jahre später war ich mit meinem selbst gebauten Kajak selber auf dem Neckar unterwegs, dann in der weiten Welt bis Canada.

Arnold Schumacher, Esslingen

Auf Du und Du mit Familie Schwan

Ich liebe Schwäne. Jedes Jahr treiben sie im Sommer bei Esslingen auf dem Neckar auf und ab mit ihrer Kükenschar. Mein Mann und ich machen jedes Mal einen Wettbewerb daraus, wer sie im Frühjahr als erster entdeckt. 2022 warteten wir vergebens. Erst im Juni geschah das Wunder: Zwei prächtige weiße Schwäne paddelten gemächlich auf dem Neckar in Höhe Brühl und Mettinger Wiesen – eines der Tiere hatte auf dem Rücken ein Gewusel von Grau. Die Vögel kamen ans Ufer, wo ich entzückt wartete, und die Schwänin mit ihrer wuselnden Fracht entließ ein Küken nach dem anderen aufs Wasser. Die flutschten von ihrem Rücken nach hinten und zur Seite herunter – sechs kleine Persönlichkeiten. Die Schwänchen piepsten mit hohen Stimmen, ihre Schnäbel waren grau, die Augen waren wie kleine Knöpfe, glänzend und wach. Ich war glücklich.

Von da an beobachtete ich die Familie oft, denn ich radelte fast täglich von Weil über den Neckarsteg zu den Mettinger Wiesen in den großen neuen Park und Mitmachgarten. Auch mein Mann freute sich an den Schwänen, und gegenseitig schickten wir uns Fotos. Im Juli oder August gab es einen gewaltigen Sturm, und ich sorgte mich um die Schwänchen. Mein Mann musste nachschauen. Als er zurückkam, schüttelte er den Kopf: „Hab’ keinen gesehen.“ Oje, dachte ich, kein gutes Zeichen. Am nächsten Tag wagte ich es, selbst zu fahren. Der Sturm hatte die Büsche am Neckarufer umgeknickt und Äste abgerissen. Es sah aus wie nach einer Katastrophe. Ich fuhr zum Mitmachgarten – kein Schwan zu sehen. Ich erinnerte mich, dass es weiter Richtung Stuttgart einen Rückzugsort in Ufernähe gab, den die Schwäne manchmal aufsuchten, um Mittagsschlaf an Land zu halten oder ihr Gefieder einzufetten. Ich beschloss nachzusehen. Und da waren sie. Ich musste heulen vor Erleichterung, machte schnell ein Foto und schickte es meinem Mann, damit auch er erleichtert sein konnte. Die Familie tat, als sei nichts gewesen. Die Jungen piepten ihr „Wiedewiedewiedewitt“, mit geschlossenen Schnäbeln. Die beiden Alten hatten ihre Schar immer im Blick.

Im Spätsommer waren die Jungen schon groß, die grauen Federn wurden allmählich durch weiße Daunen ersetzt. Ich beobachtete, wie sie als Schar allein unterwegs waren, weit weg von ihrem Elternpaar, das in der Mitte des Neckars schwamm. Ich setzte mich ans Ufer, und die Gang kam herangeschwommen. Aber keiner hatte Zeit für mich, die Augen waren auf das Elternpaar gerichtet. So selbstständig waren sie doch noch nicht. Im Herbst sah ich sie weniger oft. Nun hatten sich die Nachkommen aufgeteilt, mal sah ich zwei, mal drei, am Ende nur noch einen, inzwischen fast weiß und sehr groß. Im Winter zogen sie sich zurück, wie jedes Jahr, und ich konnte nur warten bis zum nächsten Frühjahr, wenn ich wieder gespannt Ausschau hielt nach dem diesjährigen Nachwuchs.

Brigitta Öztan, Esslingen

Fange spielen im Wehrneckarkanal

Ich bin auf dem Rossmarkt in Esslingen aufgewachsen, unser Spielplatz waren die Maille und der Kanal. Beim Wehrneckarkanal sind wir ins Wasser gegangen, sind dort gewandert, haben uns gegenseitig bespritzt und Fangerles gespielt. Sobald aber eine Wasserratte angeschwommen kam, waren wir schnell wieder an Land. War sie weg, liefen wir gleich wieder ins Wasser. Respekt hatten wir auch vor dem Schwan Roland, der zwickte, wenn er jemanden erwischte. Das Highlight des Jahres war, wenn der Kanal abgelassen wurde und kein Wasser mehr floss. Da waren alle Kinder da. Man fand Kochtöpfe, Fahrräder und vieles mehr, was von den Leuten im Wasser entsorgt wurde. Ich habe schöne Fische gefunden und voller Stolz meiner Mutter gebracht. Sie war nicht begeistert und hat mich weggeschickt, damit ich sie wieder dorthin bringe, wo ich sie gefunden hatte. Damals habe ich nicht verstanden, warum sie das wollte.

Unser Schulweg führte am Kanal entlang. Im Sommer sind wir im Wasser nach Hause gelaufen. Einmal im Jahr gab es einen Kanuwettbewerb auf dem Kanal. Am Kesselwasen beim Wasserrad kamen die Kanus schnell heruntergeschossen. Da war halb Esslingen auf den Beinen. Sonntags ging man am Neckar spazieren – entweder von der Pliensaubrücke aus in Richtung Weil oder am Freibad vorbei in Richtung Sirnau. Im Sommer konnte man bei der Pliensaubrücke an einem Wehr schwimmen. Hat man einen Schwimmkurs gemacht, fand der im Freibad statt. Dort hat der Bademeister im Neckar erste Schwimmversuche betreut. Gute Schwimmer sind vom Wasserhaus in den Neckar gesprungen. Das war aber verboten. Bald wurde der Neckar schiffbar gemacht. Von der Pliensaubrücke oder dem Alicensteg aus winkten wir den Leuten auf den Schleppkähnen.

Gudrun Kaiser, Ostfildern

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